Klassik
Argovia Philharmonic eröffnet Medelssohn-Tage mit Eleganz, Lyrik und Leidenschaft

Das Argovia Philharmonic eröffnet die Aarauer Mendelssohn-Tage mit einer Schweizer Uraufführung des Komponisten.

Walter Labhart
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Das Argovia Philharmonic nahm die Zuhörer in der Stadtkirche Aarau mit auf eine musikalische Entdeckungsreise nach England. Priska Ketterer

Das Argovia Philharmonic nahm die Zuhörer in der Stadtkirche Aarau mit auf eine musikalische Entdeckungsreise nach England. Priska Ketterer

Einen spannenderen Einstieg in die zweite Ausgabe der Aarauer Mendelssohn-Tage hätten sich die vielen Zuhörer in der Stadtkirche Aarau wohl kaum wünschen können. Dass es überhaupt noch freie Plätze gab, erstaunte angesichts des aussergewöhnlichen Angebots an unbekannter und schon daher beachtenswerter Musik. Schliesslich standen nebst der schweizerischen Erstaufführung eines nachgelassenen Klavierkonzerts von Felix Mendelssohn Bartholdy (1809–1847) zwei höchst selten anzutreffende Hauptwerke von Mendelssohns britischem Freund William Sterndale Bennett (1816–1875) auf dem Programm.

Drei Fliegen ...

Selber in England geboren und mit der dortigen Sinfonik als Dirigent von zahlreichen CD-Einspielungen besonders eng vertraut, wurde Douglas Bostock mit dem Argovia Philharmonic dem diesjährigen Festivalmotto «Mendelssohn und England» mustergültig gerecht. Mit drei Raritäten, einer bedeutsamen Werkpremiere und einem der grossen Pianisten unserer Zeit traf der Chefdirigent des aargauischen Sinfonieorchesters gleichsam drei Fliegen auf einen Schlag.

Der mit der Gesamteinspielung der Klavierkonzerte von Mozart und Mendelssohn hervorgetretene deutsche Pianist Matthias Kirschnereit erwies sich als umso berufener Interpret von Mendelssohns drittem Konzert in e-Moll, als er das unvollendete Werk 2009 nicht nur uraufgeführt, sondern auch eingespielt hatte.

Überspitzter Spitzensport

Im temperamentvoll musizierten Kopfsatz nutzte der Pianist seinen virtuosen Part, um viel Brillanz zu entfalten und der Fingerfertigkeit wegen zu beeindrucken. Wunderbare Ruhe verströmten Orchester und Solist im mittleren Satz, einer Art Lied ohne Worte voll zarter Lyrik und romantischem Stimmungszauber. Bedauerlicherweise hielt Kirschnereit am sehr schnellen Tempo seiner Ersteinspielung fest, um Gefahr zu laufen, das noch so anpassungsfähige und strapazierbare Berufsorchester zu überfordern. Bei so viel pianistischem Spitzensport, wie er in der gefährlichen Nachfolge von Marc-André Hamelin immer häufiger grassiert, musste die Musik zu kurz kommen. Nach diesem Temporausch bot die Zugabe eines Liedes ohne Worte von Mendelssohn eine ebenso sinnige wie musikalisch überzeugende Entschädigung.

Auf den vor 200 Jahren geborenen englischen Romantiker William Sterndale Bennett bereitete Dieter Wagner, Co-Leiter der Mendelssohn-Tage Aarau, in einleitenden Worten vor. Er hiess damit auch einen extra nach Aarau gereisten Urenkel von Bennett willkommen und erwähnte, dass Mendelssohn das Autograph seiner Ouvertüre «Die Hebriden» dem sieben Jahre jüngeren Kollegen zum Geschenk gemacht hatte.

Ebendieses musikalische Landschaftsbild, zu dem Mendelssohn auf seiner Schottlandreise von der Fingalshöhle inspiriert worden war, stellten Douglas Bostock und das Argovia Philharmonic der geistesverwandten Konzertouvertüre «Die Najaden» op. 15 von Bennett gegenüber.

Es war wohl auf die akustischen Gegebenheiten der Stadtkirche zurückzuführen, dass die flinken Figurationen der 1. Violinen weniger deutlich hörbar waren als die satteren Holz- und Blechbläser.

Finale Glanzleistung

Klanglich ausgewogener kam die vermutlich erstmals in der Schweiz öffentlich aufgeführte Sinfonie in g-Moll op. 43 von William Sterndale Bennett daher. Als wollte er das Orchester beschwören, um grösstmögliches Espressivo aus ihm herauszuholen, spornte Bostock seine Musiker zu einer das Eröffnungskonzert krönenden Glanzleistung an. Die an Schumann erinnernde Leidenschaftlichkeit des Kopfsatzes und die Eleganz des aus drei Menuetten bestehenden 2. Satzes schufen den grössten Gegensatz zur geniesserisch ausgekosteten Kantabilität der Romanza mit ihren ausdrucksvollen Bratschenpartien. Im Rondo-Finale bestätigte das Argovia Philharmonic seine Hochform und damit einmal mehr die Zugehörigkeit zur Elite der schweizerischen Sinfonieorchester.