Eidgenössisches Jodlerfest
Das Woodstock der Jodelfreunde: Warum sich Jodeln wieder steigender Beliebtheit erfreut

Am Eidgenössischen Jodlerfest in Brig werden 150000 Besucher erwartet. Für Tradition und Brauchtum interessieren sich heute nicht mehr nur konservative Kreise.

Stefan Künzli
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Heimatgefühle im sind Trend: In der Schweiz wenden sich die Menschen den Brauchtümern zu. Davon profitiert auch die Jodler-Gemeinschaft. swiss-image.ch/Andy Mettler

Heimatgefühle im sind Trend: In der Schweiz wenden sich die Menschen den Brauchtümern zu. Davon profitiert auch die Jodler-Gemeinschaft. swiss-image.ch/Andy Mettler

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Das Eidgenössische Jodlerfest ist ein Festival der Superlative. Über 12 000 Aktive aus den Sparten Jodeln, Alphornblasen und Fahnenschwingen haben sich für die 30. Ausgabe vom 22. bis 25. Juni in Brig angemeldet und rund 150 000 Besucher werden in der Walliser Gemeinde erwartet. Das wären gleich viel wie schon in Interlaken 2011 und Davos 2014. Das Woodstock der Jodelfreunde gehört damit zusammen mit dem Paleo Festival in Nyon (230 000 Besucher in sechs Tagen), dem Montreux Jazz Festival (über 200 000 in 15 Tagen) und dem Open Air Frauenfeld (rund 150 000 in drei Tagen) zu den grössten Veranstaltungen des diesjährigen Festivalsommers.

«Das Jodeln in der Schweiz erfreut sich einer anhaltend grossen und sogar steigenden Beliebtheit», sagt Karin Niederberger, die Präsidentin des Jodlerverbandes. Das war nicht immer so. Vor rund 50 Jahren, mit der Hippie-Jugend und der 68er-Bewegung, entstand ein ideologischer Graben. Jodeln galt vor allem bei den Jugendlichen als verstaubt und hoffnungslos rückständig. Umgekehrt wurde die Schweizer Volksmusik von konservativen Kreisen vereinnahmt.

Die erste und oberste Aufgabe des 1910 gegründeten Eidgenössischen Jodlerverbandes ist die Pflege und Erhalt des Jodelgesangs. Seine Rolle ist und bleibt bewahrend. Er präsentiert sich heute aber offen für Neuerungen, ist weitgehend entpolitisiert und ideologiefrei. Bewusst wird versucht, den Publikumskreis zu vergrössern.

Gegentrend zu Globalisierung

Auch Linke besinnen sich auf das Regionale, auf die Tradition und das Brauchtum. Das kann als Gegentrend zur Globalisierung gesehen werden. Die Fronten zwischen Traditionalisten und Erneuerern haben sich aufgeweicht, Vorurteile werden abgebaut. Das ist der Hauptgrund für die anhaltende Popularität des Jodels. Er wird heute als klingendes Abbild der Schweiz wahrgenommen und ist in allen Gesellschaftsschichten, Politkreisen und Regionen gleichermassen anerkannt und respektiert.

In den Jodel-Hochburgen der Innerschweiz (Entlebuch und Muotatal), in beiden Appenzell, dem Toggenburg und dem Berner Oberland ist der Jodelgesang gelebte Tradition. Eine orale Kultur, die von Familie zu Familie, von Generation zu Generation weitergegeben wird. Die Jungen werden wie selbstverständlich in die Kunst des Jodelns eingeführt. Nachwuchsprobleme kennen die Jodlerklubs hier nicht.

Abseits der Hochburgen, im Mittelland und den urbanen Zentren ist die Situation schwieriger. «Die Jodlerklubs sind teilweise überaltert. Wir kämpfen um jedes Mitglied und aktive junge Jodler gibt es nur wenige», sagt Silvia Meister, die Präsidentin des Jodlerverbands Nordwestschweiz (Solothurn, Aargau und beide Basel) und aktive Jodlerin des Jodlerklubs Passwang Mümliswil. «Junge wollen sich nicht einbinden», sagt sie und sieht darin eine allgemeingültige gesellschaftliche Entwicklung, unter der alle Vereine im Mittelland leiden. Manche Jodelklubs sind denn auch in ihrer Existenz bedroht oder finden keinen Dirigenten. Trotzdem bleibt Meister optimistisch. «Wir helfen uns gegenseitig, und irgendwie geht es dann immer weiter. In meiner Amtszeit soll kein Klub das Vereinsleben aufgeben.», sagt sie.

Hoffen auf Basel

Dabei erlebt der Jodel gerade auch in Städten einen kleinen Aufschwung. Vor allem die urchigen, urtümlichen Jutze haben es Städtern angetan. Die Jodlerin Nadia Räss gibt in Zürich Jodelkurse, die regelmässig ausgebucht sind. Doch von diesem urbanen Trend zum Volkstümlichen haben die Jodelklubs bisher nicht profitieren können. Der Jodel ist hier Privathobby und hat keinen Vereinscharakter.

Hoffnung macht Silvia Meister, dass sich viele Junge für Schweizer Traditionen interessieren und sich damit identifizieren können. «Die Jungen haben ein wachsendes Bewusstsein für Brauchtum und Tradition und gehen so selbstverständlich an das Jodlerfest wie an ein Open Air», sagt sie, «viele tragen dabei Edelweiss-Hemden oder tragen eine Tracht.»

Der Nordwestschweizer Verband unter Initiantin Silvia Meister will den Aufwind nutzen und in den nächsten Jahren mächtig Gas geben: In zwei Jahren findet in Mümliswil das Nordwestschweizerische Jodlerfest statt und 2020 am Rhein sogar das Eidgenössische. Basel wird für vier Tage zur Hauptstadt des Jodels. Meister ist überzeugt, dass dort auch viele Junge Feuer fangen werden und sich für das Jodeln begeistern lassen. Vielleicht sogar aktiv in einem Jodelverein.

Wie die eigentümliche Gesangstechnik in der Schweiz zum Inbegriff des helvetischen Nationalgefühls wurde

Jodel, Naturjutz und Zäuerli sind Inbegriff des helvetischen Nationalgefühls. Klingende Schweizer Heimat. Doch der Schweizer Jodel ist bei uns vergleichsweise jung. Gemäss dem Musikhistoriker und Volksmusikdozent Dieter Ringli galt der Jodel in der Schweiz bis weit ins 20. Jahrhundert als typische Tiroler Musik.

Naturjutz nur regional

Der Tiroler Jodel, dieser professionelle, hochvirtuose Jodelgesang, war in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in gehobenen, städtischen Kreisen sehr beliebt und wurde in den europäischen und amerikanischen Konzertsälen, Salons und Variétés gesungen.

Im Muotatal, Appenzellerland, Toggenburg und Berner Oberland gab es zwar den einheimischen Naturjutz oder Naturjodel, doch dieser von Bergbauern gesungene und geprägte Rufgesang war nicht weit verbreitet, regional beschränkt und weit davon entfernt, sich als nationale Gattung zu etablieren.

Erst mit der Gründung des Eidgenössischen Jodlerverbandes 1910 wurde der «ächte, urchige Jodel» zur «urwüchsigen Schweizer Eigenart» erklärt. Dabei ging es in erster Linie darum, die «fremdfötzelige Tirolerei» zurückzudrängen und stattdessen den hiesigen Jodel zu fördern. «Die ächten, urchigen Jodler von Berg und Tal müssen zusammenhalten und sich in jeder Beziehung fernhalten von der Variétésingerei. Wir wollen nicht etwa Kunstjodeln, sondern ein richtiges Naturjodeln», heisst es in der Einladung zur Gründung der Jodlervereinigung Bern 1910.

Musik wird Politik

Um das auch in der Schweiz beliebte Tiroler Jodellied zu verdrängen, wurde vom Eidgenössischen Jodlerverband das Schweizer Jodellied geschaffen und mit Schweizer Gründlichkeit reglementiert. Es sollte aus zwei Teilen bestehen: Einem Liedteil, der die Schweizer Heimat inhaltlich preisen und glorifizieren soll sowie einem darauf folgenden Jodelteil, dessen Silben streng vorgeschrieben waren.

Das Schweizer Jodellied ist also nicht eine über die Jahrhunderte gewachsene und entwickelte heimische Volksmusik. Vielmehr eine vom damals jungen Jodlerverband bewusst konstruierte Form, zur Abwehr des Fremden und Schaffung von nationaler Identität. Das straffe Regelwerk wurde geschaffen, um auch den Städtern, den Zugang zum Jodel zu ermöglichen. Das Schweizer Jodellied wurde von den Verbandsoberen zur Schweizer Volkskultur erklärt. Ein patriotischer Akt und hochpolitischer Entscheid.

Jutz marginalisiert

Wir wissen heute nicht, inwiefern sich das ab 1910 entwickelte Schweizer Jodellied tatsächlich von der Tirolerei unterschied. Wir wissen aber, dass der urchige Naturjutz, der ursprünglich gefördert werden sollte, gerade vom neuen reglementierten Jodellied noch mehr marginalisiert wurde. Die vom Verband vorgegebene Form wurde zur einzigen vom Verband akzeptierten Art des Jodelns erklärt. Da passten die textlosen, freien und unstrukturierten Naturjodel der Bergbauern nicht hinein. Erst recht nicht in das Wettbewerbsregelwerk der Eidgenössischen Jodlerfeste.

Langsame Öffnung

Erst ab den 1990er-Jahren wurden die starren und verkrusteten Formen etwas aufgeweicht und der Jodel entideologisiert und entpolitisiert. Und gerade die aktuelle Verbandsspitze ist offen für Veränderungen. Für eine offene und lebendige Volkskultur.