Pop-Ikone
Beth Ditto: «Bin ich nett? Doch eher furchtbar und peinlich! Dafür habe ich ein grosses Herz»

Beth Ditto mag nicht rumgammeln. Nach der Auflösung ihrer Band Gossip hat sie eine neue Mode-Kollektion, ein neues Album und ein neues Hobby.

Steffen Rüth
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Beth Ditto will die Welt verbessern. EPA

Beth Ditto will die Welt verbessern. EPA

KEYSTONE

Beth Ditto, nach Ihrer zweiten Plus-Size-Kollektion folgt jetzt Ihr erstes Soloalbum. Nach Faulsein sieht das nicht aus.

Beth Ditto: Ich kann nicht rumgammeln. Ich fühle mich besser, wenn ich in Arbeit ertrinke. Das Tollste: Ein neues Hobby habe ich auch.

Was denn?

Häkeln! Ich kann jetzt häkeln wie eine Weltmeisterin. Echt wahr. Ich habe uns den ganzen Hausstand gehäkelt, Schals, Mützen, Sweater, eine warme Decke. Ich kann alles häkeln. (Auf Deutsch): I häkel it.

Wann haben Sie beschlossen, dass Zeit ist für neue Songs?

Es zeichnete sich ab, dass es nicht mehr lange gut gehen würde mit der Band. Bassist Nathan Howdeshell hatte keine Lust mehr darauf, mit mir zusammen Musik zu machen.

War es anders, ein Album alleine zu machen?

Ja. Ich habe die anderen vermisst. Unser Gerede über Musik und alles andere, das nur unsere kleine Gruppe Durchgeknallter versteht. Ich bin selbstständiger geworden.

Die Songs hören sich echt heiss an.

Yeahhh. Sex, Leidenschaft und Energie. Wow. Das ist genau das, was ich erreichen wollte (rückt näher). Komm, lass uns endlich häkeln!

Sie stammen aus einem Kaff namens Searcy in Arkansas. Ist Ihre Direktheit typisch für die Menschen aus den US-Südstaaten?

Ja. Wir sind nett, warm, freundlich, liebenswürdig ... und verdammt laut.

Beschreiben Sie sich gerade selbst?

Bin ich nett? Doch eher furchtbar und peinlich! Ich wette. Ich bin nicht sehr fein und vornehm, dafür habe ich ein grosses Herz.

Woran denken Sie sonst noch, wenn Sie an Ihre Heimat denken?

Ich denke an die schönen Sachen. An die Musik, die Kultur, das Essen, die grossen Familien. Bei uns im Süden lachen alle so laut wie ich. Aber die Schattenseiten kann man nicht wegreden. Wir waren arm, und wir waren wirklich viele. Ich habe heute versucht, alle meine Neffen und Nichten aufzuzählen, und bin gescheitert.

Wieso sind Sie denn mit 18 weggezogen?

Ich verliess Arkansas, so schnell ich konnte. Arkansas ist echt eine komische Ecke, sehr rassistisch, nicht sehr divers, nicht besonders tolerant, die Menschen haben kein Interesse, sich zu entwickeln. Homosexualität wird von vielen als Sünde empfunden. So nach dem Motto «Gott mag es nicht». Die Schönheit meiner Heimat ist herrlich, aber die dunkle Seite des Südens ist wirklich stockfinster, so hoffnungslos. Man will diesem Dunkel nicht zu nahe kommen.

Können Sie verstehen, dass nicht zuletzt in Arkansas viele Menschen aufgrund ihrer Perspektivlosigkeit Donald Trump gewählt haben?

Nein. Die sind echt mental gestört. Viele denken, dass Trump von Gott gesandt wurde, um die Menschen näher ans Ende der Welt zu bringen. Puh.

Sind Sie religiös?

Kein Stück. Ich glaube an gar nichts. Ich liebe die Wissenschaften. Ich mag Klarheit, Beweise, auch wenn ich nicht besonders schlau bin.

Sie sagten, dass Sie mit 37 gern Kinder hätten. Dann wird es Zeit.

Das hat sich etwas verschoben. Ich glaube, das wird wohl erst mit 40 passieren.

Was wollen Sie mit Ihrer Offenheit, eigentlich erreichen?

Ich will den Leuten zeigen, dass sie sein können, wie sie wollen. Dass sie fühlen und empfinden können, was immer sie möchten. Ich bin fett, ich bin lesbisch, ich bin für viele kaum zu ertragen. Es hat mich nie gestört, dick zu sein, ich wollte nie einen anderen Körper haben. Dünn zu sein, macht dich nicht zu einem glücklicheren Menschen, das ist meine Überzeugung. Rede ich zu viel?

Nein, nein.

Also, ja, ich will die Welt verbessern.

Sind Sie Feministin?

Selbstverständlich. Ich verabscheue Sexismus, ich trete ein für die Rechte Benachteiligter. Als Frau musst du immer noch härter kämpfen, um dasselbe zu erreichen wie ein Mann. Aber wir kommen voran.

Warum machen Sie Mode?

Ich hoffe, dass ich neue Horizonte eröffnen und Anstösse geben kann. Du musst dich nicht verstecken, weil du dick bist. Meine Mode ist selbstbewusst, extrovertiert, sie verhüllt dich nicht, sie zeigt dich. Sie sagt «Das ist mein Körper, und er ist schön». Auch eine fette Frau darf stolz auf ihren Körper sein dürfen.