MUSIK: Vier Jäger und eine Discokugel

Mit Rock ’n’ Roll und «Seich im Chopf» haben Marius Tschirky und seine Jagdkapelle ein Kinderohr nach dem nächsten erobert. Auf dem neuen, siebten Album wollen sie nun alles anders machen.

Anina Frischknecht
Merken
Drucken
Teilen
Marius und die Jagdkapelle machen «kuhle» Musik und nehmen die Kinder mit an die Tanznacht im Jägerwald. (Bild: PD)

Marius und die Jagdkapelle machen «kuhle» Musik und nehmen die Kinder mit an die Tanznacht im Jägerwald. (Bild: PD)

Anina Frischknecht

anina.frischknecht@tagblatt.ch

Der neue Song «Kaktus» von Marius und der Jagdkapelle wird es wohl kaum ins Radio schaffen. Dafür ist er zu frech. Denn Kaktus ist ein tanzwütiger Igel, der zum Leidwesen seiner Disco-Gspänli nicht nur piksende Pirouetten schlägt, sondern dabei auch vergisst, dass er ein dringendes Geschäft zu erledigen hätte. «Kaktus, kack duss», tönt es deshalb stinkfrech im Refrain. «An dieser Zeile werden die Kinder sicher ihre Freude haben. Die Radiostationen wahrscheinlich weniger», vermutet Marius Tschirky. Ihm und seiner Jagdkapelle sei das aber egal. In der Kinder­musikszene hat die Jägertruppe, die lieber musiziert als schiesst, längst Kultstatus. Und für ordentlich Seich zwischen den Zei­len ist sie schweizweit bekannt. Auch «Hirschschnauzdisgo», das siebte Album der Ostschweizer Kindermusiker, kann da mit­halten.

Daft Punk trifft auf Chasperlitheater

«Hirschschnauzdisgo» entführt seine jungen Hörerinnen und Hörer an die alljährliche Tanznacht im Jägerwald. Dort sind Marius, Tombär (Thomas Szokody), Supertreffer (Lukas Wietlisbach) und Bärechrüsler (Hans Kühne) verantwortlich für möglichst «kuhlen» Discosound. «Kaktus ist Daft Punk für Kinder», sagt Marius Tschirky lachend.

Nach sechs Alben hätten er und seine Bandmitglieder etwas Neues ausprobieren wollen. Der Wandel im Ton passt auch zum Wandel in der Bandbesetzung. Nach gut zehn Jahren sind Ratzfatz (Roman Riklin) und Peter mit dem Wolf (Peter Lutz) nicht mehr mit dabei. Beide wollen ­ sich zukünftig eigenen Projekten widmen. Das Banjo und das Akkordeon haben Marius und die Jagdkapelle deshalb zwischenzeitlich zur Seite gelegt. Die ­neuen Songs tönen weniger folkloristisch als bekannte Hits wie «Specht» oder «Rehbockrock». Fast alle sind im Studio produziert worden, etwa Marius Tschirkys Lieblingslied «Bapis & Mamis». Fast wie bei Prince tönt es, wenn der Frontmann mit Kopfstimme singt: «Wer luegäd zvil in Fernseh dri? De Papi, de Papi. Wer molet d’Fingernägel a? S Mami, s Mami. Wer tuet as Gsicht so Gremli dra?» Auch «Tör die das?», abgekupfert von «Der, die, das» aus der «Sesamstrasse», tönt nach Tanzflächenmusik. Das Lied ist ein musikalischer Rüffel an Erwachsene, die in nerviger Babysprache kommunizieren: «Ufäm Wäg nöd hösälä und bi dä Stross guet lösälä. Wiso, für wa, worum? Chinder sind nöd dumm!»

«Kindermusik ist zum Goldesel geworden»

Die Kinder ernst zu nehmen, sie nicht für dumm zu verkaufen, das ist dem ehemaligen Naturpädagogen Marius Tschirky wichtig. Kinder seien aktive und anspruchsvolle Konsumenten und würden gescheite und gut gemachte Inhalte verdienen. «Leider hat sich unsere Branche aber in den letzten Jahren zum Goldesel entwickelt. Sogar Gölä hat plötzlich angefangen, Musik für Kinder zu machen», sagt der 40-jährige Familienvater, der jetzt mit seinen kecken Tanz­liedern durchs Land tourt.

Marius und die Jagdkapelle: Hirschschnauzdisgo, Zytglogge. Ab Fr, 26. Mai, im Handel oder über www.jagdkapelle.ch