Wegen Corona: Schweizer Musik wird öfter am Radio gespielt

Wegen des Virus rutschte mehr Schweizer Musik in die Playlists von Schweizer Radios. Bleibt das auch nach der Krise so?

Michael Graber
Drucken
Teilen
Mit dem Event «Alles wird gut» machten SRF und Privatsender auf die Krise der Branche aufmerksam.

Mit dem Event «Alles wird gut» machten SRF und Privatsender auf die Krise der Branche aufmerksam.

Bild: Ennio Leanza/Keystone (28. März 2020)

Die Coronakrise hat den Schweizer Musikern und Musikerinnen die Stecker aus den Verstärkern gezogen. Bühnen waren geschlossen oder wurden gar nicht erst aufgebaut. Konzerte und Festivals wurden reihenweise abgesagt, und auch jetzt, mit den Lockerungsmassnahmen, erwacht die Musikbranche nur ganz langsam aus dem vom ­Bundesrat verordneten Dornröschenschlaf.

Dass Schweizer Musik trotzdem weiter gehört wurde, ist unter anderem der Initiative von Corin Curschellas und Nadja Zela zu verdanken. Die beiden Musikerinnen forderten von den Schweizer Radios, dass sie mehr Schweizer Musik spielen sollen.

Ihr Aufruf zeigte Wirkung, Michael Schuler, Leiter der Fachredaktion Musik bei SRF, sagt:

«Radio SRF hat in allen Programmen den Anteil an Schweizer Musik signifikant erhöht, um Schweizer Musikschaffende in dieser schwierigen Zeit noch mehr zu unterstützen.»

Konkret heisst dies: SRF 3 hat im März über 35 Prozent Songs von Schweizer Künstlern und Künstlerinnen gespielt, ab April waren es zirka 50 Prozent, so Schuler.

Wegen Virus: Nur Schweizer Musik auf Virus

Auf Radio Virus setzte man dagegen sogar konsequent auf Schweizer Musik: Ab Ende März bis Mitte Juni spielte der Jugendsender von SRF ausschliesslich Musik aus der Schweiz. Seit vergangener Woche ist das Programm wieder durchmischter. Laut Schuler setze Virus auch weiter zu rund 60 Prozent auf Schweizer Musik – im Nachtprogramm lief bei Virus bereits vor der Krise nur Schweizer Musik.

Die verstärkte Präsenz von einheimischer Musik hat auch einen finanziellen Hintergrund: Radio-Plays werden abgegolten. Pro Minute gibt es geschätzt rund zwei Franken – gerade bei vielen Konzertabsagen ein willkommener Zustupf, um die finanziellen Ausfälle zumindest teilweise etwas abzufedern. «Enorm wichtig» nennt Andre­as Ryser, Präsident von Indie-Suisse, dem Dachverband der unabhängigen Labels, diesen Beitrag.

Erste Abrechnungen zeigen, dass durch das erhöhte Radio-Airplay tatsächlich etwas mehr Geld in den Portemonnaies der Musiker landet.

Und, was Ryser besonders freut, gefördert wurde auch in der Breite: «Die Auswertungen haben gezeigt, dass die Radios nicht einfach die Hits forciert haben, sondern tatsächlich mehr unterschiedliche Künstler und Künstlerinnen gespielt wurden.»

Auch die Privatrechtlichen zogen mit

Konkret zeigt ein kurzer Augenschein auf airplay.ch, wo das Programm vieler Radios erfasst wird, dass tatsächlich nicht nur die Grossen profitieren. So haben auch Kunz (95 gespielte Lieder im letzten Monat), Black Sea Dahu (55) und Jeans for Jesus (33) von der Forcierung profitiert. Als Vergleich: Lo & Leduc kommen auf über 300 Lieder.

Was Ryser auch freut, ist die Tatsache, dass nicht nur die ­öffentlich-rechtlichen Radios mitgemacht haben, sondern auch einige Privatradios mit­zogen. Dort liege der Anteil an Schweizer Musik bei ungefähr sieben Prozent, bei den SRF-Sendern dagegen beträgt er etwas über 20 Prozent. «Die Zielwerte werden jeweils ­jährlich mit den Musikverbänden abgesprochen», sagt Musikchef Michael Schuler. Und man werde auch weiterhin, vor allem auf SRF3 und Virus, über diesem «Zielwert» senden.

Bei den Radios von CH Media (Radio Argovia, Radio 24, Radio FM1, Radio Pilatus, Radio Melody und Virgin Radio) habe man punktuell Aktionen organisiert, um Musiker zu unterstützen. Am bekanntesten war die Fernseh- und Radiosendung «Alles wird gut», welche die CH-Media-Sender mit dem SRF auf die Beine gestellt haben.

Nachhaltiger Effekt fraglich

Das Feedback auf die verstärkte Präsenz von Schweizer Musik sei grösstenteils positiv gewesen, bilanziert Schuler. Aber: «Natürlich gab es auch kritische Stimmen, die Songs von internationalen Künstlern vermisst haben», so Schuler. Andre­as Ryser von Indie-Suisse hätte sich «allenfalls schon erhofft», dass der Anteil an Schweizer Musik nach der Krise dauerhaft erhöht wird.

Am meisten profitieren würden die Musiker sowieso von weiteren Schaufenstern: «Kürzlich konnte etwa Black Sea Dahu ein Livekonzert am Radio geben. Solche Sachen sind extrem wertvoll», so Ryser. Das schafft Gehör. Und in Zeiten mit aus­gesteckten Verstärkerkabel sei dies besonders wertvoll.