Montreux ist anders

Jazzfestival Hat Claude Nobs der Mut verlassen? Eine Erkundungstour am 45. Jazzfestival Montreux. Philippe Reichen

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Ist dem Jazzfestival eng verbunden: Blues-Legende B.B. King gab dieses Jahr zwei Konzerte in Montreux. (Bild: pd/Daniel Balmat)

Ist dem Jazzfestival eng verbunden: Blues-Legende B.B. King gab dieses Jahr zwei Konzerte in Montreux. (Bild: pd/Daniel Balmat)

«Hi, I'm David Sanborn.» Auf der Bühne im Petit Palais, der Dépendance des Hotels Montreux Palace, steht einer der bekannteste Jazzsaxophonisten der Welt und wirkt so unschuldig, schüchtern und verlegen wie ein Bub am ersten Schultag in seiner neuen Klasse. Geschätzte dreihundert Personen sitzen um Sanborn herum und tun vor allem eines: Sie starren ihn an, gebannt und regungslos, aufgeregt, einen Star vor sich zu haben.

Alle wissen, wenn der Amerikaner auf der Konzertbühne steht und Saxophon spielt, hält er den Blicken locker stand. Aber jetzt, wo er einen sogenannten «Workshop» gibt und reden muss, ist die Situation anders. Nach zehn Minuten hat er genug: «Es ist besser, ich spiele die Dinge, statt sie zu erklären.» Doch Sanborn erklärt auch. Er spricht über seine Jugend in Saint Louis, seine früheren Vorbilder, wie er sie imitiert und ihre Art zu spielen internalisiert habe, wie er an Heuschnupfen litt – was jetzt wohl «basically neurotic» wirke –, wie er heute Töne «überblase» und sich auf der Bühne zuweilen selbst in Frage stelle: «Manchmal denke ich: Scheisse, was machst du nun wieder.» Aber nur das Risiko bringe einen weiter, nur einen Job zu machen, könnte er sich nie vorstellen. Und sollte etwas nicht klappen, habe er auch keine Probleme, wie ein Idiot auszusehen. David Sanborn plaudert auch von den ganz Grossen, mit denen er zusammengearbeitet hat: David Bowie, Stevie Wonder, Jimmy Hendrix. Es ist mucksmäuschenstill im Saal.

Gegen die Gewohnheit

Die Beziehungspflege zwischen Musikern, dem Publikum und der Festivalleitung ist etwas, das Festivaldirektor Claude Nobs bis zum heutigen Tag kultiviert – mit grösstem persönlichen Aufwand. Blueslegende B. B. King hat nie mit Journalisten gesprochen, aber wenn er konnte, am Jazzfestival Workshops gegeben. Dort hat er dann alles gesagt, was er sagen wollte. Norah Jones spielte vor Jahren mit einer türkischen Band auf einer Gratis-Bühne, bevor sie ins Hauptprogramm vorstiess. Nobs engagierte die Black Eyed Peas einst als Vorgruppe in der Miles David Hall, bevor er sie als Headliner buchte.

Die Freundschaft zwischen Künstlern und Festival unterscheidet Montreux von anderen Anlässen. Entsprechend gestaltet sich das Line-up: Drei Abende Carlos Santana, zwei B. B. King, zwei John McLaughlin. Dieselben Musiker am selben Festival an mehreren aufeinanderfolgenden Nächten zu hören, ist sich das moderne Konzertpublikum nicht (mehr) gewohnt, am Paléo Festival in Nyon und am Moon and Stars in Locarno, den auch in Zukunft grössten Konkurrenten von Montreux, schon gar nicht.

Die Pflege des Bewährten

Nobs lud in diesem Jahr insbesondere ein, wem er und Montreux viel zu verdanken haben. Erneut kamen Vorwürfe wie: Die ständige Pflege des Bewährten bringe das Festival nicht weiter; Nobs sei jeglicher Mut abhanden gekommen. Nach der durchzogenen bis enttäuschenden Opening-Night mit Carlos Santana und John McLaughlin, für die nicht weniger als die «Erleuchtung» versprochen wurde, rieben sich die Kritiker die Hände.

Mediensprecher Francesco Laratta verteidigt Nobs' Kurs. Von fehlendem Mut will er nichts wissen. Laratta sagt: «Früher hiess es: Warum schon wieder Miles Davis? Heute ist man stolz darauf, ihn so oft (zehn Mal) in Montreux gehört zu haben.» Im übrigen wagten auch die Künstler mit mehreren Auftritten und speziellen Programmen einiges; und andere Festivals würden sich glücklich schätzen, könnten sie Carlos Santana für drei Abende verpflichten.

Erinnerungen an The Dubliners

Samstag Mitternacht, Auditorium Stravinski. Carlos Santana hat nach über drei Stunden seinen zweiten Konzertabend beendet. Auch Gitarrist Derek Trucks und Soulsängerin Susan Tedeschi sind als Vorgruppe am Ende noch einmal auf die Bühne gekommen, um mit Santanas Band den Saal zu rocken. Die Menge hat gefeiert, sie ist satt, die Stimmung ist prächtig.

Ein Ehepaar aus Frankreich erinnert sich an frühere Festivals, ihr erstes im Jahr 1977. Erinnerungen bringen sie ins Schwelgen, an Auftritte von Bands wie The Dubliners; an Parties, die morgens um sechs Uhr endeten; an Nächte, in denen sich am Ende alle Musiker noch einmal auf der Bühne versammelten, um gemeinsam zu jammen – Tempi passati. Selbst nach der Santana-Party. Dem Paar fehlen klassische Jazz- und Bluesbands, die Ticketpreise seien hoch, die besten Kategorien mit gegen 300 Franken unbezahlbar geworden.

Das Auditorium leert sich. Draussen auf der Festmeile entlang des Sees, wo die Einnahmen aus der Gastronomie direkt ins Konzertprogramm der oft aufregend programmierten Gratis-Bühnen fliessen, sind die meisten Marktstände bereits geschlossen. Die Jugend hat sich ins Jazz Café zurückgezogen, wo sie sich nach Auftritten von Wu Lyf und Chrystal Fighters mit Yans Electro-Sound vergnügt. Auch im Parc Vernex, einem anderen Konzertort, brennt noch Licht. Die Herausforderungen, die Entwicklung und Geschichte des Jazzfestivals sind greifbar.

Montreux braucht Parallelwelten: eine Innen- und eine Aussenwelt. Die Innenwelt richtet sich – etwas salopp gesagt – an die treuen Fans. Für sie bucht Claude Nobs, was er kennt, schätzt und wohin er Beziehungen hat. Kostspielig sind die Konzerte darum, weil Musiker wie Sting horrende Gagen verlangen und Montreux höchstens 3000 Besucher ins Auditorium Stravinski lassen darf, andere Festivals wie Moon and Stars dürfen pro Abend einige tausend Tickets mehr absetzen. Teurer sind die Tickets auch, weil Sponsorengelder in die Infrastruktur und nicht ins Konzertprogramm fliessen, um grösstmögliche Freiheiten zu erhalten.

Die Zukunft spielt im Jazz Café

Die Aussenwelt gehört der Jugend, dem zukünftigen Publikum, der Avantgarde. Zwar spielen hier fast keine Jazzbands, wohl aber künftige Top-Acts der grossen Bühnen. Sie spielen, um sich Gehör zu verschaffen. Hier wird gefördert und Erstaunliches geboten: The Vaccines, die am OpenAir St. Gallen auftraten, Chapel Club und Jamie Woon, um nur wenige Namen zu nennen. Ein junges, gut vernetztes Team kümmert sich darum. Wer Mut will und mutig ist, kommt ins Jazz Café. Auch ein Claude Nobs weiss, wer da für ihn spielt.

Die Jugend feiert im Jazz Café, am Samstag mit der britischen Band Wu Lyf. (Bild: pd/Murielle Rochat)

Die Jugend feiert im Jazz Café, am Samstag mit der britischen Band Wu Lyf. (Bild: pd/Murielle Rochat)

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