Musik ist nicht umsonst

Culcha Candela Sie kommen aus fünf Nationen und rappen in vier Sprachen. Die Berliner Culcha Candela erklären, was sie von Musik-Flat-Rates im Internet halten und warum sie ihre Songs nicht gratis anbieten. Olaf Neumann

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«Eine Flat-Rate ist ein Entgegenkommen der Industrie»: Culcha Candela mit Itchyban (vorne), Don Cali (3.v.r.) und DJ Chino (2.v.r.). (Bild: pd)

«Eine Flat-Rate ist ein Entgegenkommen der Industrie»: Culcha Candela mit Itchyban (vorne), Don Cali (3.v.r.) und DJ Chino (2.v.r.). (Bild: pd)

Im Titelsong Ihres neuen Albums «Flätrate» prangern Sie augenzwinkernd die Flat-Rate-Mentalität an. Was läuft hier schief?

Itchyban: Computer- und Handyhersteller haben uns indoktriniert, dass wir ihre neuesten Produkte unbedingt haben müssten. Sie halten Konsumenten für nimmer satte Hunde, die ständig gefüttert werden müssen. Dadurch haben wir völlig verlernt, dass Dinge auch einen gewissen Wert haben. Es gibt Musikfans, die laden sich irgendwo ein Album runter, weil sie darauf getrimmt sind, dass alles umsonst zu sein hat. Manchmal kriegen wir unbekümmerte Mails wie: «Hi, ich bin ein Riesenfan von euch. Stellt doch mal einen Downloadlink bei Facebook rein!» Wieso sollten wir das tun?

Was halten Sie von Musik-Flat-Rates à la Napster, Musicload oder Music Monster?

DJ Chino: Immer noch besser, als gar nicht dafür zu bezahlen. Auf gewisse Weise ist eine Flat Rate ein Entgegenkommen der Industrie, was die Bedürfnisse der Netzkonsumenten betrifft. Aber eine Flat Rate ist sicher nicht das geeignetste Mittel, dem Wert von etwas gerecht zu werden. Heutzutage wird Musik halt schneller und anders als früher konsumiert, aber sie ist nicht umsonst, nur weil sie digital verfügbar ist.

Itchyban: Es sollte eine einheitliche Datenbank geben, damit Musik überall erhältlich ist. Aber nicht im Sinne von iTunes, denn ich hasse Monopole. Ich bin für eine Globalisierung der Weltmusik, damit ich zum Beispiel auch auf französischen Rap zugreifen kann. Die Konzerne sind in der Bringschuld, die Produkte anzubieten. Wenn man sie illegal leichter bekommt als auf Bezahl-Plattformen, dann läuft etwas falsch.

Hat das Internet zu einer Abwertung des Berufsstandes des Künstlers geführt?

Itchyban: So weit würde ich nicht gehen. Für viele ist das illegale Herunterladen allenfalls ein Kavaliersdelikt. Die wissen gar nicht, wie viele Stunden wir an einem Song geschrieben haben. Musiker müssen heute viel härter schuften. Manchmal hat man das Gefühl, gegen den Wind zu pinkeln. Du musst als Musiker richtig auf Zack sein und den Fans ganz viel anbieten. Früher war eine Fan-Pflege gar nicht nötig, man konnte sich zwischen zwei Veröffentlichungen fünf Jahre Zeit lassen. Und die nächste Platte war dann auch ein Weltereignis, das sich ein paar Millionen Mal verkaufen liess. Die Qualität der Musik ist aber überhaupt nicht schlechter geworden.

Wie sieht Ihr Alltag als Popstar und Musiker aus?

DJ Chino: Unser Beruf hat sehr unterschiedliche Facetten. Ich empfinde es als grosses Privileg, dass wir das machen können, was wir wollen, und auch davon leben können. Ein Videodreh zum Beispiel dauert im Extremfall 24 Stunden am Stück, ein Tour-Tag besteht nicht nur aus dem Auftritt selbst, sondern auch aus Interviews davor und Autogrammstunden danach. Es ist eigentlich wie bei allen Selbständigen: Je mehr man in den Job investiert, desto mehr kommt am Ende dabei raus.

Ein Song Ihres neuen Albums heisst «Millionäre». Haben Sie mit der Occupy-Wall-Street-Bewegung sympathisiert?

DJ Chino: Die Aussage dieses Songs ist, dass wir alle Millionäre sind, weil wir so viel Liebe zu geben haben. Man muss nicht unbedingt Geld haben, um diesen Reichtum zu zeigen. Jeder trägt ihn in sich. Insofern ist das vielleicht vereinbar mit der Occupy-Bewegung. Natürlich ist es wichtig, Dinge anzuprangern, die schieflaufen. Aber bei den Occupy-Leuten vermisse ich die konkreten Gegenvorschläge.

Sie haben seit Ihrer Gründung vor zehn Jahren rund 2,2 Millionen Tonträger verkauft, sind mit Gold- und Platinalben ausgezeichnet worden. Schauen Sie manchmal auf Ihr Leben und denken: «Wow, jetzt hast du es geschafft!»?

Don Cali: Nein. Der Drang, weiterzumachen, ist bei uns immer da. Wir versuchen ständig, die Welt immer wieder mit neuen Augen zu sehen.

Itchyban: Wir sind ja nicht angestellt bei einem Unternehmen und hassen unseren Boss. Wir mögen unseren Job. Das heisst, wir freuen uns auf jeden weiteren Tag voller Arbeit.

DJ Chino: Erfolg kann auch ein Ansporn sein. Wir wollen mit jeder neuen Veröffentlichung unseren eigenen Ansprüchen genügen. Niemand von uns würde es gut finden, wenn wir eine Platte voll an die Wand fahren. Unser Antrieb ist, den Leuten möglichst noch viele schöne Songs zu liefern.

Culcha Candela: Flätrate (Universal), live: 16.3.2012, Komplex, Zürich