Nachruf
Basel verliert ein Stück Amerika: Othella Dallas verstarb im Alter von 95 Jahren

Sie stand über neun Jahrzehnte auf der Bühne. Am Wochenende verstarb die Tänzerin und Sängerin Othella Dallas.

Stefan Strittmatter
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Othella Dallas bei einem Konzert im Jahr 2008.

Othella Dallas bei einem Konzert im Jahr 2008.

Hanspeter Bärtschi

«Wenn ich nicht mehr tanze, werde ich tot sein», sagte ­Othella Dallas vor drei Jahren in einem Interview mit der «Tageswoche». Am Samstagabend hat die Wahlbaslerin mit den schier unerschöpflichen Energie­reserven die Tanzschuhe an den Nagel gehängt. Die amerikanische Performerin sei 95-jährig friedlich eingeschlafen, wie ihr Agent auf Anfrage bestätigt.

Im Alter von fünf Jahren entdeckte Othella Dallas den Tanz. Seither stand sie über neun Jahrzehnte auf der Bühne – anfänglich als Tänzerin, später vermehrt als Sängerin, schliesslich als Gesamterscheinung und als Mahnmal dafür, dass man nur so alt ist, wie man sicht fühlt.

Und die 1925 in Memphis, der Geburtsstätte von Blues, Soul und Rock’n’Roll, geborene Frau schien sich nie alt zu fühlen. Noch im Juli trat sie am Jazz­festival St.Moritz auf, wo sie seit Jahren Dauergast war. Ende September feierte die «Grand Old Lady des Jazz, Blues und Funk», wie es auf ihrer Website ohne falsche Bescheidenheit heisst, ihren 95. Geburtstag.

Welttourneen und Treffen mit den Grössen des Jazz

Mitte der Vierzigerjahre erfuhr ihre Karriere ihren wohl wichtigsten Anschub, als die damals 19-Jährige von der Choreografin Katherine Dunham nach New York in deren Theater- und Tanzschule geholt wurde. Als Solotänzerin der Company nahm sie an Tourneen durch Amerika, Südafrika und Europa teil.

In Paris lernte sie ihren zukünftigen Ehemann, den Zürcher Ingenieur Peter Wydler, kennen. 1950 eröffnete Dallas Tanzschulen in Paris und Zürich. Zu dieser Zeit begann sie eine Zweitkarriere als Sängerin, ihre Wege kreuzen sich mit jenen von Grössen wie Edith Piaf und Sidney Bechet, King Curtis und Nat King Cole, Quincy Jones und Duke Ellington.

Basel als Wahlheimat

In den Sechzigerjahren verlegten Dallas und Wydler ihren Wohnsitz nach Basel, 1975 gründete das Paar die Othella Dallas Dance School im Gundeli. 2008 veröffentlichte Dallas das Album «Live The Life», zwei Jahre später «Free and Easy».

Auch blieb Dallas der Bühne treu: Als sie 2015 im Rahmen des Jazzfestival Basel ihren 90. Geburtstag feierte, schrieb Urs Blindenbacher: «Es war eine Bombenstimmung – Othella in Hochform!!!» Entsprechend betroffen zeigte sich der Veranstalter gestern: «Wenn es eine Musikerin gab, welche die Expressivität, die Improvisationslust und die Körperlichkeit des Blues und Jazz verinnerlicht hat, dann ganz sicher Othella Dallas.»

Die Musikszene hat am ­Wochenende eine Ausnahmeerscheinung verloren – und ­Basel ein Stück Amerika.