Musik: Gibt es wirklich den nordischen Klang?

Das St. Galler Nordklang-Festival trägt ihn im Titel, doch gibt es den spezifisch nordischen Klang überhaupt? Spürt man die raue Natur in der Musik? Eine Expertenrunde aus Pop und Klassik diskutiert – und ist sich fast einig.

Urs-Peter Zwingli
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Die norwegische Pianistin Julie Falkevik legte am Nordklang-Festival mit ihren Trio einen jazzig-poppigen Auftritt hin. (Bild:Urs Bucher/TAGBLATT)

Die norwegische Pianistin Julie Falkevik legte am Nordklang-Festival mit ihren Trio einen jazzig-poppigen Auftritt hin. (Bild:Urs Bucher/TAGBLATT)

Am Ende war sich die Runde aus Klassik- und Popmusikexperten fast erschreckend einig: Ja, es gibt ein verbindendes Element in der nordischen Musik. Es ist – kaum überraschend – die Melancholie.

Nur Gunnar Madsen von der dänischen staatlichen Musikförderungsstelle Danish Rock Council sorgte für Kontroverse. Wortgewandt beharrte er darauf, dass es den nordischen Klang nicht gebe:

«Das sind eher Erfahrungen, die vom Publikum in die Musik aus nordischen Ländern hineininterpretiert werden. Oder die Hörer suchen sich Musik aus, die ihren Erwartungen entspricht.»

Dänemark sei wie ganz Skandinavien und Europa zudem von Migration geprägt, und somit sei selbst ältere Musik nie nur einer Kultur zuzuschreiben.

Spürt man die weite Natur in nordischer Musik?

Gunnar Madsen hatte am Samstag am St. Galler Nordklang-Festivals darüber diskutiert, wie der Norden klingt. Mit ihm auf dem Podium im Textilmuseum sassen Modestas Pitrenas, Chefdirigent von Konzert und Theater St. Gallen, Florian Schreiber, Konzertdirektor des Sinfonieorchesters St. Gallen, Sandro Büchler vom Nordklang-OK und die norwegische Musikerin Julie Falkevik.

«In der nordischen Musik spürt man vielleicht die kalte Luft und die langen Nächte», sagte die studierte Pianistin Falkevik.

«Doch auch in Skandinavien leben die meisten Menschen heute in Städten und nicht in der Wildnis», sagte Madsen wenig später zur Frage, wie viel von der weiten Natur Skandinaviens in der Musik spürbar sei.

Völlig «geflasht» von archaischer Kirchenmusik

Popmusik wird in den Städten gemacht, klassische Musik, die heute gespielt wird, ist hingegen oft mehrere hundert Jahre alt. «Klassische Musik entsteht aus Kirchen- und Volksmusik und spiegelt darum weniger äussere Einflüsse als die globalisierte Popmusik», sagte Florian Schreiber. Und erzählte von einer Reise nach Schweden, während der er in einem Gottesdienst «völlig geflasht» von der dortigen Kirchenmusik gewesen sei.

«Die war archaisch und klanglich viel farbiger, als man sich das in unseren Kirchen gewohnt ist.»

Er sehe in der nordischen Klassik wegen ihrer gemeinsamen, historischen Ursprünge durchaus ein verbindendes Element.

Der Litauer Pitrenas («Wir Litauer stehen irgendwo zwischen dem Norden und dem Osten») fügte an, dass die Melancholie zwar für das aktuelle Programm des Festivals prägend sei, dies aber auch für die Klassik aus dem Norden gelte: «Baltische und nordische Melodien sind in der Regel in Moll gehalten und sehr schlicht.» In der nordischen Klassik spüre man zwar die raue Natur, «doch in ihrem Zentrum beschreibt sie die menschliche Tragödie».

Fussball spielen, saufen – oder Musik machen

Sandro Büchler sagte, das Organisationskomitee des Festivals werde von der Liebe zur Kultur aus dem Norden geeint. Und erzählte, ein Isländer habe ihm einst erklärt, dass man als Jugendlicher im rauen Inselstaat entweder Fussball spielen, Musik machen oder zum Säufer werden könne.

«Dieser Drang, sich zu betätigen, ist vielleicht kennzeichnend für Menschen aus dem Norden. So entsteht viel gute Musik.»

Die Nordklangmacher reisen regelmässig nach Skandinavien, um neue Bands zu entdecken. Am Spot-Festival in Aarhus – eine Art Talentshow, die vom Danish Rock Council gegründet wurde – traf Büchler auf Falkevik. Die Pianistin zeigte am Samstagabend in der St. Galler Kellerbühne mit ihrem jazzig-poppigen Auftritt eine der vielen Facetten der Musik aus dem Norden.