Yellow Lounge
Beethoven geht in den Club

Am Mittwoch startet in Zürich die Yellow Lounge: Klassikstars spielen im Club Mascotte.

Christian Berzins
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Auch im Club herrscht auf der Bühne Ordnung: Anne-Sophie Mutter in Berlin mit ihren «Virtuosi».

Auch im Club herrscht auf der Bühne Ordnung: Anne-Sophie Mutter in Berlin mit ihren «Virtuosi».

Stefan Höderath/DG

Ist Beethoven jugendgefährdend? Auf der Einladung zum Yellow-Lounge-Abend des Zürcher Kammerorchesters heissts jedenfalls: «Doors 19 Uhr, Show 20 Uhr, Alter 18.» Wie das wohl wird, wenn Geigenstar Daniel Hope und Youtube-Starpianistin Valentin Lisitsa im Zürcher «Mascotte» zusammen mit dem Zürcher Kammerorchester auftreten?

Ein Teil des Publikums weiss, was es dort erwartet, denn die Klassik kommt in Zürich schon länger zu den Jungen. Etienne Abelin und Andreas Fleck gründeten nämlich vor vier Jahren Ynight. Die einfache Idee dahinter: Klassik im Club – live gespielt von Top-Künstlern. Und zwischen den «Acts» lauschten die Gäste DJs.

Das ging erstaunlich gut. Auch wenn durchaus mal eine Bierflasche unkoordiniert über den Boden kullerte, sah man im Zürcher «Moods» hoch konzentrierte junge Menschen, fasziniert von «alter» Musik.

Andreas Fleck schwärmt von den Konzerten: «Die Abende der Ynight werden mir in sehr guter Erinnerung bleiben. Es ist uns in Westeuropa und Amerika kaum je vergönnt, einem so konzentrierten, neugierigen und jungem Publikum gegenüber zu stehen.»

Reaktion auf neue Lebenswelten

Der Cellist und Musikmanager Fleck redet von der Vergangenheit, da Ynight aus Zürich verschwand. Schade, denn an Besuchern fehlte es nicht. Aber man nahm zu wenig Geld ein, hatte man doch die Eintrittspreise moderat angesetzt, um die berüchtigte Schwelle tief zu halten. Die Künstler spielten sogar für viel tiefere Gagen als üblich. Und so trat denn im «Moods» nicht die dritte Reihe an, sondern Grössen wie der Countertenor Andreas Scholl und die Geigerin Vilde Frang. Man zeigte sich offen für einen kreativen Umgang mit klassischen Konzertformen.

Ynight zeigte, dass es nicht so sehr darum ging, mit grosser Geste «Gutes» für die Jungen zu tun, sondern ganz einfach auf ihre Bedürfnisse zu reagieren. Es ging auch nicht darum, die Jungen in den grossen «richtigen» Konzertsaal holen. Ynight ist an einen Club gebunden, soll dort (s)ein Leben haben, will auf die veränderten Lebenswelten junger Klassikhörer eingehen.

Es verwundert nicht, dass nach dem Abgang von Ynight mit Yellow Lounge ein potenter Klassik-Anbieter in Zürich ins Club-Geschäft einsteigt. Dahinter steht der Unterhaltungsriese Universal, der mit den Club-Abenden erst in Berlin, dann in vielen anderen Weltstädten ein grosses Publikum anzieht. Die Künstler kommen naturgemäss aus den eigenen Reihen – Stars hinauf bis zu Anne-Sophie Mutter machen mit.

Andreas Fleck glaubt, dass Yellow Lounge Erfolg haben wird, gäbe es doch ein enthusiastisches Publikum zwischen 20 und 45 Jahren, das Klassik liebt, aber die Form der üblichen Konzerte in Zürich nicht goutiere.

Negative Gefühle gegenüber Konkurrent Yellow Lounge hat man nicht. Etienne Abelin glaubt, dass viele Impulse von der Yellow Lounge ausgehen. Das Verhältnis der Verantwortlichen der unterschiedlichen Formate zueinander sei sowieso herzlich, sagt er. «Wir haben ein gemeinsames Anliegen, man freut sich generell, wenn Klassik in einem Club-Ambiente durchgeführt wird. Wir sind uns alle bewusst, wie schwierig es ist, diese Formate zu finanzieren.»

Bald ein Hochschulprojekt?

Die Grossen wissen: Die Kleinen haben das Know-how. So machte Abelin denn auch weiter mit Ynight, sucht sich subventionierte Partner, fand er etwa beim Musikkollegium Winterthur. Auch Einladungen gab es, etwa ans Festival Klang Basel – und im März 2016 ist eine Zusammenarbeit mit dem Theater Basel geplant. Abelin könnte sich aber auch vorstellen, dass Hochschulabsolventen mit unternehmerischem Flair das Format übernehmen und Eigenproduktionen realisieren.

Vorerst aber kommt die Yellow Lounge nach Zürich – nicht zufällig. Michael Bühler, Intendant des Zürcher Kammerorchesters (ZKO), beschäftigt sich seit Jahren mit der Frage, wie man das klassische Konzert gestalten kann, um ein breiteres und jüngeres Publikum zu gewinnen. Aus dieser Überlegung heraus ist neben den Nuggi-, Krabbel- und Purzelkonzerten und der ZKO-Lounge, die auf einen lockeren Rahmen setzt, aber in den traditionellen Sälen bleiben, die Initiative entstanden, die Yellow Lounge nach Zürich zu holen. Das ZKO ist mit Universal Music Co-Veranstalter. Die Konstellation ist einzigartig, da der Yellow Lounge damit ein festes Orchester zur Verfügung steht.

Lounge ist kein Tonhalle-Köder

Allerdings gesteht auch der ZKO-Manager ein, dass Yellow Lounge kein Köder ist, um die jungen Leute dann in die gute alte Tonhalle zu locken – da mag der Wunsch noch so gross sein, die nächste und übernächste Generation zur klassischen Musik zu bewegen. «Das Format der ‹regulären› Tonhalle-Konzerte, insbesondere deren strenge Ritualisierung, entspricht nicht den Erwartungen und dem ‹Konsumverhalten› des Yellow-Lounge-Publikums.» Bühler glaubt je länger, je weniger daran, dass sich die sehr unterschiedlichen Vorstellungen und Erwartungen des «regulären» Klassik-Publikums (Durchschnittsalter 60) mit dem Yellow-Lounge-Publikum (Durchschnittsalter 35) gleichzeitig befriedigen lassen. «Es gilt, für dieses Publikum Konzertformate zu entwickeln, die einem modernen Konsumverhalten entsprechen und gleichzeitig klassische Musik in originärer Form mit dem gesamten Gefühls- und Farbenreichtum vermitteln.»

Farbenreich ist bei den Club-Konzerten für einmal nicht nur das Geigenspiel, sondern auch das Lichtdesign und die Drinks.

Yellow Lounge: 11. 11. Daniel Hope Violine Valentina Lisitsa, Zürcher Kammerorchester; «Mascotte» Zürich.

Ynight: 11. 12. Musikkollegium Winterthur: «Elektro + Visuals + Klassik», Salzhaus Winterthur.