Klassik
Christine Schäfer: Eine Diva nimmt die Diven hoch

Christine Schäfer, die burschikose Deutsche, zeigt sich als schrille Operndiva mit blonder Mähne – und das Programm reicht unheimlicherweise von Händel über Vincenzo Bellini zu Olivier Messiaen, vom Barock bis ins 20. Jahrhundert.

Christian Berzins
Drucken
Cecilia Bartoli Decca-Uli Weber 1
16 Bilder
Angela Gheorghiu EMI-Cosmin Gogu
Angela Gheorghiu EMI-Ioana Hameeda
Cecilia Bartoli Decca-Uli Weber 2
Cecilia Bartoli Wikipedia-Andreas Praefcke
Angela Gheorghiu EMI-Gabriel Hennessey 1
Klassikdiven
Sumi Jo Warner
Simone Kermes Sony-Moritz Schell 3
Cecilia Bartoli Decca-Uli Weber 3
Christine Schäfer Sony-Bodo Vitus
Simone Kermes Sony-Moritz Schell
Simone Kermes Sony-Andreas Dommenz 2
Cecilia Bartoli Decca 1
Christine Schäfer Sony-Bodo Vitus 2
Christine Schäfer Sony-Bodo Vitus 4

Cecilia Bartoli Decca-Uli Weber 1

Aargauer Zeitung

Anti-Diva», «bodenständig» oder «unbeirrbar in der Wahl ihres Repertoires» lauteten in den letzten Jahren die bewundernden Schlagworte des Feuilletons, wann immer über die deutsche Sopranistin Christine Schäfer geschrieben wurde. Typisch, kündigt eine solche Sängerin auch mal einen glamourösen Exklusivvertrag mit der Deutschen Grammophon, da man sie dort angeblich zu freizügiger Cover-Gestaltung überreden wollte. Schäfers CD-Produktionen nahmen zwar nicht ab, waren danach aber ohne die professionelle DG-Werbetrommler viel weniger beachtet. Die Opernlaufbahn hingegen nahm munter ihren Lauf. Als Salzburg 2006 wegen eines «Figaro» mit Anna Netrebko als Susanne kopfstand, stahl Cherubino/Schäfer dem russischen Sopranmodel die Show.

Vielleicht hat sie sich in diesen turbulenten Salzburger Wochen an die alten DG-Zeiten erinnert. Jedenfalls legt die Schäfer nun eine CD vor, deren Cover und begleitende Bilder kuriose CD-Inszenierungen à la Bartoli oder Gheoerghiu (siehe unten) in den Schatten stellen: Die burschikose, kurzhaarige Deutsche zeigt sich als schrille Operndiva mit blonder Mähne – und das Programm reicht unheimlicherweise von Händel über Vincenzo Bellini zu Olivier Messiaen, vom Barock bis ins 20. Jahrhundert.

Grenzen ausser Kraft gesetzt

Die 46-Jährige bewältigt den Spagat mit erstaunlicher Sicherheit. Ihr heller Sopran mag zwar nicht überall gleich bestehen, aber er meistert die Aufgaben. Dass sich Schäfer auch an Desdemonas «Canzone del salice» und ans «Ave Maria» aus Giuseppe Verdis «Otello» wagt, zeigt ihren Übermut. Und es zeigt jene Stärke wie leise Schwäche: Schäfer gestaltet grossartig aus dem Wort, scheitert aber am weichen italienischen Silbenklang.

Wer sich nun fragt, was Händels Barockmusik mit den Klängen von Olivier Messiaen zu tun hat, wird in einem Aufsatz im CD-Beiheft aufgeklärt: Ursprung des Konzepts ist die Gräfin aus Richard Strauss’ Oper «Capriccio», die dort vor einem Spiegel sitzend sich in Gedanken zwischen einem Dichter und einem Komponisten entscheiden sollte: «Sind es die Worte, die mein Herz bewegen, oder sind es die Töne, die stärker sprechen?» Und so scheint es dann bisweilen mehr um die Töne, bisweilen mehr um die Worte zu gehen. Oder noch besser: Schäfer zeigt mit ihrer Kunst, dass es diese Grenzen gar nicht geben müsste.

Jetzt erst gehts richtig los

Es ist auch ein Grundgedanke im Schaffen Schäfers. Sie hat einst sowohl als Mozart-Sängerin wie später als Lulu-Darstellerin einen Weg gefunden. Vor kurzem sagte sie in einem Interview unter dem vielsagenden Titel «Zuerst denkt man, man sei die zweite Callas»: «Ich gehöre nicht zu jenen, bei denen die Stimme von Anfang an da war, sie war wirklich sehr zart. Jetzt fängt es eigentlich erst an. So wie jetzt hätte ich meine Stimme gerne vor zwanzig Jahren gehabt!» Mit der Sony-CD ist ihr ein eindrücklicher Beweis dieses Statements gelungen.

Schäfer Arias, Sony 2011.

Aktuelle Nachrichten