Musik und Farbe tun gut

Der Künstler Gottfried Honegger gestaltet Zimmer im Universitätsspital farblich so, dass sie die Genesung unterstützen. Dass auch Musik lindernd wirkt, zeigen neuere Studien.

Rolf App
Drucken
Teilen
Farbig geworden: Von Gottlieb Honegger gestaltetes Zimmer. (Bild: usz/Nico Wick)

Farbig geworden: Von Gottlieb Honegger gestaltetes Zimmer. (Bild: usz/Nico Wick)

Auch mit 98 Jahren erfreut sich der Künstler Gottfried Honegger einer beneidenswerten geistigen Frische. Der Körper allerdings altert. Und so ist es gekommen, dass Honegger sich am Universitätsspital Zürich einer Operation unterziehen musste. Dort erwachte er dann aus der Narkose – und fühlte sich «versorgt in einem Büro und nicht in einer Heilstätte», wie er im Gespräch erklärt. Bald schon bat er den Chefarzt, ihm «die Möglichkeit zu geben, mit Farbe und Komposition dem Raum eine heilende Seele zu geben».

«Der Mensch lebt in der Farbe»

«Farben sind Stimmungen», erklärt er. «Der Mensch lebt in der Farbe, der Mensch bevorzugt spezifische Farben und diese Wahl gibt dem Patienten Mut und Zuversicht.» Grün, Gelb und Blau sind jene Farben, die Gottfried Honegger bei der Gestaltung eines Patientenzimmers gewählt hat. Aber, fügt er hinzu, «Farben sind subjektiv. Wir sollten dem Patienten die Wahl der Farben freigeben.»

Es ist ein Experiment, das die Aufmerksamkeit auf die Frage lenkt, wie sich die Umgebung – insbesondere Kunst – auf unsere Gesundung auswirkt. Zu ihr sind zwischen 2000 und 2014 doch immerhin 48 Studien durchgeführt worden, auf die ein interdisziplinäres Team des Universitätsspitals Zürich gestossen ist. Die Ergebnisse dieser Sichtung sind kürzlich in einer Fachzeitschrift publiziert und gestern per Medienmitteilung bekannt gemacht worden.

Die selbst gewählte Musik

Leider berücksichtigen die 48 Studien nicht alle Aspekte der Umgebung gleichermassen. Gleich 47 befassen sich nämlich mit dem Effekt von Musik, eine mit der Wirkung von Sonnenlicht. Allerdings hat sich eine frühere Studie damit befasst, was Bilder bewirken. Erfasst wurde zum einen der Schmerzmittelverbrauch, andererseits wurden Stressreaktionen beobachtet und Blutdruck und Herzfrequenz gemessen. Dabei zeigte sich, dass Musik bei Patienten nach einer Operation zu einer Reduktion des Schmerzmittelbedarfs führt und ebenso zur Beruhigung von Stresssymptomen, Blutdruck und Herzschlag. Allerdings hängt der Erfolg davon ab, ob der Patient die Musik selber gewählt hat. Es gebe keine Musik, die allen gut tue, sagt die Mitautorin Diana Vetter. «Die Wirkung von Musik ist nur sehr individuell auslösbar.»

Landschaften lindern Schmerz

Noch etwas ist wichtig: Der Patient muss die Musik direkt über Kopfhörer hören können. Andernfalls empfindet er sie als lästige Dauerbeschallung, das heisst als eine Form von Lärm.

Bildliche Kunst kann eine ähnliche Wirkung entfalten. Das zeigt eine weiter zurückliegende Studie. Ihr zufolge reduzieren Landschaftsbilder den Stress und mindern den Schmerz, während abstrakte Bilder beides verstärken. «Das legt die Schlussfolgerung nahe, dass nicht verstandene Kunst den Stress erhöht», erklärt Diana Vetter.

Die «logische Konsequenz» aus diesen Erkenntnissen sei, «die Patienten in den Gestaltungsprozess des Raumes einzubeziehen, beispielsweise über selbst mitgebrachte digitale Bilder, die auf Bildschirmen gezeigt werden», sagt Diana Vetter.

Sind Frauen offener?

Vielleicht ist es kein Zufall, dass an der Spitze der – bis zu Gottfried Honeggers Vorstoss – in aseptischem Weiss gehaltenen Klinik für Chirurgie ein Mann steht, während bei den Instituten für Komplementärmedizin und Geriatrie Frauen das Sagen haben. Sie zeigen sich offener. «Kunst kann das Wohlbefinden von Patienten beeinflussen», sagt Claudia Witt von der Komplementärmedizin. Und ihre Kollegin Heike A. Bischoff-Ferrari lässt in der Geriatrie regelmässig Künstler ausstellen. «Jeder Patient hat ein Bild im Zimmer», erklärt sie ihr System. «Falls es nicht passt, wird das richtige Bild gesucht und gefunden.»

Aktuelle Nachrichten