Klassik
Chiara Enderle: Eines der grössten Cello-Talente erobert die Schweiz

Die Zürcherin Chiara Enderle wuchs hinter Konzertbühnen auf. Heute gilt sie als eines der grössten Schweizer Talente am Cello.

Sibylle Ehrismann
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Cellistin Chiara Enderle: «Ich will in Davos die ganze Spannbreite meines Spiels zeigen.»

Cellistin Chiara Enderle: «Ich will in Davos die ganze Spannbreite meines Spiels zeigen.»

Vera Markus

Sie ist 24 Jahre jung, hat einen hübschen dunklen Lockenschopf und tritt sehr selbstbewusst auf: die Zürcher Cellistin Chiara Enderle. Seit ihrem überraschenden Sieg am Internationalen Lutoslawski-Wettbewerb 2013 mit Schumanns Cellokonzert und dem fast gleichzeitigen Gewinn des «Pierre Fournier Awards London» ist sie auch international ein Begriff und konzertiert im In- und Ausland. Diesen Sommer ist Chiara Enderle erstmals am beliebten Festival «Young Artists in Concert» (5. bis 19. August) in Davos mit dabei, und am 29. August debütiert sie beim Lucerne Festival – das Konzert ist bereits ausverkauft.

Wir treffen uns zum Gespräch in Zürich. Als sie hereinkommt, sieht man sie kaum hinter ihrem grossen weissen Cellokasten, den sie fast immer dabei hat und auf dem Rücken trägt. Wo sie denn gerade herkommt? «Ich war im Ballett-Training, das ist für mich ein guter Ausgleich zum Musizieren, die Lehrerin ist ausgezeichnet und sehr inspirierend.» In zwei Tagen bestreitet sie zudem ihr nächstes Konzert, auf dem Programm steht Cesar Francks Klavierquartett, das sie in ihrer kleinen eigenen Konzertreihe «Musik im Morgental» in Zürich aufführt.

Konzerte auch im Altersheim

Speziell an dieser Konzertreihe ist, dass auch Auftritte im Altersheim und in Schulen dazugehören. Wie muss man sich das vorstellen? «Ich wollte im Quartier, in dem ich aufgewachsen bin, eine kleine Konzertreihe veranstalten, die hier eingebettet ist. Es gibt viele Leute im Altersheim, die Klassik lieben, die freuen sich immer sehr, wenn wir kommen. Ich organisiere mit einer Freundin vier Konzerte pro Saison, die in den Kirchen von Wollishofen stattfinden, dafür machen wir jeweils Vorkonzerte im Altersheim oder in den Schulen.»

Davos Festival 2017

Das Festival «Young Artists in Concert» zieht hochbegabte junge Musiker aus aller Welt an, sie musizieren in Davos spontan zusammen, die Qualität ist hoch, das Ambiente entspannt. Kunterbunte Programme durchziehen das 14-tägige Programm, in den meisten Kammermusik-Konzerten verwischen die Grenzen zwischen Unterhaltung und Klassik. Star-Pianist und Komponist Olli Mustonen ist dieses Jahr «Composer in Residence».

Davos Festival: 5.–19. August

Im August geht es dann nach Davos, wo Chiara Enderle in acht verschiedenen Konzertveranstaltungen auftritt. Für dieses Sommer-Festival kommen jeweils junge hochbegabte Musiker(innen) aus aller Welt nach Davos. Was hat Chiara Enderle gereizt, hier mitzumachen? «Das Konzept in Davos ist schon speziell», meint sie dazu. «Man spielt immer nur ein Stück in einem Konzert, dann spielen andere weiter, und im nächsten Konzert macht man vielleicht Kammermusik mit anderen, aber auch nur in einem Stück, man spielt nie, wie sonst üblich, den ganzen Abend.»

Das Festival «Young Artists in Concert» begibt sich diesen Sommer «auf den Spielplatz des Lebens», so das Motto des Intendanten Reto Bieri. Pfiffig kommt das «Spielplatz»-Programm daher: Es gibt einen Workshop, in dem kleine Instrumente gebastelt werden können, aber auch Konzerte zu lustigen Themen wie «Spielzeugschachtel», «Fugenspiele» oder «Schachzüge».

Eigens für dieses Festival wird auch eine «Spielbox» gebaut, in der jeweils nur ein Musiker oder eine Musikerin ein Solo-Stück spielt, und das immer nur für einen Zuhörer. Das geht nicht länger als fünf Minuten, und schon ist der nächste dran. Das Gesamtprogramm wird von Reto Bieri zusammengestellt, und alle Musiker sind verpflichtet, die 14 Tage in Davos zu bleiben und sich auf die anderen einzulassen.

Fragt man die junge Cellistin, was sie als Musikerin am liebsten macht – solistisch aufzutreten, Rezitals oder Kammermusik –, dann meint sie ohne zu zögern, dass die Kammermusik ihre Heimat sei. «Ich finde den Austausch mit anderen sehr spannend, es ist aber auch aufregend, solistisch mit Orchester zu spielen. Ich mache beides sehr gerne.» In die Kammermusik ist die junge Vollblutmusikerin ja einfach hineingewachsen, denn ihre Eltern – Matthias Enderle (Violine) und Wendy Enderle-Champney (Bratsche) – spielen beide im renommierten Carmina-Quartett.

«Bei Proben hinter der Bühne»

Auf die vielen Konzertreisen hat man die kleine Chiara jeweils einfach mitgenommen, betreut von einem Au-pair-Mädchen. «Sie war bei den Proben oft hinter der Bühne», erzählte einmal die Mutter, «und bald wollte sie auch Musik machen und bekam eine Spielzeug-Geige. Das war aber alles sehr kindlich und spielerisch, ohne Druck.»

So ist sich Chiara Enderle eigentlich nichts anderes gewohnt als das Musikerleben, das Proben, Reisen, Konzertieren und Organisieren. Gemeinsam haben sie auch oft Hausmusik im Trio gespielt. Deshalb lag es nahe, dass die Tochter einsprang, als die Schreckensnachricht kam, dass der Cellist des Carmina Quartetts, Stephan Goerner, einen Hirnschlag erlitten hatte.

Bald steht nun auch Chiara Enderles Debüt am Lucerne Festival bevor. Welche Stücke hat sie dafür ausgewählt? «Ich will an diesem prominenten Ort die ganze Spannbreite meines Spiels zeigen, auch fragte ich mich, was ich wirklich Lust habe zu spielen.» Mit der Pianistin Hiroko Sakagami gibt sie Schuberts Arpeggione-Sonate und Brahms’ 2. Cellosonate F-Dur op. 99, das seien ihre Lieblingsstücke, und bei Pendereckis «Capriccio per Siegfried Palm», das sie oft spiele, freue sie sich immer wieder über die Reaktionen des Publikums: «Es hat die Erwartung, ein modernes Stück zu hören, aber die Musik ist sehr lustig, ja theatralisch, und ich liebe es, wenn das Publikum überrascht ist und lacht.»