Musik, die zum Herzen spricht

Am Theater St. Gallen hat heute die Oper «Eugen Onegin» Premiere. Russland ist ein Schwerpunkt der Saison. Doch was macht sie so unvergleichlich, die russische Musik? Ein Gespräch mit Chefdirigent Otto Tausk.

Rolf App
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Draussen herrscht ländlich-tänzerische Lebensfreude, drinnen lebt Tatjana (Evelina Dobraceva) in ihrer eigenen Welt: Szene aus Tschaikowskys «Eugen Onegin» am Theater St. Gallen. (Bild: Daniel Ammann)

Draussen herrscht ländlich-tänzerische Lebensfreude, drinnen lebt Tatjana (Evelina Dobraceva) in ihrer eigenen Welt: Szene aus Tschaikowskys «Eugen Onegin» am Theater St. Gallen. (Bild: Daniel Ammann)

Otto Tausk will den Kaffee draussen trinken. Drinnen im Theater verbringt der Chefdirigent des Sinfonieorchesters St. Gallen jetzt genug Zeit, denn die Proben zur Oper «Eugen Onegin» von Pjotr Iljitsch Tschaikowsky gehen ihrem Ende entgegen. Und ausserdem, sagt er, liebt er den Frühherbst in St. Gallen. Ein wenig kühl wird es erst gegen Ende unseres lebhaften Gesprächs werden, in dem es um Russland geht, um die Russen – und um diesen einen unter ihnen, um Tschaikowsky.

Gergiev, der «Weltrusse»

Noch ein anderer wird prominent ins Spiel kommen: Valery Gergiev, dessen Assistent Tausk von 2003 bis 2007 beim Rotterdamer Philharmonischen Orchester gewesen ist. Ein «Weltrusse», wie Tausk sagt, immer unterwegs, in aller Welt dirigierend, und doch Russe durch und durch. «Er hat meine musikalische Entwicklung stark beeinflusst», sagt Tausk.

Russland ist ein grosses Thema in dieser Saison – im Sprechtheater, in der Oper, im Konzert (siehe Kasten). Tausk selber wird neben «Eugen Onegin» in Konzerten Schostakowitsch, Mussorgsky, Rachmaninow und Strawinsky dirigieren. Mit Strawinskys «Feuervogel» hat er seine Karriere in St. Gallen begonnen. Er ist ihm auch unter den russischen Komponisten der liebste. «Strawinsky hat so viele Stile und Facetten», sagt Tausk, «er ist so unerhört kreativ gewesen, so einzigartig.»

«Immer zauberhaft gemacht»

Trotz dieser Einzigartigkeit, trotz der langen Zeitspanne, die zwischen Tschaikowsky und Strawinsky liegen: Gibt es etwas, das ihnen und den andern russischen Komponisten gemeinsam ist – bei allen Unterschieden, die ihre Werke kennzeichnen? Otto Tausk hat darüber nachgedacht. Er sagt: «Zum einen haben alle diese Komponisten eine unglaubliche Virtuosität, was die Instrumentierung angeht – das ist immer zauberhaft gemacht und sehr geschmackvoll.»

Diese Musik spreche «direkt zum Herzen, Musiker und Zuhörer spüren es sofort». Und zum andern: «Alle diese Komponisten empfinden eine grosse Liebe zu ihrem Land – und haben zur selben Zeit enorme Probleme damit gehabt.»

Das Leiden an Russland

Verbreitet findet sich deshalb ein Hang zum Düsteren, zuweilen auch zum Depressiven. Tschaikowsky kämpft wegen seiner Homosexualität gegen seine eigene Natur an und unternimmt einen Selbstmordversuch. Schostakowitsch komponiert in der Stalinzeit unter Todesdrohungen. Rachmaninow und Strawinsky verlassen nach der Oktoberrevolution das Land, dem sie so viele Anregungen verdanken. «Wenn man in ihre Werke hineinhört, dann nimmt man Wehmut und Sehnsucht wahr – Wehmut angesichts der Welt, in der sie leben, Sehnsucht nach einer anderen Welt.»

Tatjana schreibt einen Brief

Sehnsucht: Sie ist das Stichwort für Tatjana, die weibliche Hauptfigur von «Eugen Onegin», die in Liebe zu ihm entbrennt und sich des Nachts entschliesst, ihm ihre Gefühle in einem Brief zu offenbaren. Die Leidenschaftlichkeit ihres Gefühls offenbart sich im Klang des Orchesters, in den kürzeren und längeren Wellen dieser Briefszene wächst ihre Entschlossenheit. Breit und liedhaft strömt die Musik dahin, es ist der Moment, da sie vom Mädchen zur Frau wird, sich von den Büchern ab- und einem Mann zuwendet – der nicht zu den Konventionen der Zeit passt.

Gesang und Musik sind das eine, die Sprache das andere. «Wenn man <Eugen Onegin> auf Russisch hört, nimmt man sofort dieses Poetische wahr, selbst wenn man kein Wort versteht», sagt Otto Tausk. «Eine eigene Welt tut sich auf, das hört man.»

Russisch muss es sein

Deshalb wird «Eugen Onegin» in St. Gallen auch russisch gesungen. Tausk hat die Sänger sogar gebeten, sie sollten in den Pausen weiter russisch miteinander reden, auch wenn er sich dazusetze. «Ich empfinde diese Sprache als so schön und so musikalisch.»

In Russland geniesst die Musik tiefe und anhaltende Wertschätzung. Otto Tausk erlebt das selber, wenn er dort auftritt. Die Konzertsäle sind voll, die Menschen lassen sich mitreissen. Und: Es kommt zu Begegnungen, die hier bei uns kaum möglich wären. Tausk erzählt von einer alten Frau, die jeweils sein Orchester betreut, und die jedes Mal, wenn sie ihn trifft, auch Wert darauf legt, mit diesem Dirigenten aus dem Westen Kaffee zu trinken.

«So viel Schlimmes erlebt»

«Diese menschliche Nähe, das empfinde ich schon als sehr russisch», sagt er. «Ich glaube, die Russen haben so viel Schlimmes erlebt in Zarenreich und Diktatur, dass sie nur überleben konnten, indem sie einander nah gewesen sind. Sie haben nicht diese Distanz, auf die wir hier im Westen so grossen Wert legen.»

Deshalb sei die russische Kultur immer stark verbunden gewesen mit Gefühlen – die ihren direktesten Ausdruck finden in der Musik. Noch einmal schweift unser Gespräch zum «Weltrussen» Gergiev. «Ich habe oft Konzerte für ihn vorbereitet», erzählt Tausk. «Alles war perfekt geprobt, aber wenn Gergiev dann kam, hat das Orchester schon in fünf Minuten anders geklungen.» Denn Gergiev interessiere sich hauptsächlich für Klang und Rhythmus.

«Weil es mich danach drängt»

Klang und Rhythmus: Vorhang auf zur Hauptprobe von «Eugen Onegin». Am Künstlereingang kommen mir Evelina Dobraceva und Nikolay Borchev entgegen, die die Tatjana und den Eugen Onegin singen. Sie reden russisch miteinander. «Ich bin verliebt in Tatjana», hat Tschaikowsky an seinen Bruder geschrieben, «ich bin hingerissen von Puschkins Versen und schreibe darauf Musik, weil es mich danach drängt.» In ihr sollten die Gefühle wahrer Menschen zum Ausdruck kommen. Sie tun es bis heute.