Musik? Performance? Tanz? In Schönenberg an der Thur haben graue Steine eine überraschende Resonanz

Eine Werkstattaufführung beim Bildhauer Arthur Schneiter lässt das Hören neu entdecken: mit klingenden, tanzenden Steinskulpturen. Die Thurgauer Tänzerin Micha Stuhlmann erkundet mit Musiker Ernst Brunner und Bildhauer Schneiter die Klänge von Graphit und Granit.

Judith Schuck
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Tänzerin Micha Stuhlmann bringt mit Musiker Ernst Brunner (links) und Bildhauer Arthur Schneiter Steine zum Klingen.

Tänzerin Micha Stuhlmann bringt mit Musiker Ernst Brunner (links) und Bildhauer Arthur Schneiter Steine zum Klingen.

Bild: PD

Sie arbeiten hochkonzentriert: Ernst Brunner und Arthur Schneiter tauschen Blicke aus, Nicken oder Lächeln sich zu, um einen Einsatz anzukündigen oder als gelungen zu befinden. Auch auf die Tänzerin Micha Stuhlmann stimmen sich die beiden Musiker ein, beobachten genau, in welcher Szene sie sich gerade befindet – so wie sie sich auf die Klänge von ihnen einstellt.

Handelt es sich bei «Ohrmuscheln auf Treibsand» um eine Improvisation? Eine Performance? Ein Konzert mit Tanz? Micha Stuhlmann findet, der Begriff Skulptur träfe auf ihre Werkstattarbeit am ehesten zu: Aus den Materialien Klang und Bewegung entstehen Formen und Bilder. Es gibt keine konkrete Geschichte, aber das Gesehene und Gehörte ruft eine Vielzahl an Assoziationen hervor.

Seine Musiziersteine sind keine Instrumente

Skulptur aber auch, weil die Tänzerin eine greifbare Skulptur erschafft – aus Steinen und knallroten Sandsäcken, die mit ihren langen Nylonbändern an Synapsen erinnern. Hinzukommt, dass Arthur Schneiter und Ernst Brunner ihr Konzert auf Skulpturen spielen. Seit vielen Jahren hat sich der in Schönenberg wirkende Bildhauer Schneiter auf Klangskulpturen spezialisiert.

Alle Steine, auf denen sie musizieren, sind von ihm geschaffen. «Es sind aber keine Instrumente», betont der Künstler und grenzt sie damit von den Lithophonen ab.

«In erster Linie geht es mir um das Ästhetische. Es sind Skulpturen, die tönen.»

Wie diese Quarze und Granite tönen, überrascht das Publikum. Sie klingen manchmal wie ein Orchester; allein durch Reibung steigert sich das Vibrieren in seiner Lautstärke, dass man kaum glauben kann, dass das alles ohne akustische Verstärkung funktioniert.

Ernst Brunner, der rund 30 Jahre im Sinfonieorchester St.Gallen spielte, glaubt: «Meine Leidenschaft fürs Schlagzeug wurde wohl in der Seidenspinnerei meines Vaters entfacht. Die Webstühle hatten einen bestimmten Rhythmus, zu dem ich gesungen habe, wenn ich in der Weberei aushalf.»

Sie lacht dem Tod ins Gesicht

Ernst Brunner nutzt in «Ohrmuscheln auf Treibsand» auch einige Metallgegenstände als Perkussionsinstrumente. So begleitet das Rasseln einer Metallkette mal Micha Stuhlmanns marionettenhafte, zuckende Bewegungen, die an einen Totentanz erinnern. Wie ein klapperndes Skeletts lacht sie dem Tod ins Gesicht. In einer anderen Sequenz taucht das Thema Geburt auf, wenn die Tänzerin einen grossen grauen Stein liebevoll wie ein Baby im Arm wiegt und in einer Art Ursprache mit ihm kommuniziert.

«Die Steine in Michas Tanz haben alle Namen», erklärt Arthur Schneiter. Es gebe den Gesichtsstein, den Dialogstein oder den Ohrstein. Und Musiker Ernst Brunner fügt hinzu: «Es sind Requisiten mit einer konkreten Zuordnung.»

Zwar bestehe ein Grossteil aus Improvisation; doch haben sowohl die Musiker eine Partitur als auch die Tänzerin eine Choreografie. Der Bildhauer, in dessen Werkstatt «Ohrmuscheln auf Treibsand» aufgeführt wird, sagt: Es gehe ihnen um offenes Sehen und Hören. «Man sieht so viele Leute mit Stöpseln in den Ohren auf ihre Handys starren», niemand nehme mehr seine Umgebung wahr.

Dabei zeigt Stuhlmann mit dem «Ohrstein», wie spannend es sein kann, in einen Stein zu horchen. «Unsere Aufführung ist eine Wanderung mit einem Ziel; aber wie man dorthin kommt, ist jedes Mal offen», sagt Brunner. Auf jeden Fall ist sie eine ganz besondere Erfahrung, die die Zuschauer wirklich zum genauen Sehen und Hören anregt.

«Ohrmuscheln auf Treibsand»: 21./22./28./29. Februar jeweils 19.30Uhr; 1.März um 17Uhr, im Atelier Arthur Schneiter, Weitenaustrasse 6b, Schönenberg an der Thur. Infos unter micha-stuhlmann.com

Wer bin ich und warum?

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Martin Preisser