Baloise Session
Der Nette und der Star

Die Chartbreakers John Newman und Milow haben Gemeinsamkeiten, treten aber verschieden auf.

Andrea Mašek
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John Newman hatte mit seinem Auftritt das Publikum sofort in der Tasche.Dominik Plüss

John Newman hatte mit seinem Auftritt das Publikum sofort in der Tasche.Dominik Plüss

Dominik Plüss

Sympathisch – so wird Milow meistens beschrieben. Ja, das ist er. Er kommt in schwarzen Jeans und schwarzem T-Shirt auf die Bühne, ganz ohne Starallüren, sieht sich als Teil seiner Band, spricht viel mit dem Publikum, als stünde er einem Freund gegenüber. Er erzählt Anekdoten, über die gelacht wird. Er schmeichelt, bringt den üblichen Schmus, dass er Basel mag und die Schweiz, dass die Baloise Session was Tolles sei. Ab und zu bedankt er sich mit einem «Merci villmal». Seine erste Zugabe widmet er dem verstorbenen Festivalleiter Matthias Müller sowie seinem toten Vater. Sehr sympathisch.

Milow sagt auch, er fühle sich geehrt, nach vier Jahren wieder eingeladen worden zu sein. Er will zeigen, was er seither gemacht hat. Das tut er: Acht seiner 13 gespielten Songs stammen aus den letzten zwei Jahren. Er habe etwas experimentiert, meint er, mit alternativem R & B und Hip-Hop. Er tönt auch poppiger, mit viel Synthesizer. Der Gesang geht darin manchmal unter. Viel Neues ist etwas seicht. Die Tanzwilligen, die beim dritten Song vor die Bühne gegangen sind, stehen oft etwas hilflos herum.

Es sind die alten Lieder, die Chartbreakers, die ziehen, zum Mitklatschen und Tanzen animieren. «You and Me», «Little in the Middle» und natürlich Milows grösster Hit: das 50-Cent-Cover «Ayo Technology». Da stehen dann alle. Ist ja auch einfach, das Ayo mitzusingen. Und ganz zum Schluss mit dem Belgier den Mond anzuheulen. Sein Toblerone-Mousse, das ihn nun hinter der Bühne erwartet, gönnt man ihm von Herzen. Weil er nett ist und mit dem Trio «Building Bridges» – auch das aus dem Jahr 2012 – wirklich berührt hat. «Ich brauche etwas mehr Zeit», bittet er darin.

John Newman hüpft, tanzt, rennt

Das kann John Newman unterstreichen. Der 26-jährige Brite war in letzter Zeit in den Schlagzeilen nicht wegen seiner Musik, sondern aufgrund seines Hirntumors. Das spricht er an diesem Abend auch offen an – und hüpft, tanzt, rennt, gleitet über die Bühne, als ob nichts wäre. Der Unterschied zu Milow wird in den ersten Sekunden nach der Pause klar: Das tosende Intro und die weisse Showtreppe kündigen einen Star an. Newman lässt sich Zeit, bevor er im Glitzeranzug, rotem Hemd, weiss-schwarzen Schuhen und geliertem Haar seinen grossen Auftritt und das Publikum sofort in der Tasche hat.

«Give Me Your Love» singt er als Erstes – und er bekommt sie. Die Fans stürmen nach vorne. Nicht nur Frauen. Vor ihnen fällt Newman auf die Knie, mehr als einmal. Mit seiner fülligen Figur erinnert er sowieso etwas an Elvis, und in diesen Momenten ganz besonders. Doch die Stimme ist ganz anders, höchst soulig. Er klingt schon beim zweiten Song, als ob er seit Stunden auf der Bühne steht. Und er verspricht nach dem dritten Lied: «Ich werde nie aufhören, Musik zu machen, für euch, mit meiner Band!»

Er steht ja eigentlich auch erst am Anfang seiner Karriere, mit zwei Alben. Die ersten grossen Hits «Feel The Love» und «Not Giving In» landete er mit dem Londoner Musikkollektiv Rudimental. Mit «Love Me Again» gabs dann einen weiteren Chartstürmer. Letztere beiden bringt er als Zugabe. Nach dem Solo «Last Dance». Dass er leicht daneben singt, verzeiht man ihm, denn es ist ein höchst emotionaler Moment – im Hinblick auf seine Diagnose.

John Newman hat zu diesem Zeitpunkt auch bereits fast alles gegeben. Die Jacke flog beim vierten Song. Das «No» von «I’am Not Your Man» ist an Dramatik nicht zu überbieten – ganz im Gegensatz zu Milows «No No No», das viel zu fröhlich klang. Aber auch bei Newman überzeugt das Neuere weniger als das Ältere. So richtig feiern lässt er sich deshalb auch stets bei den früheren Songs. Etwa bei «Cheating», wo er stillsteht, zur Decke blickt mit ausgebreiteten Armen und beklatscht werden will und auch wird. Ein Star halt.