Mord in der Diktatur

LESBAR ARGENTINIEN Patricio Pron, 38, in Buenos Aires geboren, studierte im deutschen Göttingen. In «Der Geist meiner Väter steigt im Regen auf» beschreibt er – beinahe autobiographisch – die Rückkehr eines Sohnes an das Sterbebett des Vaters.

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LESBAR ARGENTINIEN

Patricio Pron, 38, in Buenos Aires geboren, studierte im deutschen Göttingen. In «Der Geist meiner Väter steigt im Regen auf» beschreibt er – beinahe autobiographisch – die Rückkehr eines Sohnes an das Sterbebett des Vaters. Benebelt tappt der Sohn durchs Elternhaus, als wäre er nie dort gewesen. Im Arbeitszimmer des Vaters findet er die Geschichte eines Mannes, der ermordet wurde. Akribisch hat der Vater alle Zeitungsartikel dazu gesammelt. Bei der Lektüre kehren – allzu plötzlich – die Erinnerungen des Sohnes zurück, die verschüttet waren. Pron stösst vor in die Zeit unter Präsident Juan Perón und der Militärdiktatur nach seinem Sturz. Der Vater musste als Journalist um sein Leben fürchten, Freunde verschwanden spurlos. Pron erzählt das ambitioniert, abwechslungsreich, zuweilen weitschweifig und redundant. Seine Sprache ist voller Anspielungen und Zitate; Spielereien, wie das Auslassen von Kapitelzahlen, sind schlicht überflüssig. Weil auch manche Passage phrasenhaft und besserwisserisch wirkt, bleibt ein sehr zwiespältiger Leseeindruck.

Patricio Pron: Der Geist meiner Väter steigt im Regen auf, Rowohlt 2013, 220 S., Fr. 27.50

Mord hinter Zäunen

Claudia Piñeiro wird vom Unionsverlag seit Jahren als «Shootingstar der argentinischen Literatur» gepriesen. Auch ihr neustes Werk «Betibú», eine Mischung aus Frauen-, Gesellschafts- und Kriminalroman, spielt in einer abgesperrten Siedlung, die reiche Argentinier vor Kriminalität schützen soll. Betibú ist eine Schriftstellerin mit Liebeskummer und Freundinnenkreis. Sie erhält von einer Zeitung den Auftrag, Morde in der Siedlung «La Maravillosa» (Die Wunderbare) aufzuklären. Auch ein in Ungnade gefallener Polizeireporter und sein jugendlicher Nachfolger machen sich an die Aufklärung. Die Polizei stellt sich dabei oberdoof an – so dumm, dass es kein Leser glauben kann. Am Ende erklärt Piñeiro das mit einer Volte, die nicht glaubwürdiger ist. Die Kritik am Zusammenspiel von Presse und Politik wirkt wie daran geklebt. Auch die langatmigen Passagen über Themen wie «Welchen Lippenstift nehme ich heute?» oder «Wer raucht wie seinen Joint?» machen die fehlende Spannung nicht wett.

Claudia Piñeiro: Betibú, Unionsverlag 2013, 344 S., Fr. 31.90

Valeria Heintges