Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

Vielen Dank für Ihre Bestellung. Wir wünschen Ihnen viel Spass beim Lesen.

Morgens um sieben dem Traum nachlauschen

Machen munter: Christoph Indrist und Schauspieler Dirk Ossig. (Bild: Matthias Rhomberg)

Machen munter: Christoph Indrist und Schauspieler Dirk Ossig. (Bild: Matthias Rhomberg)

Montforter Zwischentöne Das Fernsehgesicht von Schauspieler Dirk Ossig sieht noch zerknittert aus. Wie im falschen Film sitzt er da in seinem grossen Lehnstuhl. Hinter ihm, zwischen Schattenburg und den Dächern der Feldkircher Altstadt, zerfetzt ein kühles Morgenlüftchen die Wolken der Nacht. Der Himmel blaut und verspricht einen sonnigen Sommertag. Dazu diese Musik: hingetupft wie die Wolken. Glockig, ohne scharfe Konturen, so wie Traumbilder und Nachtgedanken noch durch den Kopf wehen um diese Tageszeit.

Sieben Uhr früh, werktags, auf der Dachgalerie des Montforthauses. Nicht gerade die beste Stunde für Abendarbeiter und Bühnentiere wie Ossig. Er spielte unter Claus Peymann beim Berliner Ensemble, war Ensemblemitglied am «Resi» in München, am Thalia Theater in Hamburg, beim Schauspiel Frankfurt. Anzug steht ihm; Sakko und offener Hemdkragen reichen heute fürs erste. Zumal im Publikum auch noch nicht alle nächtlichen Falten geglättet sind und alle Frisuren perfekt sitzen. Egal – das Konzertformat hat was. Ist es nicht purer Luxus, schon auf den Beinen zu sein, mit vom Tag unverdorbenen Ohren Marimba-Klängen zu lauschen, Dichtern und Denkern in ihre Träume zu folgen? Während draussen emsige Hände Kaffeetassen bereitstellen und Birchermüesli portionieren?

Brad Pitt und George Clooney braten Würste

Ossig ist nicht ganz freiwillig da, sondern als Held der letzten Minute. Eigentlich müsste jetzt seine Frau Mareile Blendl frisch und munter hier sitzen und Texte von Schmetterlingsträumen lesen. Die aber ist verletzt. Zwei Schwertstreiche hat sie als Jungfrau von Orléans beim Freilichtspektakel des Landestheaters Vorarlberg auf Maria Bildstein abbekommen. Ihren filmreifen Traum bringt Ossig zum Glück trotzdem mit: Wie sie schlaftrunken und im falschen Outfit auf die männliche A-Liga Hollywoods zutaumelt und den Herren Clooney, Pitt und Waltz beim Grillieren zuschaut. Das macht Appetit.

Der Mann für die sanften Töne zwischen Texten von Nietzsche und Eichendorff, Pascal und Droste-Hülshoff ist Christoph Indrist an der Marimba. Trompete wäre jetzt nichts, ein Streichquartett auch zu viel des Guten. Gambenmusik mit Hille Perl,Harfen-klänge in aller Herrgottsfrühe, damit haben die Montforter Zwischentöne das kleine Morgenkonzert dem Publikum schnell schmackhaft gemacht. Kulturbeflissenen älteren Damen ebenso wie Männern unter vierzig im Businessdress – die hier verträumt zuhören, statt aufs Handy zu starren und erste Briefings in die Welt zu schicken. Die Musik tut gut; Indrist ist sicher früh genug aufgestanden. Denn er spielt hellwach, pocht uns geistesgegenwärtig aus der Schläfrigkeit und lässt die Texte nachhallen. Etwa den Abschnitt aus Kafkas «Der Process», auf den man dumpfe Schritte zu hören glaubt.

Freuds Traumdeutung klingt im «Dies irae»-Motiv in sanfter Verwandlung weiter und lässt Albträume verpatzter Prüfungen wach werden, im wohligen Bewusstsein, dass das alles gerade nur Einbildung ist, der Traum eines Schmetterlings, ein Mensch zu sein. Ein Mensch, der in Kürze in den Tag flattert: beflügelt von Worten, Klängen, Traumnektar.

Bettina Kugler

bettina.kugler@tagblatt.ch

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.