Morgenmusik in der St. Galler Knecht-Ruprecht-Reihe:
Mit der Fee nach Hause fliegen

Musik im Morgengrauen: Um sieben Uhr früh kann man diese Woche im Kulturkonsulat den Tag dank Stimmsaiten ganz ungewohnt beginnen. Am ersten der fünf Anlässe kam vorgestern rund ein Dutzend Frühaufsteher zum Konzert.

Martin Preisser
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Morgendliche Muntermacher: Das Stimmsaiten-Quartett lässt im Kulturkonsulat den Tag improvisierend beginnen.

Morgendliche Muntermacher: Das Stimmsaiten-Quartett lässt im Kulturkonsulat den Tag improvisierend beginnen.

Bild: Ralph Ribi

In diesem Konzert frühmorgens in St.Gallen ist alles improvisiert. Wo sonst Sänger oft Angst haben, ob ihre Stimme wirklich parat ist, sagt die Sängerin und Jodlerin Sonja Morgenegg: «Ich nehme die Stimme jetzt einfach so, wie sie ist, und spüre nach, was ich brauche, damit mir wohl ist.» Die Ohren sind offener bei diesem Event im Kulturkonsultat, bei den Zuhörern und den Musikern. «Um 7 Uhr auf der Bühne, da ist man der Traumwelt noch näher», sagt Sonja Morgenegg, die letzte Woche ihre CD mit der Gruppe Sooon herausgebracht hat.

Aus Traumwelten auftauchen und nach dem Wachsein wieder in sie hineingleiten, das machen auf der Bühne auch Marc Jenny (Kontrabass), Marcello Wick (Stimme) und Lorena Dorizzi (Cello). Aus dem Moment heraus lässt einer einen Klang entstehen, die anderen kommen unaufdringlich dazu, geben neue Farbe, und plötzlich ist ein ganz überraschender Groove da.

Neue Klänge federleicht aufsteigen lassen

Den Rhythmus aus subtil aufsteigenden Klängen herausschälen, das bleibt an diesem ersten der fünf Stimmsaiten-Konzerte am meisten haften. Und spannend, so aufweckend wie nochmals zum Träumen einladend, ist die federleichte Art, wie die vier neue, oft ungewohnte Klangkombinationen wagen, diese sich verästeln und sich ausbreiten lassen können.

Stimmsaiten gibt es seit 2015; letztes Jahr sind die Musiker mit ihren Instrumenten per Velo durch die Ostschweiz getourt. Dieses spezielle Morgenkonzert (es gibt Kaffee, Kuchen und Gipfeli) befördert Kopfreisen in ferne Länder und die improvisierten Klänge tauschen die Zuhörer in unterschiedliche Gefühls­bäder.

Der 6-Uhr-Morgen-Verkehr

Stimmsaiten putzt die Ohren, aber verwöhnt sie auch. Und immer ist man wieder erstaunt über die überraschenden Wendungen, die Improvisationen nehmen. Da präpariert Marc Jenny, an diesem Morgen der deutliche Impulsgeber, seinen Kontrabass mit einem Stab, der das Instrument zum Schlagzeug macht. Marcello Wick, in St.Gallen 2016 mit der Theatermusik zu «Hamlet» aufgefallen, nimmt den Stab, erzählt plötzlich vom 6-Uhr-Morgenverkehr und fliegt mit seiner Stimme «mit der Fee nach Hause»: Eine träumerische Ballade hat sich aus experimentellem Kontrabassklang herausgeschält.

Das St. Galler Kulturkonsulat am frühen Morgen: Bild: Martin Preisser

Das St. Galler Kulturkonsulat am frühen Morgen: Bild: Martin Preisser

Humorvoll wird es, wenn Sonja Morgenegg und Marcello Wick in Fantasiesprachen singen. Ist das Arabisch, etwas Fernöstliches? Nein, es ist die Stimmsaiten-Fantasiewelt. Und es entstehen Geschichten im Kopf des Zuhörers, der sich vielleicht einen orientalischen Bazar vorstellt oder eine hitzige Diskussion auf dem Marktplatz. Marc Jenny kennt die Idee des improvisierten Morgenkonzerts von einer Luzerner Aktion, die Early Birds heisst. Für die vier Stimmsaiten-Spieler, die aus ganz verschiedenen musikalischen Richtungen kommen, ist es bei all den vollen Terminkalendern einfach auch eine gute Zeit, um miteinander zu improvisieren.

Ein kuscheliger Konzertort für den Auftritt von Stimmsaiten. Bild: Martin Preisser

Ein kuscheliger Konzertort für den Auftritt von Stimmsaiten. Bild: Martin Preisser

Man geht beschwingt in den Alltag

Die vier nutzen die Anlässe, um, anders als sonst, nach dem Konzert zu proben, Neues auszuprobieren. Das Spielgefühl am Bass sei am Morgen nicht anders als am Abend, sagt der vielseitige Bassist Marc Jenny. Das Hörgefühl beim Publikum ist anders, offener, noch neugieriger vielleicht als an einem Konzert nach einem langen Arbeitstag. In den vierzig Minuten Weckruf wird man jedenfalls mit ganz viel neuen Klängen und Fantasien belohnt. Um 7.45 Uhr ist es deutlich heller, und beschwingt geht man in den Arbeitsalltag.

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