MUNDARTPOP: «Ich sitze völlig auf Nadeln»

Nächsten Donnerstag gastiert Adrian Stern mit seinem neuen Album im St. Galler Kugl. Ein Gespräch übers Tanzen, die Social-Media-Welt und die Midlife-Crisis.

Reinhold Hönle
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Hat sein iPhone auf Eis gelegt und geniesst nun sein «Senioren-Handy»: Adrian Stern. (Bild: PD)

Hat sein iPhone auf Eis gelegt und geniesst nun sein «Senioren-Handy»: Adrian Stern. (Bild: PD)

Interview: Reinhold Hönle

ostschweizerkultur@tagblatt.ch

Der Sänger, Musiker und Songschreiber Adrian Stern wurde am 22. März 1975 geboren und wuchs in Baden auf. Der grosse Durchbruch gelang ihm mit der vierten CD «Herz» sowie den Singles «Amerika» und «Nr. 1». Das aktuelle Album «Chumm, mir singend die Songs, wo mir liebed, und tanzed mit ihne dur d’Nacht» kombiniert reife Texte und moderne Sounds.

Adrian Stern, welches sind die Songs, die Sie lieben und mit denen Sie durch die Nacht tanzen?

In meiner Skater-Zeit, mit 16, bin ich zu «Give It Away» von den Red Hot Chili Peppers abgegangen. Letztes Jahr gab es in der vollkommerziellen Hitparaden-Welt überraschend viele Dance-Songs, die mir sehr gut gefallen haben, darunter der Seeb-Remix von «I Took a Pill in Ibiza». Nach dieser Überdosis und wegen der Proben für die Tournee ziehe ich nun jedoch wieder Singer-Songwriter und meine eigenen Lieder vor.

Welche gefallen Ihren Töchtern Mina (4) und Juno (2)?

Momentan hören Sie besonders «Elektrisch» vom neuen Album und «Sie isch furt» von meiner ersten CD gern. Bei diesem Vollgas-Rocksong hüpfen sie wie wild herum und ich mache mit. Das ist ein Riesenspass.

Was für ein Tänzer sind Sie?

Ich bin einer, der sich nicht an Tanzschritte hält. Eigentlich ein Ausdruckstänzer, der aber zu vermeiden versucht, dass er wie einer aussieht. Wenn mir etwas gefällt, gibt es kein Halten. Es gab allerdings ein Jahrzehnt, in dem mich die Tanzmusik völlig kalt liess – in der Techno-Zeit.

Haben Sie einst Ihre heutige Ehefrau zum ersten Tanz aufgefordert oder war es umgekehrt?

Das kann man alles in «Funke» auf meinem letzten Album hören. Wir waren damals so aufgeregt und unsicher, dass wir beide nur herumgestanden sind, obwohl wir eigentlich in den Club gegangen waren, um zu tanzen. Es war ein Abend, an dem für uns nicht nur die Zeit still stand!

Weshalb haben Sie bei der aktuellen CD Wert auf erhöhte Tanzbarkeit gelegt?

Als nach den Bataclan-Terroranschlägen von Paris alle vor Angst und Schrecken erstarrt waren, hatte ich aus einem Hauch von Hippie-Geist das Bedürfnis, Songs zu machen, welche die Menschen zusammenbringen. Da war es wichtig, dass diese nicht nur über den Text, sondern über die Musik funktionieren.

Wie stark bewegt es Sie, wenn die Fans bei «Amerika», «Nr. 1» oder «Ha nur welle wüsse» mitsingen?

Das ist das Grösste für mich. In diesen Momenten habe ich das Gefühl, mit dem Publikum eins zu sein. Wenn ich diese akustische Verschmelzung auf Livealben höre, kommen mir manchmal Tränen.

Sie machen sich Gedanken über das Älterwerden. Stecken Sie etwa in einer Midlife-Crisis?

Ich scherze darüber noch ziemlich oft, denn ich habe keine Krise. Aber ich mache mir Gedanken, die ich mir machen würde, wenn ich eine hätte. Ich frage mich, wie ich in den nächsten 20 Jahren für meine Familie sorgen kann. Und ob ich immer als Sänger auf der Bühne stehen oder mich mehr auf anderen Gebieten ausleben werde – als Produzent, Theatermusiker oder Songschreiber für andere Künstler? Momentan sitze ich völlig auf Nadeln, möchte am liebsten mit allem loslegen, um herauszufinden, wo meine Zukunft liegt.

Und privat?

Mich nervt es, dass ich mich zwischen allen Stühlen und Bänken fühle. Ich spüre, dass ich nicht mehr ganz jung bin und sich meine Interessen verschoben haben. Die Social-Media-Welt ist für mich längst nicht so wichtig wie für andere. Ich habe mein iPhone gerade auf Eis gelegt und geniesse es, nur noch ein Senioren-Handy zu benutzen. Die reale Welt um mich herum bedeutet mir viel mehr.

Betrachten Sie die Informationsflut, der wir ausgesetzt sind, als Bedrohung?

Ich weiss nicht nur mehr, ich zweifle auch mehr. Meiner Meinung nach resultiert daraus mehrheitlich Passivität. Weil mich das mega stresst und ich nicht mehr der sein will, der nichts tut, schrieb ich «Warte uf es Wunder». Ich habe jedoch auch keine Patentlösung.

Aber vielleicht einen Lösungsansatz?

Ich denke, dass ich im Lokalen noch am ehesten einen gewissen Einfluss nehmen kann. So mache ich meine Grosseinkäufe im Quartierladen, obwohl das teurer ist, um ihn zu erhalten. Und wenn wir im Kulturlokal Stanzerei den «Song Circle» machen, habe ich das Gefühl, etwas für Baden zu tun.

Was sonst hat Sie zu «Chlini Stadt & wildi Ross» inspiriert, der Liebeserklärung an Ihre Stadt?

Industriegebiete haben mich schon immer fasziniert. Bereits als Jugendlicher reiste ich nach London, um die Battersea Power Station zu sehen, die auf einem Pink-Floyd-Cover («Animals») war. Ich habe viel auf den Parkplätzen der ABB geskatet und liebte das Fernweh, das die Schwertransporte der Turbinen in die grosse, weite Welt in mir erzeugten.

Do, 30.3., 19 Uhr, Kugl, St. Gallen, adrianstern.ch