Paolo Conte
Der sanfte Entertainer eröffnet das Jazz Festival in Montreux

Paolo Conte eröffnet diese Woche das Jazz Festival. Der Grande Maestro zeigt sich gelassener denn je.

Mathias Haehl
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Paolo Conte stieg erst im Alter von 42 Jahren auf die Bühne. Seine Fans nennen ihn heute den «grande maestro». Getty Images

Paolo Conte stieg erst im Alter von 42 Jahren auf die Bühne. Seine Fans nennen ihn heute den «grande maestro». Getty Images

Redferns

Einsam steht Paolo Conte auf der Bühne, seine zehn Musiker sind schon weg. Die 1000 Zuschauer in Lugano wollen den selten auftretenden Meister der jazzigen und bluesigen Canzoni nicht ziehen lassen. Da gibt’s nur eins: Vorhang zu. Der Applaus geht weiter, die Fans bleiben stehen. Dann kommt Conte allein vor den wallenden Vorhang zurück, verneigt sich tief – und zieht dann seine Hand über den Hals: sein Zeichen für «Kopf ab», aus die Schau.

Paolo Conte ist ein eigenwilliger Mensch, aber ein begnadeter Musiker: Er ist fast so zynisch wie Randy Newman, einiges melodischer als Tom Waits, viel männlicher als Bob Dylan und fast so elegant wie Leonard Cohen – und doch irgendwie interessanter als alle diese Musikgrössen zusammen. Kein Wunder, nennen ihn alle «grande maestro», grosser Meister. Wer dem Cantautore begegnet, ist vor Ehrfurcht nervös. Und wer eines der raren Interviews machen darf, ist angespannt. Den launischen Meister ja nicht vergraulen, hat seine Managerin gewarnt.

«Keine Politik, bitte»

Frauen und Musse, Altwerden und Tod, Berlusconi und Politik – darüber wollen wir mit Paolo Conte reden. Über seine wunderbare Musik wurde schon viel geschrieben. Seine Lieder schreibt er für Männer, weil er den Frauen einst nicht zutraute, den Jazz zu verstehen. Doch die Frauen sind in seinen Konzerten stets in der Überzahl. «Mit Italienern über den Tod reden und mit Conte über Berlusconi – das geht gar nicht!», belehrt mich Francesca Schoch, die unser Interview mit dem 81-Jährigen übersetzt.

Da sitzen wir dann in der engen Garderobe im Luganeser «Arte e Cultura»-Neubau LAC. Müde schaut Conte aus nach der Fahrt von seinem geliebten Landsitz in der Spumante-Region Asti durch den Verkehrsmoloch Mailand. «Ruhe ist mir am wichtigsten», sagt er. Doch als Francesca mit ihren benieteten Valentino-Heels wippt, wird der wortkarge Sänger ganz sanft. Denn Contes Damen-Entourage weiss sich aufgrund eines ungeschriebenen Gesetzes die Gunst des Chefs lässig zu ergattern.

«Viva Italia!» haben wir ihn begrüsst, da schüttelt er nur den Kopf, blickt verächtlich drein. Aber Signore, sind Sie denn nicht stolz auf Moda, Pasta, Amore und dieses schöne Ferienland? Naja, sagt er, seine Heimat kämpfe, nicht nur mit Politwirren und der Schwäche des Fussballs. Wir wollten elegant überleiten zur Politik, doch da lächelt er nur milde. «Keine Politik, bitte.» Es wäre knackig gewesen, wenn der sanfte Entertainer und Kommunistenfreund sich über Berlusconi in Rage geredet hätte. Immerhin haben Conte und Berlusconi etwas gemeinsam: Beide haben ihre Karrieren als Pianisten auf Kreuzfahrtschiffen lanciert. Ein einziges Mal liess Conte sich hinreissen: «Berlusconi versteht doch einiges von Politik. Ich nicht», diktierte er der «Süddeutschen Zeitung». Doch in Italien blicke niemand mehr durch, keiner traue keinem mehr. «Es gibt auch keine klaren Positionen mehr. Früher war die Linke links, die Rechte rechts und die Mitte lag dazwischen. Heute gibt es lauter Allianzen, niemand hat mehr den Mumm, zu sagen: Ich bin Kommunist. Alle sind miteinander verfilzt. Und zwar auf der ganzen Welt.»

Späte Berufung

Der Mann ist weise, und er scheint zufrieden. Weil er sich abschottet und in seiner Kulturwelt lebt. Welches waren die besten Jahre? «Die jetzigen, denn ich spüre eine Heiterkeit und Gelassenheit», sagt er mit warmem Blick. Andere in seinem Alter hadern mit dem unvermeidlichen Tod, der in grossen Schritten naht. Doch sieht man Conte auf der Bühne in seinem schwarzen Anzug, Sonnenbrille und maliziösem Lächeln, realisiert man die Jugendlichkeit und Agilität dieses Seniors.

Erst spät hat Paolo Conte zu seiner Berufung gefunden: 1968 schrieb er für Adriano Celentano den Hit «Azzurro». Darin geht es um Tagträume, Fernweh und Sehnsucht nach einer Liebschaft. Selber stieg Conte erst mit 42 Jahren auf die Bühnen und begeisterte fortan mit seinem brüchigen Gesang die Massen. Zuvor hatte er als Anwalt gearbeitet und die Notarpraxis seines Vaters übernommen. Paolo Conte ist eigen, auch in der Musik. Er nervt sich an der Gleichförmigkeit: «Der Trend zur Dekadenz ist auf der ganzen Welt zu beobachten. Es fehlt an wachen Geistern, an innovativen Köpfen. Denken Sie doch mal an das 20. Jahrhundert mit seinen phänomenalen Revolutionen! In der Musik, in der Literatur, in der Kunst.»

Und was begegnet ihm heute? Er neigt bedächtig den Kopf mit der knolligen Nase und flüstert: «Wir bewegen uns in winzigen Schritten vorwärts. Da passiert kaum etwas. Warum das so ist? Wahrscheinlich der Materialismus, der Konsumismus. Der ist ja immer schon gefährlich gewesen.» Da zieht sich Conte lieber auf seinen Landsitz mit seiner Frau zurück. Und taucht mit Literatur und Musik in ferne Zeiten ab: Er liebt die 20er-Jahre, als die Moderne einen Knacks erlebte, neue Kunstformen wie Kino und Jazz stark wurden. Er ist gerne in Paris oder London.

Rettende Melancholie

Conte ergänzt: «Wenn ich mir eine Zeit für mein Leben aussuchen dürfte, dann würde ich das 19. Jahrhundert wählen. In der Nachkriegszeit hat die Melancholie meiner Generation das Leben gerettet; sie hat uns erlaubt, trotz aller Verluste zu geniessen.» Müde und fast ein bisschen traurig lächelt er Übersetzerin Francesca an. Den meisten fehle heute angesichts der Alltagshektik die Zeit für sinnliche Erfahrungen, sagt er. «Deshalb lese ich moderne griechische Dichter, male zur Entspannung. Und meide Gesellschaft. Warum sollte ich die Mitmenschen auch mit unfertigen Gedanken belästigen? Dazu bin ich viel zu selbstkritisch.» Doch von diesem Selbstzweifel und seiner Sinnsuche merken seine Fans wenig. Sie halten Conte für den kompletten Musiker, der elegant mit den Stilen spielt.