MUSICAL: Eine Lady aus der Gosse

Der Phonetiker Higgins macht aus dem kratzbürstigen Blumenmädchen Eliza eine feine Dame. Die ­Operettenbühne Vaduz inszeniert das Musical «My Fair Lady» klassisch – und begeistert.

Mirjam Bächtold
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Mirjam Bächtold

ostschweizerkultur@tagblatt.ch

Sie könnte einen Mann haben, der sie vergöttert und ihr seitenweise Liebesbriefe schreibt. Doch Eliza Doolittle wählt lieber den, der sie bis zuletzt ein Dreckstück nennt. Den rauhen, arroganten Macho Henry Higgins, der eine Lady aus ihr gemacht hat, selbst aber ungehobelt und unhöflich bleibt. «Der Unterschied zwischen einer Lady und einem Blumenmädchen liegt nicht darin, wie sie sich benimmt, sondern wie man sie behandelt.»

Auch Eliza Doolittles berühmtes Zitat aus dem ebenso berühmten Musical «My Fair Lady» kann Professor Higgins nicht dazu bringen, ihr zu sagen, dass er sie braucht und sie vermisst hat. Würde Eliza logisch überlegen, verliesse sie diesen überheblichen Zyniker, gleich nachdem sie erkannt hat, «wie demutsdämlich dumm» sie gewesen war. Aber wenn es noch so unlogisch wirkt, gibt es für Eliza kein anderes mögliches Ende: Als sie trotz allem zu Higgins zurückkehrt, atmet das Publikum erleichtert auf.

«Es greant so grean» in Spanien

Die Operettenbühne Vaduz hat sich für eine klassische Inszenierung entschieden (Regie und Bühnenbild: Leopold Huber). Bühnenbild und Kostüme sind in der Zeit um 1912 angesiedelt, in der auch die Originalversion des Musicals spielt. Toll dargestellt ist das Sprachlabor von Henry Higgins: In vier Säulen sitzen vier Schülerinnen mit Kopfhörern auf dem Kopf und üben die Vokale «a-e-i-o-u-ä-ö-ü-eu» im Chor.

Hier plagt Henry Higgins bald auch Eliza Doolittle, die er zu einer Lady machen will, um eine Wette gegen Oberst Pickering zu gewinnen. Da klingt das bekannte «Es grünt so grün, wenn Spaniens Blüten blühn» zu Beginn richtig derb: «Es greant so grean, wenn Spaniens Bliaten ­blian.» Sabine Winter spielt Eliza Doolittle mit dem Wiener Akzent herrlich frech und vorlaut. Trotzdem verliert sie nie an Sympathie.

Schade, dass nicht die ganze Handlung nach Österreich verlegt worden ist. Der Rest der Geschichte spielt in London, obwohl Eliza aus dem österreichischen Mistelberg kommt, was Henry Higgins an ihrem Akzent auf sechs Kilometer Entfernung hört.

Huub Claessens gibt Higgins, wie es sich für die Rolle gehört, arrogant und ungehobelt, nennt Eliza eine Rinnsteinpflanze, eine Kreatur, sein Geschöpf und einmal gar eine kannibalische Schlampe. Wenn er singt, ist es jedoch nicht einfach, den Bass auch in den hinteren Reihen zu verstehen. Mikrophone hätten der Verständlichkeit des Stücks geholfen.

Eine wichtige Rolle spielt im Musical der Chor, lauter Darsteller aus der Region. Regisseur Leopold Huber hat sie vielseitig eingesetzt und einigen auch eine kleine Rolle mit Gesangssolo gegeben. Unter ihnen sind sehr gute Stimmen zu hören.

Beinahe so etwas wie Zärtlichkeit

Die Massenszenen am Blumenmarkt, in Ascot oder am Diplomatenball lockern durch gelungene Choreographien die Dialoge auf, die stellenweise etwas langatmig werden. Einige Kürzungen hätte die Handlung vertragen. Rasant wird es aber wieder zum Schluss im Schlagabtausch zwischen Eliza und Higgins, der einfach unbelehrbar ist und es nicht über sich bringt, Eliza seine Gefühle zu gestehen. Sie nennt ihn einen Vokalverrückten, der nicht das A und O der Welt sei. Trotz all des Streits kommt doch beinahe so etwas wie Zärtlichkeit auf. Am Schluss gibt es einen langen Applaus aus dem ausverkauften Saal und Bravorufe für Sabine Winter.

Weitere Vorstellungen 4., 5. und 10.–12.2.: Fr/Sa 19.30, So 14.30 Uhr, Vaduzer Saal www.operette.li