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MUSIK: «Rap ist eine Gratwanderung»

Tommy Vercetti ist das moralische Gewissen des Schweizer Raps. Ein Gespräch über den Kollegah-Skandal, Fluchwörter und Zeilen über das eigene Gemächt.
Michael Graber
Rap kann auch klug sein: CBN, Tommy Vercetti und Dezmond Dez. (Bild: Moritz Keller)

Rap kann auch klug sein: CBN, Tommy Vercetti und Dezmond Dez. (Bild: Moritz Keller)

Interview: Michael Graber

Tommy Vercetti, plötzlich reden alle darüber, was man im Rap alles sagen kann. Darum die Frage an den Fachmann: Was darf man im Rap alles?

Da öffnen Sie aber ein grosses Feld. Ganz grundsätzlich bin ich der Meinung, dass Rap alles darf. Nur weil ein paar Idioten über die Stränge schlagen, muss man doch nicht gleich das Kind mit dem Bade ausschütten. Die ­Freiheit der Kunst muss man schützen. Dies ist aktuell umso wichtiger, wo wieder vermehrt autoritäre Regimes an die Macht kommen – schnell werden hier augenscheinlich moralische Einschränkungen zu politischen.

Vieles im Rap ist für Aussenstehende sexistisch und homophob. Da ist die Rede von «schwul» und «Pussys».

Eines der grossen Probleme ist, dass es ausser «Wichser» und «Arschloch» kaum Fluchwörter gibt, die gleichzeitig beim Empfänger wehtun und niemanden diskriminieren. Wenn ich jemanden «Schlampe» nenne, ist das immer auch sexistisch. Das ist eine Gratwanderung: Ich will meine Botschaft möglichst deutlich anbringen, gleichzeitig aber niemand Falsches verletzen. Im Zweifelsfall bevorzuge ich aber die Wirkung beim Empfänger.

Wie bewusst wählt ein ­Rapper seine Worte?

Wer Rap macht, beschäftigt sich mit Texten. Die Worte kommen da nicht Tourette-artig aus meinem Mund, sondern da steckt ein Prozess dahinter. Natürlich ist Sprache auch sozial geprägt, aber das allermeiste, was gerappt wird, wird bewusst gerappt – auch die Fluchwörter. Man überschreitet auch mal eine Grenze, einfach um damit eine Provokation abzusetzen. Im Falle des Kollegah-­Farid-Bang-Falls habe ich etwa behauptet, dass das eine eiskalt ­kalkulierte Provokation war. Umso peinlicher eigentlich, dass sie komplett funktioniert hat.

Was hätte man dann ­tun kön­nen? Einfach totschweigen?

Das wäre auf jeden Fall schlauer gewesen, als es so aufzubauschen. Kollegah und Farid Bang haben so erreicht, was sie wollen.

Aber «Mein Körper defi­nierter als von Auschwitz-­Insassen» ist eine eklige antisemitische Line.

Sie ist absolut geschmacklos. Aber ist sie tatsächlich antisemitisch? Ich bin mir da nicht ganz sicher. Ich unterstelle den beiden, dass sie einfach die grösstmögliche Provokation erzielen wollten und sie deshalb den Auschwitz-Vergleich wählen. Das ist widerwärtig – aber nicht unbedingt antisemitisch. Ob da die Intention dahinter war, die Juden zu verunglimpfen, kann ich schlicht und einfach nicht ­beurteilen.

Braucht es diese Intention?

Ich finde schon. Es ist ein Unterschied, ob Kollegah einfach ein geldgeiles Arschloch oder ein geldgeiles antisemitisches Arschloch ist. Wenn man gezielt auf Minderheiten rumtrampelt, wird eine widerwärtige Zeile gefährlich.

Ist man als Rapper verantwortlich dafür, wie das Publikum die eigenen Texte aufnimmt und interpretiert?

(lacht) Jetzt werden wir noch ­kulturwissenschaftlich. Aber im Ernst: Natürlich finde ich, dass man sich seiner Wirkung bewusst sein muss. Ich traue meinem Publikum aber auch gleichzeitig zu, dass es unterscheiden kann, wenn ich in eine Rolle schlüpfe.

Also kann man als Rapper ruhig etwas primitiver und expliziter sein, weil: «Mein Publikum versteht schon, wie ich das meine …»

Jein. Dieses Peer-Group-Argument ist keine Entschuldigung. Ich muss hinter meinen Worten stehen können, egal, wer der Empfänger ist. Aber wenn sich jemand ein Urteil erlaubt, darf man auch erwarten, dass diese Person den Text minimal einordnen kann.

Sie selber sind durchaus auch explizit und können ein ganzes Lied über Ihr Genital rappen. Haben Sie nie Angst, dass ein 16-Jähriger nach Ihrem Konzert heimgeht und das Einzige, was hängen bleibt, ist «Fuck» und «Schwanz»?

Damit muss man immer rechnen. Genauso wie man damit rechnen muss, dass einen ganz viele Leute sehr doof finden, wenn man die ganze Zeit flucht und über sein Gemächt rappt. Dass aber gerade die Medien ihre Aufmerksamkeit immer auf diesen doch sehr kleinen Anteil richten, lässt befürchten, dass sie das Hauptsächliche an den Texten gar nicht verstehen.

Auf Ihrem aktuellen Album hat es die Line «Gfange i Büecher – Natascha Campusch». Das kann auch einigen Leuten in den falschen Hals gelangen.

Ja, das mag sein. Ich gebe sogar zu, dass man das als beleidigend auffassen kann. Trotzdem: Primitiv finde ich es nicht. Es geht dabei um das Wortspiel und nicht um Verunglimpfung. Mühe hätte ich, wenn ich mich auf dem Rücken von Natascha Kampusch profilieren würde, das tue ich – in meinen Augen – aber nicht. Das ist vielleicht auch die Grenze, die Rap nicht überschreiten darf: Sobald man andere niederknebelt, nur um sich selber grösser darzustellen, wird es problematisch.

Sie haben sich ein bisschen zum moralischen Gewissen des Schweizer Raps gemausert …

Ich wurde dazu gemacht. Diese Rolle habe ich nie gesucht.

Aber ganz unwohl scheint es Ihnen in dieser Rolle nicht zu sein.

Wahrscheinlich. Ich finde es auch wichtig, dass es überhaupt eine ethische Diskussion im Schweizer Rap gibt. Gleichzeitig muss man mit solchen Interviews aufpassen, nicht plötzlich zum Apologet für Antisemitismus oder Sexismus zu werden, nur weil man den Rap verteidigt. Rap als Sündenbock für gesellschaftliche Probleme hinzustellen, finde ich aber tatsächlich lächerlich.

Benutzen Sie selber noch ein Fluchwort in Ihrem alltäglichen Sprachgebrauch, für das Sie sich schämen?

Ja, «schwul». Das geht gar nicht. Vielleicht liegt das daran, dass ich nie so eine Bürosozialisierung durchgemacht habe. Man kann sich diesen pubertären Sprach­gebrauch sehr gut abgewöhnen, wenn man sich den ganzen Tag zusammennehmen muss. Ich fluche immer noch recht viel – wohl weil ich mich früh beruflich selbstständig gemacht habe. Jetzt mit einem Kind muss ich mich noch mehr zusammennehmen.

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