Jazz
Achtung, explosiv! Pianist Cecil Taylor gibt in Willisau ein weiteres Konzert

Der Jazzpianist Cecil Taylor ist eine schillernde, umstrittene Figur. Auch mit 84 Jahren hat der musikalische Revolutionär nichts an Radikalität eingebüsst. Jetzt hat er den renommierten Kyoto-Preis gewonnen und kommt nach Willisau.

Stefan Künzli
Merken
Drucken
Teilen
Willisau 2000: Cecil Taylor am legendären Solo-Konzert.

Willisau 2000: Cecil Taylor am legendären Solo-Konzert.

Keystone

Willisau, 3. September 2000: Es ist Pause an diesem Sonntagnachmittag am Jazzfestival. Die meisten Zuschauer sind draussen vor der Festhalle. Da tritt Cecil Taylor auf die Bühne, setzt sich an den Flügel und beginnt einfach sein Solo-Konzert – viel zu früh, ohne Ansage, ohne jemanden zu informieren. Auch das Schweizer Radio, das das Konzert aufnehmen sollte, war völlig überrascht und konnte den Aufnahmeknopf gerade noch rechtzeitig drücken. Zum Glück. Es wurde ein denkwürdiges Konzert, das auf dem Label Intakt («The Willisau Concert») festgehalten wurde.

Taylor: Vom Klavierzertrümmerer und Geschirrspüler zum hoch dekorierten Kyoto-Preisträger

«Who's that motherfucker? He can’t play shit!», sagte Miles Davis einst in seiner unnachahmlichen Art über den Free- Jazz-Pionier Cecil Taylor. Der Pianist war höchst umstritten und löste auch unter Musikern heftige Kontroversen aus. Für die Traditionalisten um Wynton Marsalis zählt Taylors Musik nicht zur Familie des Jazz, weil sie nicht im herkömmlichen Sinn swingt. Als brutaler Klavierzertrümmerer wurde er jahrelang geschmäht und verdiente in den 60er-Jahren sein Brot als Sandwichlieferant und Geschirrspüler oder lebte von der Sozialhilfe. Das hat sich längst geändert. Heute ist seine musikhistorische Bedeutung unbestritten: Schon in den 50er-Jahren hat Taylor den Jazz von seinem funktionsharmonischen Gerüst befreit und gilt zusammen mit Ornette Coleman als der Begründer des Free Jazz. Die perkussiven, dichten Tonballungen (Cluster) sind Markenzeichen des Pianisten. «Für mich ist das Klavier nichts als eine Trommel mit 88 Tasten», erklärt Taylor dazu. Klavier-Kollege Joe Zawinul bezeichnete ihn als den «einzigen Erfinder eines Jazz-Klavierstils». JETZT IST DER JAZZ-PIONIER sogar mit dem renommierten Kyoto-Preis ausgezeichnet worden. Der mit 50 Millionen Yen (400 000 Euro) dotierte Preis gilt neben dem Nobelpreis als die weltweit wichtigste Auszeichnung für das Lebenswerk herausragender Persönlichkeiten in Kultur und Wissenschaft. Die Jury des Kyoto-Preises begründete ihren Entscheid so: «Cecil Taylor eröffnete dem Jazz mit seinen originellen und innovativen Improvisationen völlig neue Möglichkeiten zur Weiterentwicklung. Seine unübertroffene Virtuosität und Individualität steuerten eine lebendige Kraft zu seiner einzigartigen Musik bei, die auch viele musikalische Genres weit über den Jazz hinaus beeinflusst und geprägt hat.»

«Wir konnten ihn nicht zurückhalten», erzählt Niklaus «Knox» Troxler der «Schweiz am Sonntag». Der damalige Festivalleiter kennt den eigenwilligen Jazz-Revolutionär sehr gut. Dreimal hat er ihn nach Willisau geholt und hat mit dem als schwierig geltenden Amerikaner stundenlange Gespräche geführt. «Ich hatte eigentlich nie Probleme mit ihm», sagt Troxler, «aber unmittelbar vor dem Konzert ist er hypernervös, angespannt, geladen und hochexplosiv. Wehe, man stört ihn in seiner Vorbereitung. Beim Konzert im Jahr 2000 hatte Taylor das Gefühl, dass der richtige Moment für das Konzert gekommen war und nichts und niemand konnte ihn davon abhalten».

Konzerte sind für Taylor wie ein Ventil, bei dem er Dampf ablassen kann. Umso relaxter ist er danach. «Er trinkt dann gern ein Glas Champagner, raucht eine Zigarette und sucht Gesellschaft», sagt Troxler.

Jazzfestival Willisau (28. 8.–1. 9.)

Festivalleiter Arno Troxler, der Neffe von Festivalgründer Niklaus Troxler, hat dem Jazzfestival ein neues Profil gegeben. Neben dem Free Jazz werden aktuelle Klänge aus dem Zwischenbereich von Jazz, Rock und Electronica präsentiert. Die Höhepunkte 2013 sind: Mi, 28. 8.: Brandon Ross «Blazing Beauty»: Der vielseitige Gitarrist nennt seine Musik «Future-Folk». Do, 29. 8.: Living by Lanterns: Sun Ra neu interpretiert. Fr, 30. 8.: Joe Henry: Bekannt als Produzent (Costello, Ornette Coleman), kaum bekannt als Sänger und Songschreiber. Sa, 31. 8., 14 Uhr: Nels Cline & Greg Saunier: Der Wilco-Gitarrist zwischen Jazz und Rock. Sa, 31. 8., 20 Uhr: Marcus Gilmore: Enkel von Roy Haynes trifft Sohn Graham Haynes. So, 1. 9., 14 Uhr: Cecil Taylor Solo. «Willisau And All That Jazz» Am Donnerstag, 29. August, 18 Uhr findet im Late Spot die Buchvernissage für den Bildband «Willisau And All That Jazz» (Till Schaap Edition) statt. Auf über 700 Seiten wird die bewegte Geschichte des Jazz in Willisau von 1966 bis 2013 erzählt. Mit Fotos, Plakaten, Pressezitaten und Niklaus Troxlers persönlichen Erinnerungen. Weitere Infos: jazzfestivalwillisau.ch

Zum ersten Mal kam Cecil Taylor 1975 nach Willisau – zum ersten Jazzfestival. Der Meister selbst schwärmt noch Jahre danach von diesem anderthalbstündigen Parforce-Ritt ohne Pause. «Es war eines der letzten Konzerte mit der berühmten Unit (mit Andrew Cyrille und Jimmy Lions). Und es war eines der besten Konzerte, das die Unit gab.» Eine Lektion in Sachen freier Improvisation, einer Musik ohne Netz und doppelten Boden. «Er besuchte in Willisau alle Konzerte», erinnert sich Troxler. Zum ersten Mal hörte er Irene Schweizer, dann Archie Shepp und Frank Wright. Und er fragte viel. «Über Musik sprach er kaum», sagt Troxler, «aber er, wollte alles über die Schweiz, den Zweiten Weltkrieg, Willisau und das Festival wissen. Er fühlte sich in Willisau immer sehr wohl.» Doch vor dem Konzert kam im Team grosse Aufregung auf. «Wir mussten die Bühne räumen. Cecil duldete nur mich auf der Bühne», sagt Troxler.

Keine Bedenken für Konzert

«Cecil Taylor ist anders, ein Freak», sagt der heutige Festivalleiter Arno Troxler (der Neffe von «Knox»), der ihn für das Jazzfestival nächste Woche gebucht hat. Cecil Taylor hat auch nicht den zuverlässigsten Ruf. Zweimal hat der ewige Rebell ein geplantes Solo-Konzert im Mohren Willisau kurzfristig abgesagt. Zuerst 1976, das zweite Mal 1989. Für diese Solo-Konzerte hat der Grafiker Niklaus Troxler ein Plakat mit einem abgeschnittenen Finger kreiert, das er als sein wichtigstes bezeichnet. Er erklärt: «Cecil spielt wie ein Kamikaze bis zur Schmerzgrenze, und dazu solo – also ein Finger. Dieser Finger diente gleichzeitig als Hinweis auf den Text.» Ein Plakat für ein Konzert, das nie stattfand.

Für das Konzert am kommenden Sonntag haben beide Troxlers keine Bedenken. Alles sei bestens organisiert. Taylor gibt nächste Woche zuerst in Cagliari ein Konzert und wird schon am Samstag im Luzerner Hinterland erwartet. Cecil Taylor gibt nur noch wenige Konzerte, doch er ist noch in Topform.

«Eben hat er in New York ein sensationelles Konzert gegeben», weiss «Knox» Troxler. Cecil Taylor in Willisau ist das Schweizer Jazzereignis des Jahres. Es ist der Auftritt einer lebenden Legende und einer der letzten grossen Figuren des Jazz.