Jazz
Charlie Parker: Das Genie zwischen Innovation und Absturz

Eine neue deutschsprachige Biografie von Wolfram Knauer über das exzessive Leben von Charlie Parker, des Miterfinders des Bebop und des modernen Jazz.

Stefan Künzli
Merken
Drucken
Teilen
Charlie «Bird» Parker (1920–1955). Der Saxofonist hat die Sprache miterfunden, die der moderne Jazz spricht. William Gottlieb/Getty Images

Charlie «Bird» Parker (1920–1955). Der Saxofonist hat die Sprache miterfunden, die der moderne Jazz spricht. William Gottlieb/Getty Images

Redferns

Wann wurde Bebop geboren? Wann wurde der Jazz modern? Schwer zu sagen, denn musikalische Innovationen sind ein Prozess, die in einem bestimmten Umfeld in einem bestimmten Zeitraum wachsen. DIE Geburtsstunde gibt es auch für den Bebop nicht – oder erst recht nicht. Die ersten Bebop-Aufnahmen der Jazzgeschichte datieren erst vom 28. Februar 1945. Wie der Jazz-Professor Wolfram Knauer in seiner neuen Biografie über Charlie Parker ausführt, ist man sich heute aber einig, dass der moderne Jazz schon einiges früher entstand.

Um die Anfänge des Bebop und damit um die Geburtsstunden des modernen Jazz ranken sich einige Legenden, denn die Entwicklung erfolgte weitgehend im Verborgenen. Von 1942 bis 1944 hatte die amerikanische Musikergewerkschaft einen «Recording Ban» ausgerufen. Ausgerechnet jene Phase, in der sich die neuen Erkenntnisse zu einem neuen Stil heraus bildeten, wurde nicht dokumentiert.

Dazu kam, dass die neuen Elemente ab 1941 in halbprivaten Musikerkneipen und Afterhour-Sessions im Umfeld von Musikern wie Charlie Parker (Altsax), Dizzy Gillespie (Trompete), Kenny Clarke und Max Roach (Drums), Charlie Christian (Gitarre), Bud Powell und Thelonious Monk (Klavier) entwickelt und kaum öffentlich präsentiert wurden. «In der Retrospektive können wir inzwischen die fehlenden Jahre nachvollziehen», schreibt Knauer. Nicht zuletzt dank «illegalen» und privaten Aufnahmen von Jazzfans.

Bruch in der Jazz-Gemeinde

Der Saxofonist Charlie «Bird» Parker ist nicht der einzige «Erfinder» des Bebop, aber sicher der Einflussreichste und Wichtigste. 1939 kam er von seiner Geburtsstadt Kansas City zum ersten Mal nach New York, arbeitete tagsüber als Tellerwäscher und spielte jede Nacht in Jamsessions. Dort experimentierte Parker mit komplexen harmonischen Weiterentwicklungen der Jazzsprache und legte damit die Basis für den Bebop.

Eines Abends hat Parker in «Dan Wall’s Chili Joint», einem Club in Harlem, mit dem Gitarristen Biddy Fleed gejammt. Über dem Standard «Cherokee» habe er für sein Solo zum ersten Mal Akkordtöne der erweiterten Intervalle benutzt. Dazu hätten sie auch mit der neuen «Blue note», der «flatted fifth» (verminderte Quint), experimentiert, die für den Bebop stilbildend wurde. «An diesem Abend», bestätigte Parker später, habe er «zum ersten Mal gespielt, was er immer gehört habe.» Glaubt man dieser Darstellung, spielte Parker an dieser Session vor 75 Jahren zum ersten Mal Bebop, lange bevor dieser unter dieser Bezeichnung die Jazzszene in Aufruhr versetzte.

Gerade weil sich der Bebop unter Ausschluss der Öffentlichkeit entwickelte, wirkten die ersten Aufnahmen von 1945 auf das unvorbereitete Jazz-Publikum wie ein Schock. Es kam zu heftigen Kontroversen zwischen Modernisten und Traditionalisten. Das Jazzmagazin «Down Beat» warf Parker noch 1946 «schlechten Geschmack» und «irregeleiteten Fanatismus» vor.

Erstmals ging ein Bruch durch die Jazz-Gemeinde und Louis Armstrong sagte 1948, «den Beboppern ging es nur darum, die älteren Musiker auf den Arm zu nehmen und aus reiner Schadenfreude alle Konventionen des Jazz willkürlich auf den Kopf zu stellen». Umgekehrt betonten Bebop-Ideologen wie Ross Russel den revolutionären Charakter der neuen Musik. «Bebop ist eine Musik der Revolte: gegen Big Bands, Arrangeure, flache Harmonien, leichte Rhythmen und gegen jede Form der kommerziellen Musik.»

Mehr Evolution als Revolution

Die Musiker des modernen Jazz wollten ihre Musik als Kunst- und Hörmusik verstanden wissen und distanzierten sich deshalb bewusst von der Funktionsbindung des Jazz zu Tanz und Unterhaltung. Doch der Gegensatz zwischen Traditionalisten und Modernisten wurde gemäss Knauer «weit stärker aufgebauscht, als es den Musikern recht war». Diese waren sich der Kontinuität immer bewusst. Die Improvisation wurde wichtiger, die Musik schneller und virtuoser, harmonisch erweitert, melodisch weniger eingängig und rhythmisch komplexer. «Doch es war nicht unbedingt ein Umbruch, sondern eher eine Fortentwicklung», schreibt Knauer.

Gillespie führte die Trompetentradition von Armstrong ebenso weiter wie Parker jene von Lester Young. Und Parker war ein Kind von Kansas City, geprägt von den Jams und Battles sowie dem Blues. Das Repertoire von Parker bestand zu einem guten Drittel aus 12-taktigem Blues und zwei Drittel basierten auf Standards aus der traditionellen Swing-Ära. Die Harmonieprogressionen wurden mit neuen Themen und neuen Titeln versehen. So basieren etwa «Ornithology» auf «How High The Moon», «Donna Lee» auf «Indiana» und zehn der 49 Eigenkompositionen von Parker auf den Changes von Gershwins «I Got Rhythm».

Knauers Buch bringt keine grundlegend neuen Erkenntnisse über den grossen Charlie Parker. Zu viel ist schon über diesen Musiker zwischen Genie und Absturz geschrieben worden. Ausgehend von den Musikaufnahmen hat sich der Musikwissenschafter Fragen gestellt, recherchiert und versucht, den Zusammenhang zu Parkers Biografie, seiner schwierigen Persönlichkeit und der Drogensucht herzustellen. «Das alles ist meine eigene Sicht, die Sicht eines Europäers, der aus heutiger Sicht das Phänomen Charlie Parker zu ergründen versucht», sagt Knauer dieser Zeitung. Er beschreibt Parker deshalb aus einer nüchternen Distanz. Die unzähligen Legenden und Geschichten über Parker haben alle ein Körnchen Wahrheit. Knauer widerlegt sie nicht, aber relativiert sie hin und wieder.

Ikone der Beat-Poeten

Charlie Parker beherrschte sein Instrument wie kein anderer, doch sein eigenes Leben brachte er nie in den Griff. Es ist dieser Gegensatz zwischen künstlerischer Genialität und privaten Abgründen, der bei Parker fasziniert. «Vielleicht war es dieses Auf und Ab im Leben, das ihn zu einer Identifikationsfigur der Beat-Poeten machte», schreibt Knauer. Also jener Poeten der 50er-Jahre um Jack Kerouac («On The Road»). Umgekehrt wurde seine Rolle auch überhöht und gesellschaftspolitisch instrumentalisiert. Sein Drogenkonsum wurde auch als Antwort auf die gesellschaftlichen Zustände in Amerika, Rassismus und Diskriminierung interpretiert. Doch Parker äusserte sich fast nie über politische und gesellschaftliche Fragen.

Der Exzessive

Knauer sieht die Gründe für den Drogenkonsum in seiner komplexen Persönlichkeit: «Parkers Sucht aber, das Exzessive, das sich in seiner Musik ja genauso ausprägte wie in seinem Sexleben oder seinem Drogenkonsum, war viel eher ein Zeichen für die Sensibilität eines Künstlers, der bewusst bis an den Rand des Möglichen geht, wissend, dass man nur dann Neues entdeckt, wenn man Wagnisse eingeht. Alle Belege über seine Arbeitsweise zeigen, dass er im Studium, im Üben nicht weniger exzessiv war als in allen anderen Dingen, die ihn im Leben beschäftigten. Das Exzessive, das sein Leben zerstörte, war genau dasselbe Exzessive, das ihn zu immer neuen Höhepunkten trieb. Das eine war ohne das andere nicht möglich.»

Charlie «Bird» Parker starb am 12. März 1955 im Alter von 34 Jahren.

Quelle: Wolfram Knauer: Charlie Parker, Reclam.