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MUNDART-PUNK: Jack Stoiker - Star wider Willen

Die Ostschweizer Gruppe Knöppel um Jack Stoiker hat gemäss SRF-Voting den «besten Schweizer Rocksong aller Zeiten» geschrieben. Dabei probt das Trio nicht einmal. Frontmann Daniel Mittag will vom Erfolg nichts wissen.
Melissa Müller
«Ich mache meine Musik für niemanden ausser für mich»: Daniel Mittag tritt als Jack Stoiker auf und zusammen mit seiner Band Knöppel. (Bild: Benjamin Manser)

«Ich mache meine Musik für niemanden ausser für mich»: Daniel Mittag tritt als Jack Stoiker auf und zusammen mit seiner Band Knöppel. (Bild: Benjamin Manser)

Bekannt wurde Daniel «Midi» Mittag als Jack Stoiker. Als «schlechtester Sänger der Schweiz» schockierte er vor 20 Jahren das Publikum mit «asozialen Liebesliedern». Jetzt wurde ausgerechnet sein Song «Prada» bei einem Online-Voting von SRF zum «besten Schweizer Rocksong aller Zeiten» gewählt. Seine Punk-Band Knöppel liess 39 Konkurrenten hinter sich, darunter Urgesteine wie Krokus, Gotthard und Young Gods. «Das hätte ich jetzt nicht gebraucht», meint der St.Galler, der mit Frau und zwei Kindern zurückgezogen in Fribourg lebt.

Die Musik sei sein «Gegengift» zum Alltag, sagte er einmal. Je geordneter sein Leben, desto stärker sein Drang nach schrillem Sound. Er mag Lady Gaga und Motörhead-Sänger Lemmy Kilmister. Privat zurückhaltend und sensibel, lässt er auf der Bühne die Sau raus. Und beschimpft das Publikum: Auf der Knöppel-Platte «Hey Wichsers» kommt das Wort «Wichser» in jedem Stück vor. «Wir proben nie», sagt Bassist Marc Jenny. «Midi schreibt und komponiert und schickt uns ein Demo. Am Konzert spielen wir die Songs dann zum ersten Mal. Das hält die Musik lebendig und die Nervosität hoch.»

Obwohl Songs wie «Dä het mi g’haue dä Wichser» primitiv daherkommen, steckt mehr dahinter. «Es geht um Gewalt, Fussball und den Zorn der kleinen Leute», sagt Jenny. Wer sind die zumeist männlichen Fans, die bei den Auftritten vor der Bühne voll abgehen? «Zum Beispiel FCSG-Fans», sagt Marc Jenny. «Oder Leute, die nicht nur auf der Sonnenseite des Lebens stehen und sich angesprochen fühlen. Weil sie merken: Hey, die sind ja so wie wir. Nicht so erfolgsorientiert.»
1998 betrat Mittag die Bühne erstmals als Jack Stoiker. Der Barde veröffentlichte nur eine CD, «Hällwach», die schon lange vergriffen ist. Mit filzigem Langhaar, Schnauz und schlecht sitzenden Anzügen jaulte der damals 25-jährige bleichgesichtige Student in St.Galler Dialekt über Sex, Masturbation und Misserfolg bei Frauen. Zum Beispiel: «I ha di immerno gärn, au wenn du Periode häsch. Au wenn du s’ganzi Bett vesausch.» Seine Texte schrieb er abends in der Beiz bei einem Bier, oft in einem Schnurz. Mundartpoeten wie Manuel Stahlberger zollen ihm Respekt.


Daniel Mittag, herzlichen Glückwunsch zum «besten Rocksong aller Zeiten»! Wie fühlen Sie sich?
Schon noch speziell. Das hätte es jetzt nicht gebraucht. Es läuft zu gut. Meine Anonymität in Fribourg ist beschädigt. Meine Nachbarn, die gar nicht wussten, dass ich Musik mache, gratulierten mir und finden es lustig. Auch im Job weiss ich nicht, inwiefern jetzt mein Ruf ramponiert ist.

Sie bangen um Ihren Ruf als Informatiker?
Der Hype wird sich schon wieder legen. Ich bin ja nicht der einzige seltsame Informatiker. Da gehört es dazu, ein bisschen schäbig herumzulaufen. Mit Anzug und Krawatte wird man in der IT-Branche gar nicht ernst genommen.


Sie haben sich mal als «Rockstar ohne Fans» bezeichnet. Jetzt haben aber Tausende für Sie gestimmt.
Danach gerufen hab ich nicht. Zu viel Erfolg ist nicht so praktisch. Eigentlich spiele ich lieber in kleinen Lokalen. Ich kann nix dafür. Aber ich bin jetzt nicht traumatisiert oder so.

Sie scheinen nicht begeistert.
Mein Leben besteht zu 97 Prozent aus Alltag und zu 3 Prozent aus Musik. Knöppel isch extrem nöd mis Läbe. Nur ein Hobby. Ich mache meine Musik für niemanden ausser für mich und für den Spass. Das jetzt plötzlich ernst zu nehmen, steht nicht zur Diskussion.

Ihre Konzerte in Zürich, Bern und St.Gallen sind ausverkauft. Da könnte doch noch mehr draus werden als ein Hobby.
Es geht noch gut 20 Jahre bis zu meiner Pensionierung. Von der Musik leben, würde vielleicht drei Jahre gut gehen. Das ist keine Option. Das will ich wirtschaftlich gar nicht, ich habe Job, Frau und Kinder. Auch wenn das jetzt ein bisschen trocken tönt. Mit 47 bin ich auch zu alt, um vom Erfolg zu träumen.

Im Song «Prada» machen Sie sich über Mode lustig. Was haben Sie gegen Prada?
Ich trage selber ein Prada-Jäckli aus dem Outlet. Ich mag zum Teil, was Prada macht. Mein Vater war ja Schneider. Aber ich finde den Preppy-Style hässlich, diese genöppelten Mokassins für 600 Franken. Oder diese Art, sich den Pullover über die Schultern zu hängen. Dieser HSG-Studenten-Look ist nicht sexy.

Ihre Figur Jack Stoiker war jahrelang untergetaucht. Und der Song «Prada» ist aus dem Jahr 2016. Sie scheinen nicht gerade produktiv zu sein.
Wir hatten jetzt aber eine gar nicht so unproduktive Phase, wir arbeiten an einem Album. 90 Prozent der Songs stehen schon.

Wie lautet der Titel?
«Faszination Glied». Was mir am Wort «Glied» gefällt, ist, dass es der unsexuellste, unerotischste Begriff für das primäre männliche Geschlechtsteil ist. Es geht um Nicht-Sex.

Werden Sie wieder über Onanie singen, wie in Ihrer Hymne «Uf em Liintuech»?
Es bleibt ordentlich vorpubertär. Es geht um das, was wir über Sex fantasierten, als wir noch keine Ahnung davon hatten. Als wir noch verschämt kicherten, wenn wir im Biologieunterricht das Wort «Glied» hörten. Und schon stolz waren, wenn wir im Stehen pinkeln konnten, ohne uns die Hose zu bekleckern.

Das klingt unschuldig.
Extrem unschuldig. Ich hoffe, wir können unseren Erfolg damit nachhaltig sabotieren.

Heute, 20 Uhr, sind Knöppel im Rock Special bei Radio SRF 3 zu Gast.

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