Neues Album
Charlotte Gainsbourg kehrt ins Leben zurück: «Ich gehe davon aus, dass die Trauer nie vorbeigeht»

Nach dem Tod ihrer Schwester zog Charlotte Gainsbourg nach New York. Sie erklärt, wie sie den Schicksalsschlag verarbeitet und warum ihr neues Album eine Liebeserklärung an ihren Vater ist.

Steffen Rüth aus New York
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Charlotte Gainsbourg

Charlotte Gainsbourg

CLEMENT PASCAL/The New York Time
Ein Bild aus glücklichen Familientagen: Die kleine Charlotte mit Mutter Jane Birkin, Vater Serge und ihrer grösseren Schwester Kate.

Ein Bild aus glücklichen Familientagen: Die kleine Charlotte mit Mutter Jane Birkin, Vater Serge und ihrer grösseren Schwester Kate.

Getty Images

Ihr Gesicht ist ungeschminkt. Die 46-jährige Charlotte Gainsbourg hat eine zarte Gestalt, wirkt fragil. Doch beim Treffen in New York ist ihr Handdruck überraschend kräftig. Auf ihrem neuen Album «Rest» hat sie die Texte erstmals selbst geschrieben. Sie lassen tief blicken. Die Tochter von Serge Gainsbourg und Jane Birkin verarbeitet dort die grossen Dramen ihres Lebens. Sie geben Einblick in das Leben der berühmten Familie.

Charlotte Gainsbourg, warum treffen wir uns in New York und nicht in Paris?

Charlotte Gainsbourg: Ich lebe jetzt hier.

Seit wann?

Seit gut drei Jahren. Als meine Schwester starb, musste ich Paris verlassen. Ich hielt es dort nicht aus. Ich war depressiv.

Ihr Halbschwester Kate Barry kam Ende 2013 in Paris beim Sturz aus dem Fenster ihrer Pariser Wohnung ums Leben.

Wie soll man mit so etwas Furchtbarem umgehen? Wir entschieden uns dafür, als Familie zu versuchen, ein neues Leben in einer neuen Umgebung zu beginnen. Mein Ehemann Yvan und unsere Kinder tragen die Entscheidung zum Glück mit. Es hat uns gutgetan, hierherzuziehen.

Wo in New York wohnen Sie?

Im West Village. Das Leben in New York ist recht unkompliziert, das tut mir gut. Ich gehe hier deutlich öfter ungeschminkt durch die Strassen, in Paris habe ich mehr auf mein Auftreten geachtet. Ich fahre in New York sogar Fahrrad. Allerdings glaube ich nicht, dass wir für immer hier bleiben werden. Ich fühle mich noch immer sehr französisch und Paris stark verbunden.

Haben Sie von New York aus einen anderen Blick auf Frankreich bekommen?

Obwohl ich weit weg bin, höre und lese ich mehr französische Nachrichten als früher. Es passiert ja so viel, gerade in der Politik. Aber ich bin auch nach wie vor häufig in Paris, unser Haus dort haben wir noch, schon allein wegen der Arbeit pendle ich viel.

Warum haben Sie sich ausgerechnet für New York entschieden?

Es war eine Art pragmatischer Kompromiss. Los Angeles wäre für meine Filmkarriere praktisch gewesen, ist mir aber wirklich zu weit weg von Europa. New York fühlt sich viel europäischer an. Und in London kann ich einfach nicht leben, das ist noch nie meine Stadt gewesen, obschon ich da geboren bin. Komisch, der Vater meiner Schwester Kate (Komponist John Barry, gestorben 2011) lebte in New York. Ich erinnere mich, wie sie als Kind oft ohne mich nach New York flog, um ihn zu besuchen.

Waren alle für den Umzug?

Ja. Meine Kleine war zweieinhalb, als wir herkamen. Sie liebt Paris, den Eiffelturm, und hat es zunächst nicht verstanden, warum wir weg sind. Sie fremdet immer noch. Sie ist viel glücklicher, wenn wir in Paris sind. Alice ist 15 und findet es super. New York ist genau ihr Ding. Unser Sohn Ben ist nicht mitgekommen. Er ist 20, lebt in England und findet dort gerade heraus, was er mit seinem Leben anfangen will.

Als Sie 20 waren, war Ihre Karriere längst lanciert.

Ja, die begann schon mit zwölf. Von aussen sah es immer selbstverständlich danach aus, dass die Tochter von Serge Gainsbourg und Jane Birkin ins Showgeschäft geht, doch ich habe mir das offengehalten, bis ich 19 war.

Hoffen Sie, dass Ihre Kinder ebenfalls die Kunst zum Beruf machen?

Das haben Yvan und ich nicht zu entscheiden. So wie meine Eltern die Liebe für Film und Musik auf mich übertragen haben, versuchen wir, diese Leidenschaft auf unsere Kinder zu übertragen. Ich kann sagen, dass sie unsere künstlerischen Berufe spannend und anziehend finden.

Hören Ihre Kinder die Musik ihrer Mutter?

Nein, oder wenn, dann habe ich es noch nicht mitbekommen. Aber was sie sich permanent anhören, sind die Lieder von Oma und Opa. Sie saugen das Werk meiner Eltern regelrecht auf. Das finde ich total klasse.

Sie haben hingegen immer gesagt, Sie hätten die Songs Ihres Vaters gemieden.

Bis 19 hörte ich nichts anderes als seine Chansons. Das änderte sich abrupt, als er starb. Bis heute ist es zu schmerzhaft für mich, seiner Stimme zuzuhören. Der Tod meines Vaters war für mich gleichbedeutend mit dem Tod von Musik als solcher. Höchstens Klassik ertrug ich noch, aber nichts mehr mit Stimmen.

Was erzählen Sie Ihren Kindern über Ihren Vater Serge, der 1991 an einem Herzinfarkt starb?

Alles, was sie wissen wollen. Mich macht es glücklich, wenn die Kinder neugierig sind und Fragen stellen. Als Alice noch klein war, habe ich heimlich seine Lieder in ihren iPod geschmuggelt und geguckt, wie sie reagiert. Und sie sang mit! Jo hingegen hört am allerliebsten die Songs meiner Mutter, das ist süss. Auch Ben berührt das Werk seiner Grosseltern, am liebsten mag er die Lieder, in denen es um Drogen geht (lacht). Er war ein wilder Junge, aber er wird gerade vernünftiger.

Wie wild waren Sie selbst? Sie sind mit Ihren extrovertierten «Je t’aime»-Eltern ja quasi in der Öffentlichkeit gross geworden.

Wir waren eine Familie, die den Franzosen gehörte. Wir wurden immerzu fotografiert und beobachtet, das war normal für uns. Trotzdem hatten wir ein Leben wie andere Kinder, wir gingen normal zur Schule, machten die Sachen, die alle machen, und verbrachten unsere Ferien in einem Haus auf dem Land, das meiner Mutter gehörte. Meine Eltern hatten einen sehr einfachen, bescheidenen Geschmack, das Bling-Bling-Leben, wie du es heute bei Prominenten siehst, das gab es für uns als Familie nicht. Wir Kinder bekamen allerdings mit, dass die beiden, wenn sie allein ausgingen oder mit Freunden feierten, ziemlich auf die Pauke hauten (lacht).

Seit wann schreiben Sie Tagebuch?

Als ich nach Kates Tod in depressiver Stimmung war, tat es mir gut, alles aufzuschreiben. Später brachte ich meine Gedanken in Poesieform.

In «Lying With You» sprechen Sie über den Tod Ihres Vaters.

Ja, der Song ist vor allem eine Liebeserklärung an ihn, auch wenn er harsch wirkt. Ich wollte exakt beschreiben, was passierte, als er starb. Ich fand ihn tot im Bett und legte mich neben ihn – neben meinen toten Vater.

Auch stilistisch erinnert «Lying With You» an Ihren Vater.

Serge ist eine Inspiration für jedes einzelne meiner Lieder. Meine Musik ist ganz unbeabsichtigt stets auch eine Hommage an ihn. Es wäre heuchlerisch, das wegzudrücken oder zu negieren.

Würden Sie denn Ihre Beziehung mit Yvan Attal als Komfortzone bezeichnen?

Einerseits ja. Andererseits nein. Unsere Verbindung empfinde ich als immer noch sehr fragil, riskant und nicht selbstverständlich. Dass wir seit 26 Jahren zusammen sind, bedeutet nicht, dass es auch so bleibt. Ich hoffe das natürlich, aber es ist selten, dass Menschen nach einem Vierteljahrhundert noch ein Paar sind. Wir fühlen uns wie Dinosaurier. Sogar meine eigene Mutter blieb nie länger als zehn, zwölf Jahre bei ihren Männern. Es ist nicht Teil der Familientradition, sehr lange mit dem Partner zusammenzuleben.

Sie sind das Gesicht und eines der Aushängeschilder von Yves Saint Laurent. Was bedeutet Ihnen Mode?

Nicht viel. Ich verfolge und bewundere, was Anthony Vaccarello, der Kreativdirektor von Saint Laurent, macht.

War die Arbeit an «Rest» wie eine Therapie?

Schon, aber ich fühle mich noch nicht gesundet, der Schmerz ist noch lange nicht geheilt. Ich gehe davon aus, dass die Trauer nie vorbeigehen wird.

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