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Der Risiko-Musiker

Jamie Cullum ist zum poppigen Jazz zurückgekehrt – und besser denn je.Am Mittwoch spielt er in Lörrach.

Stefan Künzli
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Den Sprung vom Klavier hat er beibehalten: Jamie Cullum, hier bei seinem Auftritt am diesjährigen Jazz-Festival Montreux. KEY

Den Sprung vom Klavier hat er beibehalten: Jamie Cullum, hier bei seinem Auftritt am diesjährigen Jazz-Festival Montreux. KEY

KEYSTONE

Jamie Cullum war eine Art Wunderkind des Jazz, als er in den frühen 00er-Jahren auftauchte. Knapp 20 war er damals. Ein musikalischer Frechdachs, der die Szene mit seinem extrovertierten Spiel, jugendlichem Übermut und Überschwang aufmischte. Er hatte etwas wohltuend Unverschämtes und Unverfrorenes. Der 1,65 Meter kleine Musiker traktierte sein Klavier, schlug es, tanzte auf ihm – und nutzte das Instrument als Sprungbrett.

Mit seinem knackigen Mix zwischen Jazz und Pop und seinem Drang zur Unterhaltung scherte sich der britische Pianist und Sänger schon damals nicht um Etikettierungen. Jamie Cullum war erfrischend anders. Mit eigenen Songs, aber vor allem auch mit eigenwilligen Interpretationen von alten Jazz-Klassikern, repräsentierte er alles, was der altbackene, in sich gekehrte, intellektuelle Jazz damals verloren hatte.

Eigentlich war es anders geplant: Als Sohn eines Israeli und einer Burmesin erlebte Jamie eine wohlbehütete Kindheit in der englischen Provinz Wiltshire. Er träumte von einem bürgerlichen Leben, studierte Philosophie, Literatur und Film. Er wollte ein anständiger Journalist werden. Nebenbei, um Geld zu verdienen und sein Studium zu finanzieren, spielte und sang er in Bars und an Hochzeiten. Doch dann wurde er entdeckt und vom Branchenriesen Universal unter Vertrag genommen.

Irgendwie stecken geblieben

Der Erfolg stellte sich schnell ein. Sein Album «Twentysomething» erreichte in Grossbritannien Platz 3 und war 61 Wochen in den Charts. Für einen Jazzmusiker eine kleine Sensation. Er galt als «The next big thing», als der kommende neue Superstar – nicht nur des Jazz. Doch dann ist das Unternehmen «Superstar» irgendwie ins Stocken geraten oder auf halbem Weg stecken geblieben. Sein Alben erreichen zwar immer noch die Top 20 der britischen Charts, was für einen Jazzmusiker immer noch beachtlich ist, doch der Weg wies plötzlich nicht mehr nach oben.

Jamie Cullum geriet ins Grübeln. Er haderte mit seiner Wahrnehmung als Interpret von Standards. «Die Leute vergessen gerne, was für eine Kunst die Interpretation darstellt. Sie glauben, dass du kein wahrer Künstler bist, wenn du nicht deine eigenen Songs schreibst», sagte er in einem Interview mit dem Magazin «Jazzthing». Auf «Momentum» (2013) verzichtete er deshalb auf jazzige Elemente und versuchte sich stattdessen als Singer/Songwriter mit ausschliesslich eigenen Kompositionen. Jamie wollte ein normaler Popstar sein. Ein Irrtum. Das Ergebnis war zwar nicht schlecht, aber Jamie hatte seine Unverwechselbarkeit verloren.

Hart groovender Tausendsassa

Inzwischen ist Jamie Cullum 36 Jahre alt. Auf «Interlude», seinem aktuellen Album, ist er wieder dort, wo wir ihn haben wollen; und er macht, was er am besten kann: jazzigen Pop und poppigen Jazz. Den Jugendbonus hat er verloren, den hat er auch nicht mehr nötig. Der Jamie Cullum von heute ist der beste, den es je gab. Er ist ein Tausendsassa. Ein hart groovender, zupackender Pianist, ein mit allen Wassern gewaschener Sänger und Interpret und ein glänzender Entertainer. Frech, frisch und unverfroren spielt er weiterhin – und seinen Sprung vom Klavier wagt er auch immer noch. Das ist sinnbildlich. Denn anders als die meisten seiner Kollegen sucht Jamie Cullum das Risiko; versucht, die Grenzen des Ausdrucks auszuloten und zu erweitern.

«Wieso ist dieser Jamie Cullum nicht längst ein Weltstar?», fragt mein Begleiter nach dem Konzert des Briten am Jazz-Festival Montreux vorletzte Woche begeistert. «Im Vergleich dazu kannst du den Robbie Williams doch rauchen».

Live am Stimmen Festival: Mittwoch,
20. Juli, 20 Uhr, Lörrach Marktplatz.