Musik angesichts des Todes

Heute jährt sich zum 70. Mal die Befreiung Europas vom nationalsozialistischen Terror. Der Oratorienchor St. Gallen singt heute im ehemaligen KZ Theresienstadt eine Kantate des Holocaust-Opfers Hans Krása und will damit ein Zeichen der Versöhnung setzen.

Martin Preisser
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Der deutsch-tschechische Komponist Hans Krása (1999–1944). (Bild: pd)

Der deutsch-tschechische Komponist Hans Krása (1999–1944). (Bild: pd)

ST. GALLEN. Eigentlich ist es unvorstellbar, dass mitten im Grauen eines Konzentrationslagers Musik komponiert und aufgeführt wurde. Bevor Komponisten wie Victor Ullmann, Pavel Haas, Gideon Klein oder Hans Krása Opfer des Holocaust wurden, haben sie sich im Ghetto Theresienstadt (heute: Terezín) für ein kulturelles Leben im Lager engagiert, nicht zuletzt, um angesichts von unvorstellbarem Leid und Tod mit Musik den Menschen Kraft, Trost, Würde und Lebensmut zu schenken.

In Auschwitz ermordet

Seit einiger Zeit werden diese Theresienstädter Komponisten mit ihren sehr qualitätvollen Werken wiederentdeckt und wiederaufgeführt. Uwe Münch, Dirigent des Oratorienchors St. Gallen, hatte bereits im April letzten Jahres in einem eindrücklichen Konzert in St. Gallen mit der Kantate «Die Erde ist des Herrn» an den deutsch-tschechischen Komponisten Hans Krása erinnert, der 1944 in Auschwitz ermordet wurde und eine treibende Kraft der Musikszene im Ghetto Theresienstadt war.

Bereits als Teenager hat Uwe Münch das Buch «Musik an der Grenze des Lebens» von Milan Kuna gelesen. Seitdem hat ihn Theresienstadt und die dortige Musikkultur nicht mehr losgelassen. «Es gibt wohl kaum eine verstörendere Metapher für die Paradoxie und somit für die Unerklärbarkeit der Begegnung von zutiefst Humanem und zutiefst Inhumanem im Menschen als das Zusammentreffen eines reichen kulturellen Lebens mit der menschenverachtenden Todesmaschinerie im ehemaligen Konzentrationslager Theresienstadt», sagt Uwe Münch.

Erinnern ohne unterzugehen

Für ihn und den St. Galler Oratorienchor ist der heutige Auftritt in Theresienstadt zum 70. Jahrestag des Endes des Zweiten Weltkriegs ein besonderer Tag. «Der Abend ist auch eine musikalische Wiedergutmachung, ein Symbol der Versöhnung», sagt Dirigent Uwe Münch. Für den Auftritt selbst sei es wichtig, wieder eine Distanz zum Ort und zum Geschehen zu schaffen. «Wenn wir von Emotionen übermannt würden, wäre das der Aufführung nicht dienlich. Die Kunst ist es zu erinnern, ohne in der Erinnerung unterzugehen.»

«Für viele Theresienstädter wurde die Musik zu einer Quelle der Kraft, der Sinngebung und auch ein Mittel, der schlimmen Wirklichkeit zu entfliehen, um überleben zu können, aber auch um sich gegen diese Wirklichkeit aufzulehnen», fasst Norbert Lammert, Präsident des Deutschen Bundestages, die Musikkultur im Ghetto zusammen.

Zeichen gegen das Wegschauen

Wie Lammert hat auch Stéphane Rossini, Präsident des Schweizer Nationalrates, die Schirmherrschaft über dieses Konzert des Oratorienchors St. Gallen übernommen. «Das Konzert ist auch ein Zeichen gegen das Wegschauen», sagt Rossini. Weggeschaut hatte 1944 eine Delegation des Roten Kreuzes, darunter auch Schweizer Mitglieder, welche das Lager besuchte und ihm offiziell «Unbedenklichkeit» attestierte. In diesem Sinne leistet der Oratorienchor St. Gallen in Tschechien einen eindrucksvollen Beitrag zur Versöhnung. Neben der Kantate von Hans Krása singt der Chor heute abend auch Werke von Brahms und Korngold. Uwe Münch dirigiert die Mährische Philharmonie Olmütz.

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