Das St.Galler Palace programmiert Musik, die den Horizont erweitert

Morgen startet die erste Saison unter neuer Programmleitung. Vieles bleibt zum Glück beim Alten.

Roger Berhalter
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Manche nennen sie die beste Band der Welt: Deerhoof aus San Francisco treten morgen in St.Gallen auf. Bild: PD

Manche nennen sie die beste Band der Welt: Deerhoof aus San Francisco treten morgen in St.Gallen auf. Bild: PD

Zwei neue Chefs haben übernommen, und keiner hat’s gemerkt: Auf diese Kurzformel kann man den Wechsel in der Programmleitung des Palace bringen. Wobei sich Fabian Mösch und Johannes Rickli gegen diese Formel wehren würden. Als Chefs wollen sie keinesfalls gelten. Und dass keiner ­gemerkt hat, dass sie jetzt am Drücker sind, ist den beiden nur recht. Rickli sagt:

«Mit dem Palace geht es nahtlos weiter. Es wäre falsch, alles über den Haufen zu werfen.»

Immerhin ist das ehemalige Kino, das 2006 als Konzertlokal wiedereröffnet wurde, heute weitherum bekannt und steht bei vielen internationalen Bands auf dem Tourkalender.

Das zeigt auch der Auftritt der Band Deerhoof, mit dem das Palace morgen in die neue ­Saison startet. Das Musikportal Pitchfork bezeichnete sie einmal als «die beste Band der Welt». Die Amerikaner spielen brüchige, teils vertrackte und immer unberechenbare Songs – und sie geben in St.Gallen ihr einziges Schweizer Konzert.

Zuerst Lichttechniker, jetzt Programmleiter

Die neue Palace-Saison ist die erste, deren Programm Fabian Mösch und Johannes Rickli verantworten. Im vergangenen Oktober haben sie den Job des langjährigen Programmleiters Damian Hohl übernommen. Beide sind aber schon länger im Palace aktiv.

Rickli ist in St. Gallen aufgewachsen, hat für verschiedene Bands als Lichttechniker ­gearbeitet und rutschte so nach und nach in die Kulturszene ­hinein. Seit fünf Jahren ist der 26-Jährige als Techniker Teil des Palace-Teams.

Das Palace als gemeinschaftliches Haus

Fabian Mösch kommt ursprünglich aus Baden und ist vor zweieinhalb Jahren wegen des Palace nach St.Gallen gezogen. Der 25-Jährige ist ausgebildeter klassischer Musiker und startete im Palace hinter den Kulissen, als Mitarbeiter im Büro. Mehr wollen die beiden nicht über sich erzählen.

«Das Palace sind nicht nur wir zwei, es ist ein gemeinschaftliches Haus», betont Rickli. Sie seien nicht allein für das Programm zuständig, vielmehr werde es in einer siebenköpfigen Gruppe diskutiert und bestimmt. «Es ist ein emotional gemachtes ­Programm, nicht berechnet und nicht kalkuliert», sagt Mösch. Als «horizonterweiternd» bezeichnet er die bevorstehende Herbstsaison.

«Unser Programm bildet viele Stile und Szenen ab.»

Und, so könnte man ergänzen, es präsentiert sich wie gewohnt: Spannende Bands aus allen Sparten und aus aller Welt treten auf, Diskussionsrunden finden ebenso Platz wie tanzbare Soulabende, düstere Noise-­Konzerte und ägyptischer Jazz.

Bei all dieser Vielfalt bleibt doch etwas immer gleich: Im Palace gibt es nicht nur Musik, sondern Musik mit Kontext zu hören. Nur ein Beispiel: Die Reggaeton-­Rhythmen der spanischen Sängerin MS Nina sind hochgradig tanzbar einerseits, aber eben auch mit feministischen Texten gespickt. Damit hält die Spanierin der machogeprägten Reggaeton-Szene den Spiegel vor.

Folk- und Métro-Sänger auf der Bühne

Der neue Palace-Herbstkalender bietet noch mehr: Alte Bekannte wie den New Yorker Jeffrey Lewis, der einmal mehr mit seiner Band zu Gast ist, oder die Indie-Folk-Institution Adam Green. Den algerischen Sans-Papier Mohamed Lamouri, der als Sänger in der Pariser Métro bekannt geworden ist. Oder ­Injury Reserve aus Arizona, die live vorführen, dass Hip-Hop auch anders geht.

Nationale und regionale Töne gehen ebenso wenig vergessen. So gibt es wieder neue Musik von All Ship Shape: Die St.Galler Band wird am 18. Oktober ihr neues Album taufen.

Lesung mit Deniz Yücel

Die Diskussionsreihe «Erfreuliche Universität» im Palace hat am 4. November einen bekannten Gast eingeladen. Deniz Yücel wird aus seinem neuen Buch lesen. Der deutsche Journalist sass 2017 ein Jahr lang in türkischer Untersuchungshaft und löste eine diplomatische Krise aus. In «Agentterrorist» erzählt Yücel von seinem Kampf für Freiheit und Selbstbestimmung unter widrigsten Umständen und davon, wie ihm die «Free Deniz»-­Kampagne Kraft gab. (rbe)