Mütterliche Wunschvorstellung

Alle halten Guillaume für homosexuell, doch in Wirklichkeit liebt er Frauen. Ebenso witzig wie berührend erzählt Guillaume Gallienne in seinem autobiographisch geprägten Spielfilmdébut «Les garçons et Guillaume, à table!» von einer schwierigen Identitätsfindung.

Walter Gasperi
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Die Schauspielerin Diane Kruger in ungewohnter Rolle vor der Massageliege mit Guillaume Gallienne. (Bild: pd)

Die Schauspielerin Diane Kruger in ungewohnter Rolle vor der Massageliege mit Guillaume Gallienne. (Bild: pd)

Ein Mann blickt in einer Theatergarderobe in einen Spiegel, ehe die Kamera über Fotos von seinen Rollen gleitet. Schon diese erste Einstellung verweist auf das Spiel mit Identitäten und Rollen als zentrales Thema des Films. Kein Wunder ist es auch, dass Guillaume Gallienne, der mit seinem ersten Spielfilm sein 2008 erschienenes gleichnamiges autobiographisches Einpersonenstück verfilmte, Schauspieler wurde. Lange Zeit spielte der 1972 geborene Franzose nämlich auch im Leben eine Rolle, die ihm von aussen aufgedrängt worden war.

Alles für meine Mutter

Weil die Mutter sich nach zwei Buben ein Mädchen wünschte, behandelte sie ihren dritten Sohn Guillaume wie ein solches. Der Ruf zum Essen lautete folglich stets «Les garçons et Guillaume, à table!», obwohl doch Guillaume auch ein Bub war. Und dieser Sohn wiederum nahm aus Liebe zur Mutter das entsprechende Verhalten an, begann ihre Wunschvorstellungen zu erfüllen und für sie eine Tochter zu sein, gab sich feminin und verkleidete sich als Kaiserin Sissi, statt Sport zu treiben. Lange brauchte der vermeintlich homosexuelle Guillaume, bis er sich von dieser Rolle befreien konnte und zu sich selbst fand, bis es bei einem Treffen mit jungen Frauen nicht mehr heisst «Les garçons et Guillaume, à table!», sondern «les filles et Guillaume, à table!».

Anker des Films, der bei den Filmfestspielen in Cannes begeistert aufgenommen wurde und in Frankreich allein am Startwochenende fast 600 000 Zuschauer anlockte, ist eine Theaterbühne, von der aus Guillaume dem Kinopublikum seine Lebensgeschichte erzählt.

Doch der Film bleibt nicht im Theater, sondern die Erinnerungen werden visualisiert, und von der Bühne führt die lockere Szenenfolge unter anderem in die elterliche Wohnung, nach Südspanien, in ein englisches Internat, in ein bayrisches Sanatorium und in eine Pariser Schwulen-Disco.

Befreiende Spielweise

Spielerisch wechselt Gallienne zwischen den Zeiten und spielt ganz selbstverständlich Guillaume als Kind, als Erwachsenen und gleich auch noch als seine eigene Mutter. Das ist freilich nicht nur ein Spiel, sondern bringt in dieser Doppelung auch das Nahverhältnis der beiden zum Ausdruck, das auch ein Fluch ist, da es die Entwicklung von Guillaumes eigener Persönlichkeit verhindert.

An aberwitzigen Momenten fehlt es nicht: bei schmerzhaften sportlichen Erfahrungen im Internat, bei Massagen durch einen muskelbepackten Pfleger und einer hübschen Pflegerin, oder bei der Musterung für den Militärdienst. Gleichzeitig gelingt es Gallienne aber auch in seiner befreiten Erzählweise, die Tonlage immer wieder abrupt, aber bruchlos zu wechseln und berührend seine schwierige Situation bewusst zu machen.

Weil man dabei in jeder Szene spürt, dass hier einer von persönlichen Erfahrungen erzählt, besitzt diese sexuelle Selbstfindungsgeschichte auch eine grosse Glaubwürdigkeit, durch die sie bewegt.

Kinok, 14.12., 21.30 Uhr; 18.12., 18.30 Uhr; 20.12., 21.30 Uhr; 26.12., 20.30 Uhr; 29.12., 17.15 Uhr