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«Oliver Twist» in Bregenz: Mord für Anfänger und Fortgeschrittene

Das Vorarlberger Landestheater zeigt sein Weihnachtsstück «Oliver Twist» nach dem Roman von Charles Dickens in zwei Spielfassungen des Regisseurs Ingo Berk. Die kürzere, «entschärfte», ist ab sechs, verharmlost das Elend aber nicht. Spannend und sehenswert sind beide.
Bettina Kugler
Dem Armenhaus entkommen, in London gestrandet: Oliver Twist (Luzian Hirzel). (Bild: Anja Köhler)

Dem Armenhaus entkommen, in London gestrandet: Oliver Twist (Luzian Hirzel). (Bild: Anja Köhler)

Dies ist ein Artikel der «Ostschweiz am Sonntag». Die ganze Ausgabe lesen Sie hier.

Ein Raunen geht durchs Publikum, als auf der Bühne zum ersten Mal mit einer Schusswaffe herumgefuchtelt wird. Spätestens jetzt hat jedes Kind, das mit seiner Klasse in der Vormittagsvorstellung sitzt, begriffen: Es kann jederzeit ernst werden, um Tod oder Leben gehen. Dabei sind etliche der kleinen Zuschauer anfangs schon durch die Dunkelheit im Saal, durch die Nähe zu den Schauspielern in den vorderen Reihen derart gestresst, dass sich gespannte Aufmerksamkeit erst nach und nach einstellt.

Wer wie der kleine Oliver Twist im Armenhaus aufwächst und fast verhungert, wer in die Lehre bei einem Sargschreiner verkauft wird und fliehen muss, sieben Tage zu Fuss nach London läuft – der wird auch dort nicht mit dem goldenen Löffel im Mund leben. Er wird ein Strassenkind sein, wird Ganoven wie dem Hehler Fagin in die Fänge geraten, wenn nicht gar am Galgen enden. Mit sehr viel Glück wird das Schicksal (also der Schriftsteller Charles Dickens) alle Hebel des Zufalls in Bewegung setzen, um ihn zu retten.

Sozialdrama statt Songs zum Mitklatschen

Das alles ist weit weg von behüteten Schulkindern im Jahr 2018, doch eine Geschichte aus schlimmen alten Zeiten ist es keineswegs. Elend und Armut sind, global gesehen, nicht ausgestorben, Diebesbanden, Kinderarbeit, Mord und Totschlag ebenfalls nicht – und mit Gewalt kennen sich auch Siebenjährige aus, zumindest durch Games und Filme.

«Erschiess ihn!», ruft ein besonders kecker Knirps gegen Ende, als sich fast alle längst daran gewöhnt haben, dass hier kein Kindermusical mit Songs zum Mitklatschen gespielt wird, sondern ein Sozialdrama, in dem eine brenzlige Situation auf die nächste folgt. Wem da der Magen knurrt, der droht zu verhungern. Wenn Fäuste fliegen und Waffen ins Spiel kommen, dann zählt ein Menschenleben nichts.

Prägnante Szenen, realistisch gespielt

Bewusst hat die neue Intendantin Stephanie Gräve kein «Seifenblasenstück», sondern einen ernsten Klassiker programmiert und ihn ins Abosystem integriert: als Abendvorstellung in einer längeren und drastischeren 12+-Version. Die kürzere für Schulen und Familien spart ein paar Szenen aus, darunter jene, in der Bill Sikes seiner Freundin Nancy die Pistole ans Genick hält und abdrückt, weil sie zu viel weiss. Auch wenn der Mord hier nicht gar so roh und offensichtlich vollzogen wird, passiert er doch. Verharmlost wird nichts. Anspruch und Spannung bleiben erhalten.

Charles Dickens (1812−1870), Schriftsteller

«Kinder erleben nichts so scharf und bitter wie Ungerechtigkeit.»


Eine Altersempfehlung ab sechs für einen Stoff, der auch robusten Zehnjährigen und sensiblen Erwachsenen einiges abfordert, ist eine kühne Entscheidung – oder reiner Pragmatismus. Um diese Jahreszeit braucht es ein Weihnachtsmärchen: ein Stück mit zugkräftigem Titel, das Schulkindern ebenso gefällt wie Eltern und Grosseltern. Das sich schon im November spielen lässt und auch nach dem Fest. Deshalb mögen Intendanten Momo, Pippi Langstrumpf und Hotzenplotz lieber als den Lebkuchenmann.

Für viele Kinder ist es eine echte Premiere: das erste Mal im Grossen Haus. Im Gegenzug gibt es alte Theaterhasen, die gern einmal wieder Kind sind, sich von einer Geschichte richtig überwältigen lassen. Das schafft «Oliver Twist» in beiden Bregenzer Fassungen zweifellos. In straffen, prägnant aufs Wesentliche reduzierten Szenen macht Autor und Regisseur Ingo Berk spürbar, was Armut und Verwahrlosung heisst, wozu sie Menschen treiben kann. Und dass es dennoch gute Gründe gibt, anders zu handeln.

Dickens’ Zeit trifft auf Gegenwart

Sechs Schauspieler in achtzehn Rollen können derweil aus dem Vollen schöpfen, ein weites Spektrum an Facetten zeigen und in flinken Wechseln mehrere Figuren realistisch über die Rampe bringen, ohne Verwechslungsgefahr. Dafür sorgt Ausstatterin Eva Krämer. Ihre Bühne, eine finstere Strassenschlucht mit Neonröhren und aufklappbaren Innenräumen, erlaubt rasche Szenenwechsel, wilde Verfolgungsjagden und schaurige Nachtszenen. Mit wenigen Details holen Text und Ausstattung die Geschichte in die Gegenwart, ohne sie gewaltsam aus Dickens’ Zeit zu reissen.

Ein Glücksfall für die Titelrolle ist Luzian Hirzel, mit Anfang dreissig immer noch glaubhaft als Zehnjähriger: naiv, natürlich, gutherzig unter üblen Umständen. Das aber setzt subtiles, überlegtes Spiel und viel Erfahrung voraus. Und steht für Theater, das mehr als Spass und Unterhaltung bietet. Auch zur Weihnachtszeit.

Nächste Vorstellungen 12+: 4.12., 21.12., 19.30 Uhr, 6+: 9./16./23.12., 15 Uhr, Theater am Kornmarkt, Bregenz.

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