Neuenburg
Mord, Totschlag, ausgelassene Atmosphäre: Das ist das heisseste Filmfestival

Das Neuenburger Filmfest hat sich mit Horror, Übernatürlichem und Fantastischem auf der ganzen Welt einen Namen gemacht. Die Stimmung ist trotzdem heiter.

Dario Pollice
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«Hereditary» wird bereits drei Wochen nach dessen US-Kinostart als neues Meisterwerk des Horrors bejubelt.

«Hereditary» wird bereits drei Wochen nach dessen US-Kinostart als neues Meisterwerk des Horrors bejubelt.

Ascot Elite

Die prestigeträchtigsten Filmfestivals findet man in Cannes, Berlin und Venedig, doch das coolste Filmfestival der Welt gehört der Schweiz. Seit seiner Gründung vor achtzehn Jahren hat sich das «Neuchâtel International Fantastic Film Festival» (kurz: NIFFF) von einem Nischenfestival für einige Freaks und Nerds, zu einer weltbekannten Veranstaltung gemausert. Vom 6. bis zum 14. Juli pilgern wieder Zigtausende Jünger des Horrors, des Übernatürlichen und des Fantastischen in die malerische Stadt, um sich einen Heidenschreck einjagen zu lassen.

Trotz des angsteinflössenden Inhalts herrscht am NIFFF eine heitere, ja fast feierliche Stimmung. Die Zuschauer verfolgen das Geschehen auf der Leinwand mit Leib und Seele mit, es gibt viele Zwischenrufe und allgemein viel Gelächter. Einige kommen schon seit Jahren und nehmen sich für das Festival eine Woche Ferien. Für sie ist das Festival so etwas wie ein gemütlicher Familienanlass – garniert mit Angst und Schrecken.

Der Horror-Maestro

In den letzten Jahren konnte das Festival mit illustren Jurymitgliedern und Gästen punkten. Dazu zählen der Übervater des Zombiefilms, George A. Romero («Night of the Living Dead»), Regisseur John Carpenter («Halloween») oder Fantasy-Autor George R. R. Martin («Game of Thrones»). Dieses Jahr gelang ein weiterer Coup: Der kanadische Horror-Maestro David Cronenberg («The Fly») präsidiert die Jury des internationalen Wettbewerbs.

Regisseur David Cronenberg Der kanadische Altmeister des Horrors und Hollywoodgrösse David Cronenberg präsidiert die Jury des internationalen Wettbewerbs am NIFFF.

Regisseur David Cronenberg Der kanadische Altmeister des Horrors und Hollywoodgrösse David Cronenberg präsidiert die Jury des internationalen Wettbewerbs am NIFFF.

Damian Dovarganes

Dementsprechend gross war die Vorfreude bei Anaïs Emery (Intendantin) und Loïc Valceschini (Programmverantwortlicher) bei der Vorstellung des Festivalprogramms gestern. Gemeinsam hoben sie die Highlights der verschiedenen Wettbewerbssektionen hervor und wiesen auf ihre Geheimtipps hin.

Innerhalb des Internationalen Wettbewerbs sticht zum Beispiel «Tigers Are not Afraid» heraus. Das Kindheitsdrama der Mexikanerin Issa López vereint schonungslose Einblicke in den Krieg der Kartelle mit traumartigen Momenten. Zu den Bewunderern des Films gehört kein geringerer als López’ Landsmann und Oscar-Gewinner Guillermo del Toro («Shape of Water»). Der Däne Rasmus Kloster Bro präsentiert in Neuenburg seinen Erstling «Cutterhead». Das klaustrophobische Kammerspiel entfaltet sich auf einer U-Bahn-Baustelle und verbirgt eine Allegorie von hoher Aktualität.

Bei umstrittenen Künstlern wird gerne und oft auf das Label Enfant terrible zurückgegriffen, bei Gaspar Noé ist es tatsächlich angebracht. In seinem Film «Climax» wandelt sich ein Fest einer jungen Tanztruppe in einen visuellen Höllentrip, wie ihn nur der französische Regisseur zustande bringen kann. Schliesslich gibt es noch «Hereditary». Der Film des Jungregisseurs Ari Aster sorgt in den USA gerade für viel Wirbel unter Filmkritikern wie Fans.

Ein neues Meisterwerk

«Hereditary» beginnt mit einer Beerdigung: Annie (Charakterdarstellerin Toni Collette) hat ihre Mutter Ellen verloren, die zeitlebens nichts von ihrem Innenleben preisgab. Annie beginnt ihre Familienbeziehungen zu hinterfragen und, wieso sich Ellen so stark für ihre Tochter Charlie (Nachwuchsschauspielerin Milly Shapiro) interessierte. Auf ihrer Suche nach Antworten lüftet Annie erschreckende Geheimnisse.

Die Presse überschlägt sich mit Superlativen: «Indiewire» nennt ihn «erstklassig», und «USA Today» sieht in ihm ein «modernes Meisterwerk» des Horrorgenres. Einige wagen gar den Vergleich mit dem Klassiker «The Exorcist» und bezeichnen Regisseur Aster als den neuen Meister des Horrors. Nach drei Wochen Laufzeit in den USA hat der Film bereits das Vierfache seiner Produktionskosten eingespielt.

Das NIFFF versteht sich seit seiner Gründung als Förderer der Schweizer Filmlandschaft und auch dieses Jahr fehlt es nicht an innovativen einheimischen Werken. Als ein Beispiel sei hier die Webserie «Le 5e Cavalier» genannt, welche das Festival eröffnet. Inspiriert von der wahren Geschichte eines Genfer Sammlers, taucht der visuell anspruchsvolle Thriller ins Herz der fantastischen Kultur ein und bedient die Genres Horror, Fantasy und Science-Fiction.

NIFFF Fr 6. bis Sa 14. Juli. Neuenburg. Infos zum Programm: www.nifff.ch