MUSICAL: Prinz auf Entdeckungsreise

In Rollen geschlüpft ist Nicolo Soller schon im Kindergarten gern, seine Lehrer förderten ihn sängerisch. Das Tanzen kam noch dazu. Jetzt steht der junge Ostschweizer in «Tanz der Vampire» als Profi auf der Bühne.

Bettina Kugler
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Hinter den Kulissen von Transsilvanien: Nicolo Soller in einer Probenpause. (Bild: Benjamin Manser)

Hinter den Kulissen von Transsilvanien: Nicolo Soller in einer Probenpause. (Bild: Benjamin Manser)

Bettina Kugler

bettina.kugler@tagblatt.ch

Die Probenpause muss sich das Ensemble redlich verdienen. Erst gibt es noch Tumult im versifften, blassgrün gekachelten Schwimmbad, an das die Szenerie zu «Tanz der Vampire» erinnert. Das Stichwort gibt Graf Krolock alias Thomas Borchert: «Saugt sie aus!» Was dann folgt, fordert den «Mover» im Musicaldarsteller, seine Fähigkeit, sich choreographisch exakt und ausdrucksstark in die Gruppe zu integrieren.

Nicolo Soller hat das in den vergangenen drei Jahren und vorher schon gründlich gelernt. Im März 2014 begann sein Studium an der Münchner Theaterakademie August Everding im Schwerpunktfach Musical. Gerade macht er seinen Abschluss und hat am Theater St. Gallen sein erstes Engagement. «Tanz der Vampire» kennt er bestens; in einer Jugendproduktion spielte er vor Jahren den Professor. Jetzt wirkt er als Berufsdarsteller im Ensemble mit, hat dabei aber eine klar definierte Rolle.«Ich bin der Dorf-Nerd», sagt er.

Haarfarbe blond, Augenfarbe braun-grün, Grösse 1 Meter 80 – so steht es in seiner «Sedcard», dem künstlerischen Steckbrief. Noch wichtiger: die Angaben zum Stimmfach und zum tänzerischen Ausbildungsprofil. Nicolo Soller ist lyrischer Tenor, im Musicalbereich eher der Stimmtyp für klassische Musicals und traditionelle Broadway-Stücke. Beim Casting für die St. Galler Fassung von «Tanz der Vampire» durfte er als Alfred vorsprechen, also für eine Hauptrolle: den jungen Assistenten von Professor Abronsius. «Ich war wahnsinnig aufgeregt. Und die erfahrenen Kollegen haben mir prophezeit, dass das nie nachlässt oder ganz verschwindet.» Doch Nicolo Soller weiss selbst, dass gerade diese Anspannung und Nervosität die nötige Energie freisetzt.

Showbiz: Schnelllebig und knallhart

Die Freude war gross, als tags dar­auf das Telefon läutete und er noch einmal aufgeboten wurde – zum Vortanzen. «Ich bin als Mover ausgebildet, nicht als Tänzer. In Amerika nehmen viel mehr Buben schon im Kindesalter Ballettunterricht. Hier bei uns wird man da immer noch schräg angeschaut, nicht nur von Gleichaltrigen.» Im Schulchor allerdings wurde Nicolo Soller bereits in der Mittelstufe als Talent entdeckt und von seinen Lehrern gefördert; die Schulaufführungen machten ihm riesigen Spass. So begann er nicht nur mit Gesangsstunden bei Monica Quinter, sondern besuchte darüber hinaus auch zwei Jahre lang die Samts Musical & Theatre School in Zürich und belegte Kurse an der Theatertanzschule St. Gallen.

Wenn er von dieser Zeit erzählt, merkt man, wie sehr ihn das Leben im Licht der Scheinwerfer schon damals gepackt hat: das Spielen und Singen, bald auch die Freude daran, sich tänzerisch auszudrücken. Illusionen hat er sich nicht gemacht. Spätestens, als er 2015 bei einem Bundeswettbewerb mit anfangs rund 1000 Teilnehmern in den Final kam, war ihm klar, wie knallhart und schnell das Showbusiness ist. Castings, «Sucherabende» mit Intendanten, die Rollenarbeit im Studium: Dies alles setzt starke Nerven voraus, Ausdauer – und eine Persönlichkeit, die offen und neugierig ist.

Böse Figuren sind spannender

Dass Nicolo Soller zunächst eine kaufmännische Berufslehre bei der Bischofszell Nahrungsmittel absolvierte, hat ihm in seiner Entwicklung geholfen. Vor allem aber der Zivildienst. Die Arbeit mit Behinderten an der Heilpädagogischen Schule, mit Flüchtlingen im Durchgangszentrum Zürich haben seinen Blick geweitet. «Ich kam an Grenzen, und das war eine sehr gute und wichtige Erfahrung.» So gut, dass er sich künftig wieder für soziale Projekte engagieren will. «Doch auch was wir als Bühnenkünstler am Theater machen, kann viel bewegen», davon ist er überzeugt.

«Im Studium geht es darum, herauszufinden, welche Möglichkeiten in dir stecken, welche künstlerischen Begabungen, die vielleicht nicht gleich auf den ersten Blick erkennbar sind.» Besonders spannend findet er, dem Bösen nachzuforschen, dafür in sich nach Darstellungsmöglichkeiten zu suchen. Denn immer nur den Prinzen zu spielen – wozu ihn sein Steckbrief derzeit noch prädestiniert –, wäre Nicolo Soller auf Dauer doch viel zu langweilig.

Premiere Sa, 18.2., 19.30 Uhr,

Theater St. Gallen

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