Museen dürfen jetzt doch schon früher öffnen: Die Ostschweizer Reaktionen auf den überraschenden Bundesratsentscheid

Die einen wollten die aktuelle Ausstellung gerade abhängen, die anderen warten auf Kunsttransporte, die an der Grenze festhängen: Wie die Ostschweizer Kunstmuseen mit der plötzlich früheren Wiedereröffnung nach der Covid-19-Schliessung umgehen.

Christina Genova und Julia Nehmiz
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Kunstmuseum St.Gallen

Die Ausstellung «Metamorphosis Overdrive» im Kunstmuseum St.Gallen musste kurz nach Eröffnung wegen Corona schliessen.

Die Ausstellung «Metamorphosis Overdrive» im Kunstmuseum St.Gallen musste kurz nach Eröffnung wegen Corona schliessen.

Bild: Urs Bucher

«Ich bin sehr glücklich», sagt ein aufgekratzter Roland Wäspe, Direktor des Kunstmuseums St.Gallen. Wie der Bundesrat an der Medienkonferenz vom 29.April verkündet hat, dürfen Museen nun nicht wie zuerst vorgesehen am 8. Juni, sondern bereits am 11. Mai ihre Türen wieder für das Publikum öffnen.

Roland Wäspe, Direktor Kunstmuseum St.Gallen

Roland Wäspe, Direktor Kunstmuseum St.Gallen

Bild: Ralph Ribi

Wäspe ist überzeugt, dass es bei ihm im Haus dank der grosszügigen Räume problemlos möglich sei, die Abstandsregeln einzuhalten. Ein Detailkonzept werden nun ausgearbeitet. Er verrät, dass man über die Vereinigung Schweizer Kunstmuseen beim Bund interveniert hätte, wenn diese frühere Öffnung nicht gekommen wäre.

Wäspe selbst hat vor, bald die Ausstellung von Olivier Mosset im Mamco in Genf zu besichtigen:

«Ein Hauch von Normalität tut allen gut.»

Er freut sich darauf, einen Beitrag dazu zu leisten.

Kunstmuseum Thurgau

Im Kunstmuseum Thurgau liefen die Vorbereitungen der Ausstellung «Thurgauer Köpfe» trotz Lockdown und Verschiebung auf Hochtouren.

Im Kunstmuseum Thurgau liefen die Vorbereitungen der Ausstellung «Thurgauer Köpfe» trotz Lockdown und Verschiebung auf Hochtouren.

Bild: Donato Caspari
Markus Landert, Direktor des Kunstmuseums Thurgau

Markus Landert, Direktor des Kunstmuseums Thurgau

BIld: Andrea Stalder

Markus Landert, Direktor des Thurgauer Kunstmuseums, ist etwas überrumpelt. Die Nachricht über die frühzeitige Öffnung hat er mit grosser Überraschung und Freude zur Kenntnis genommen:

«Es ist schön, dass wir wieder aufmachen können.»

Voraussetzung sei, dass auch der Kanton Thurgau grünes Licht dazu gebe. Man werde ohne grosse Party und Vernissage eröffnen: «Obwohl wir das gerne täten.» Landert hofft auf einen guten Publikumszuspruch im Sommer. Das Bedürfnis der Leute sich zu bewegen, etwas anderes zu sehen, sei gross.

Forum Würth Rorschach

Museumsbetrieb am Boden? Nein, ein Blick in die Ausstellung «Menschenbilder» im Forum Würth Rorschach, die noch bis Februar 2021 zu sehen ist.

Museumsbetrieb am Boden? Nein, ein Blick in die Ausstellung «Menschenbilder» im Forum Würth Rorschach, die noch bis Februar 2021 zu sehen ist.

Bild: Urs Bucher

Zwar hat Barbara Rohner, Leiterin des Forums Würth in Rorschach genügend Desinfektionsmittel bereit, und auch die Plexiglasscheiben für den Museumsshop sind bestellt. Trotzdem kommen mit dem Beschluss des Bundesrates zahlreiche Abklärungen auf sie zu.

Barbara Rohner, Leiterin Forum Würth Rorschach

Barbara Rohner, Leiterin Forum Würth Rorschach

Bild: Rheintaler

Sie weiss, Stand Mittwochabend, noch nicht, ob das Museum bereits am 11. Mai wieder öffnet. Denn der Aufbau der neuen Ausstellung des portugiesischen Künstlers José de Guimarães wurde durch den Lockdown verhindert. Seine Werke befinden sich zurzeit noch im Forum Würth im französischen Erstein, wo die Schau vorher zu sehen war.

Wann man sie in die Schweiz transportieren könne, sei noch unklar. Auch Rohner hat nicht mit einer früheren Öffnung der Museen gerechnet:

«Wir sind fest davon ausgegangen, dass wir erst im Juni öffnen können.»

Kunsthalle Arbon

Die Installation «orten» der Thurgauer Sonja Lippuner in der Kunsthalle Arbon war bislang nur virtuell zu erkunden.

Die Installation «orten» der Thurgauer Sonja Lippuner in der Kunsthalle Arbon war bislang nur virtuell zu erkunden.

Bild: Ladina Bischof

Freudig habe sie die bundesrätliche Pressekonferenz gehört, sagt Deborah Keller. Die Kuratorin der Kunsthalle Arbon hat mit diesem Entscheid «absolut nicht gerechnet». Doch es sei eine schöne Nachricht. «Kultur, ins Museum zu gehen, das fehlt einem einfach», sagt sie. Der Hunger nach Kultur, die Lust auf Kunst sei gross.

Das frühere Eröffnungsdatum sei für sie kein Problem: Die aktuelle Ausstellung sei schon länger bereit fürs Publikum.

«Die Türen lassen sich öffnen.»

Die Installation «orten» von Sonja Lippuner hätte am 4.April Vernissage feiern sollen. Die Thurgauer Künstlerin habe sehr früh begonnen, an der Installation zu arbeiten, als dann der Lockdown verkündet wurde, war sie gerade fertig geworden.

Deborah Keller, Kuratorin der Kunsthalle Arbon

Deborah Keller, Kuratorin der Kunsthalle Arbon

Bild: Ralph Ribi

Die Ausstellung verharrte seither im Dornröschenschlaf, selbst Kuratorin Keller hat sie noch nicht vor Ort im Endzustand gesehen. Nur online war sie bislang zugänglich. Das wird sich ab 11.Mai ändern. Die zweite Ausstellung des Jahres wurde hingegen auf 2021 verschoben, sagt Keller, dies hätten sie vor wenigen Wochen so besprochen. Diese Entscheidung würden sie nicht wieder rückgängig machen. «Der Künstler muss auch planen.» Zudem sei es schade, eine Ausstellung zeigen zu müssen, ohne eine Eröffnung feiern zu können. «Das wird dem Künstler nicht gerecht.»

Der Schutz des Publikums könne in der grossen Kunsthalle sehr gut gewährleistet werden, sagt Keller. Die Halle misst 15 auf 30 Meter, da sei der Abstand gut einzuhalten. Sie überlegen, ob sich Besucherinnen und Besucher vielleicht per Mail anmelden, damit nicht zu viele aufs Mal in der Halle sind. Aber das wird Keller erst noch alles mit dem Vorstand besprechen.

Kunstmuseum und Kunsthalle Ziegelhütte Appenzell

Das Kunstmuseum Appenzell wird erst am 2.Juni öffnen - es wartet auf Kunstwerke, die an der Grenze festhängen.

Das Kunstmuseum Appenzell wird erst am 2.Juni öffnen - es wartet auf Kunstwerke, die an der Grenze festhängen.

Bild: Claudio Heller

«Es ist ein bisschen ein hü und hott», sagt Roland Scotti, Kurator von Kunstmuseum Appenzell und Kunsthalle Ziegelhütte Appenzell. Doch nicht das frühere Eröffnungsdatum, sondern das Coronavirus hat seine Häuser erwischt. Deswegen sagt er:

«Wir werden am Dienstag, den 2. Juni wieder öffnen.»

Der Grund: Am 10. Mai hätten sie im Kunstmuseum Appenzell die Ausstellung des schweizerisch-irakischen Künstlers Selim Abdullah eröffnet. Doch der Kunsttransport aus Genua ist blockiert. Erst letzte Woche hat Roland Scotti die Nachricht erhalten, dass der italienische Exporteur nun am 14.Mai die Werke in die Schweiz einführen darf, dort übernimmt dann eine schweizerische Firma und liefert die Werke nach Appenzell.

Sie wollen die Ausstellung so sorgfältig hängen wie alle anderen auch, keine Tag-und-Nacht-Aktion veranstalten, um eventuell ein paar Tage früher eröffnen zu können. «Eine neue Ausstellung zum neuen Monat, das ist doch schön», sagt Roland Scotti.

Roland Scotti, Kurator Kunstmuseum und Kunsthalle Ziegelhütte Appenzell

Roland Scotti, Kurator Kunstmuseum und Kunsthalle Ziegelhütte Appenzell

Bild: Apz

Die Ausstellung «Emma Kunz und Gegenwartskunst» hätte eigentlich jetzt am Wochenende Vernissage gefeiert. Doch auch sie leidet unter dem Virus: «Ein Kunsttransporter aus Belgien kommt auf vielen vielen Umwegen erst jetzt am Freitag zu uns», sagt Scotti. Ob sie die Emma-Kunz-Ausstellung dann bereits am 12.Mai öffnen (am 11.Mai ist ein Montag, da hat das Museum geschlossen), was theoretisch möglich wäre, oder gemeinsam am 2.Juni beide Ausstellungen eröffnen, das wird Roland Scotti mit seinem Team besprechen und entscheiden.

Und für das Sicherheitskonzept? Da wartet er auf das Grobkonzept, das der Verband der Museen der Schweiz erarbeiten wird. Scotti wird das für seine Häuser detailliert ausarbeiten und der kantonalen Verwaltung vorlegen. Noch fehlen ihm die Zahlen, wie viele Menschen sich in den Museen maximal zugleich aufhalten dürften.

«Man trägt plötzlich eine Art von Verantwortung, mit der man im Museum sonst nicht so viel zu tun hat.»

Er tendiere dazu, lieber etwas vorsichtiger zu sein als unvorsichtig.

Museum Appenzell

Verwinkelt bis unters Dach: In den vielen Räumen des Museum Appenzell (hier ein Blick in die Ausstellung «Nastüechli») kann man sich gut aus dem Weg gehen.

Verwinkelt bis unters Dach: In den vielen Räumen des Museum Appenzell (hier ein Blick in die Ausstellung «Nastüechli») kann man sich gut aus dem Weg gehen.

Bild: Urs Baumann

Das Museum Appenzell wurde von der überraschenden Bundesratsentscheidung ein bisschen auf dem falschen Fuss erwischt, sagt Kurator und Landammann Roland Inauen, der natürlich die Pressekonferenz im Livestream verfolgte - und plötzlich ganz schnell zu seinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern ins Museum stürmte. «Wir wollten gerade beginnen, die alte Ausstellung abzuhängen, als der Bundesrat verkündete, dass wir schon am 11.Mai öffnen dürfen», sagt Inauen. Da sei er schnell zu seinen Mitarbeitern gestürmt und habe gerufen, Stopp, Stopp, nicht abbauen!

Die aktuelle Ausstellung «Schaut her! Portrait-Fotografie von 1900 - 1930» war geplant bis zum 1.Juni. Also seien sie davon ausgegangen, dass sie an der neuen Ausstellung arbeiten können, um dann am 8.Juni mit «einem Aufbruch» starten zu können. Jetzt eröffnen sie also am 11.Mai und zeigen weiter die Portrait-Fotografie - und bereiten parallel die neue Ausstellung vor.

Roland Inauen, Innerrhoder Landammann und Kurator Museum Appenzell

Roland Inauen, Innerrhoder Landammann und Kurator Museum Appenzell

Bild: Christian Merz / KEYSTONE
«Ein paar der Spielzeuge, die wir schon überall gruppiert hatten, bleiben vielleicht noch stehen, so als kleiner Vorbote.»

Für die Sicherheit sei man gut gerüstet, sagt Inauen. Schon vor der Schliessung haben sie Plexiglasscheiben an der Kasse moniert und Desinfektionsmittelspender aufgestellt. Und da sich die vielen Räume über sieben Stockwerke verteilen, sei auch der Abstand gut einzuhalten. An den schmalen Treppen werden noch Hinweise angebracht, dass sie nur eine Person benutzen dürfe.

Er sei sehr erfreut, dass die Häuser nach der abrupten Schliessung früher aufgehen als erwartet, sagt Inauen. Und wenn es dann noch mit dem Tourismus wieder losgeht in Appenzell, dann kommen auch hoffentlich noch mehr Besucherinnen und Besucher.

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