Mundart-Pop
Büne Huber: «Mich zieht es zum Exzess»

Büne Huber im Interview mit der «Nordwestschweiz» über das neue Album von Patent Ochsner, seine neue Freundin und seine Masslosigkeit

Stefan Künzli
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Der Berner Sänger Büne Huber (53) hat seit einem Jahr wieder eine Freundin. Dank ihr hat das neue Album eine hoffnungsvolle, optimistische Note. peter klaunzer/keystone

Der Berner Sänger Büne Huber (53) hat seit einem Jahr wieder eine Freundin. Dank ihr hat das neue Album eine hoffnungsvolle, optimistische Note. peter klaunzer/keystone

KEYSTONE

Finitolavoro. «Fertig gschaffet». Büne Huber, Hören Sie auf zu musizieren?

Büne Huber: Nein, nein. Überhaupt nicht. Es ist auch nicht das Ende der Ochsners. Nur der Abschluss der Trilogie.

Der Abschied ist aber zentral. Wovon nehmen Sie Abschied?

Der erste Teil ist 2005 entstanden. Das ist eine lange Zeit, in der es dramatische Veränderungen in meinem Leben gab. Im Zentrum steht die Trennung von meiner Frau, mit der ich jahrelang zusammen war. Das hat mich lange sehr beschäftigt. In diesem dritten Teil ist nun der Auszug meiner 18-jährigen Tochter dazugekommen. Daraus ist «Da für di» entstanden. Ich bin jetzt konfrontiert mit einer ähnlichen Situation, wie jene, die ich im Song «Elisabeth» besungen habe. Als ich es war, der mein Elternhaus, meine Mutter, verliess. Das sind für mich wahnsinnig einschneidende Momente. Dieser Abschied ist natürlich folgerichtig und logisch, aber für mich halt nicht «easy».

Abschluss bedeutet auch ein Neustart. Was kommt?

«Finitolavoro»

Büne Huber (53) hat eine eigene Sprache und einen eigenen Sound mit melodischen Eigenheiten entwickelt. Er hat sich gefunden. Was will man als Künstler mehr. Das neue Album «Finitolavoro – The Rimini Flashdown III» bietet denn auch genau das: typischen Ochsner-Sound auf hohem Niveau. So wie wir die Band mögen. Und doch kann man sich da und dort fragen: Hab ich diesen Song nicht schon mal gehört? In diesem Spannungsfeld bewegt sich «Finitolavoro».
Wäre es das erste Album von Patent Ochsner, es würde Bestnoten verdienen. Es strahlt eine Lebenslust und Lebensfreude aus und Büne Huber hat wieder einige Song-Perlen geschaffen: Allen voran das orgiastische «Grill», in dem er Afro-Pop mit Balkan-Grooves mischt und mit unzähligen Wortspielen würzt. Oder die Mitsing-Hymne, «Eine vo dene», mit einem wunderbaren Bass-Solo von Wolfgang Zwiauer. Und da ist noch die himmeltraurigschöne Ballade «Nachlass». Doch doch. «Finitolavoro – The Rimini Flashdown III» ist ein gelungener Abschluss der Trilogie. (sk)
Patent Ochsner: Finitolavoro – The Rimini Flashdown III, Universal.

«Rimini Flashdown II» war ja das erfolgreichste Ochsner-Album. Kein anderes Album war so lang in der Hitparade (39 Wochen).

Ist das wahr? Wusste ich nicht. Ich spüre aber, dass mir von allen Seiten sehr viel Respekt entgegengebracht wird. Das ehrt mich.

Ist der Erfolg nicht auch eine Belastung? Haben Sie nicht auch Angst, sich zu wiederholen?

Das ist ein Dauerthema im kreativen Schaffen. Jeder Künstler hat ein paar zentrale Dinge, die ihn beschäftigen. Das ist der Antrieb. Jeder Künstler hat eine Palette des persönlichen Geschmacks und der Vorlieben. Und innerhalb dieses Rahmens gibt es Wiederholungen. Bei mir ist es nicht anders und ist bei jedem Album ein Thema. Es geht um die Balance zwischen Vertrautheit und neuen Elementen. «Finitolavoro» bewegt sich klar innerhalb dieses Ochsner-Sounds. Und doch haben wir musikalisch Sachen gemacht, die wir vorher noch nie gemacht haben.

Zum Beispiel?

Das hat vor allem mit Möglichkeiten der Aufnahmetechnik zu tun. Da wird geschnipselt, geloopt und alle möglichen Sounds und Geräusche fliessen rein. Das ist heute im hohen Mass elektronische Musik. Aber es tönt nicht so. Es soll nicht so tönen.

Jetzt gehts zuerst in den Norden. Wollen Sie Deutschland erobern?

Das Problem von Deutschland ist, dass der Aufwand so gross ist, dass kaum etwas bleibt. Es ist ganz einfach: Wenn du als Musiker eine Familie ernähren willst, dann bringt das nichts. Deshalb spielen wir nur einige wenige Clubkonzerte. Es macht Spass, aber es ist nicht die Vision von Patent Ochsner, Deutschland zu erobern.

Sie sind einer der erfolgreichsten Musiker der Schweiz. Wie ist eigentlich Ihre ökonomische Situation?

Ich lebe ein gutes Leben. Aber mein Lebensstandard ist auch nicht besonders hoch. Als Sozialpädagoge würde ich mehr verdienen. Was mir aber viel wichtiger ist: Ich habe keinen Boss, keine Stempeluhr, ich kann mein Leben so gestalten, wie ich es will. Diese Freiheit ist mir sehr viel wert.

Sie könnten also gar nicht aufhören, Musik zu machen?

Nein, das könnte ich nicht. Aber in meinem Alter macht man sich schon seine Gedanken. Mein Altenteil ist nicht gesichert. Wie die meisten freischaffenden Musiker gibt es für mich keine Pension und ich mache einfach weiter. Ich lass es «tschädere».

Sie haben lange an der Trennung von Ihrer Frau genagt. Ich habe aber das Gefühl, dass es Ihnen wieder sehr gut geht.

Das ist so. Ich habe wieder diesen Schwung, gewonnen, um den ich lange kämpfen musste.

Sind Sie wieder in einer Beziehung?

Ja, seit rund einem Jahr (strahlt).

Aha.

Meine neue Freundin hat gar nichts mit Musik zu tun. Es ist fernab von diesem Business zu diesem Treffen gekommen, an dem es gefunkt hat. Das ist gut. Sie wohnt inzwischen bei mir und es funktioniert vielleicht gerade deshalb so gut, weil sie nichts mit diesem Geschäft zu tun hat. Ich bin überzeugt, dass das Album ihretwegen eine solch hoffnungsvolle Note hat.

Ihre Musik war schon immer multikulturell geprägt. Sie zeigt die positiven Seiten des kulturellen Austauschs. Sehen Sie auch die negativen Seiten der multikulturellen Gesellschaft?

Klar, das ist unübersehbar und man spürt es auch. Ich habe auch Verständnis für gewisse Ängste. Umgekehrt finde ich, dass etwas mehr Grosszügigkeit und Gelassenheit uns guttun würde. Ich rege mich auf, wenn Andreas Thiel die Ängste noch schürt. Das sollte man eben nicht machen. Vor allem ging es ihm nur darum, ins Gespräch zu kommen, damit er seine Säle füllen kann. Wir kommen ja nicht darum herum, Formen zu finden, mit diesem Fremden umzugehen. Umgekehrt muss man diese Fremden darauf aufmerksam machen, dass wir in unserem Land Werte haben, die es sich lohnt, zu erhalten. In der Schweiz herrscht ein Klima, in dem es sich gut leben lässt. Darauf können wir wirklich stolz sein und darauf sollten Fremde auch Rücksicht nehmen.

Der multikulturellste Song ist «Grill». Sie beschreiben darin eine Grill-Party, die zur Orgie ausartet. Sie selbst distanzieren sich aber vom wilden Treiben. Sind Ihre wilden Zeiten vorbei?

Mir gefällt einfach die Rolle des moralinsauren Spielverderbers und Spanners. Aber es ist nur eine Rolle im Song. Ich selber bin ein exzessiver Sack, bin aber nicht besonders stolz darauf. Ich kann einfach nicht anders und gehe fast immer zu weit. Ich bin nicht lauwarm, nicht cool. Ich bin immer etwas drüber, etwas zu viel, masslos. Ich leide masslos, freue mich aber auch masslos. Mich zieht es zum Exzess. Ich finde selbst, dass es langsam schicklich wäre, wenn ich mich etwas zähmen würde (lacht).

Ein schlechtes Gewissen deswegen?

Manchmal schon. Ehrlich. Eine gewisse Sorgfalt im Umgang mit sich selber wäre manchmal schon angebracht. Das würde einem Mann in meinem Alter noch gut anstehen. Ich muss ja nicht gleich zum «stiere Siech» werden, wie der Spielverderber im «Grill».

Bei ihrer Arbeit als Musiker kann das Exzessive aber zu einer Qualität werden.

Wenn ich an einem Album arbeite, bin ich hoch konzentriert und nüchtern. Aber ich brauche irgendwo im Prozess des Musikmachens den Exzess. Es ist ja unglaublich, was ich in der Schlussphase zu einem Album, dann wenn alles nochmals kontrolliert werden muss, saufe. Nur, um noch mal einen anderen Zugang zur Musik zu finden. Ich bin nicht stolz drauf, aber ich brauche es als Arbeitsmittel.

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