Kino
«Molly’s Game»: Die Pokerprinzessin und der Dialogkönig

Jessica Chastain läuft in «Molly’s Game» zu Hochform auf – dank den Wortsalven von Star-Autor Aaron Sorkin

Dario Pollice
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Molly Bloom (Jessica Chastain) schmeisst ihre Sportkarriere hin, um zur Chefin einer exklusiven Pokerrunde aufzusteigen. Bald findet sie sich zwischen Stars, Gangstern und dem FBI wieder.

Molly Bloom (Jessica Chastain) schmeisst ihre Sportkarriere hin, um zur Chefin einer exklusiven Pokerrunde aufzusteigen. Bald findet sie sich zwischen Stars, Gangstern und dem FBI wieder.

Courtesy of STXfilms

Eine Beinahe-Olympionikin in Freestyle-Ski veranstaltet exklusive Pokerrunden, an denen Hollywoodstars und russische Mafiosi Millionen verzocken, bis das FBI auftaucht, dem ganzen Spass ein Ende setzt und die «Pokerprinzessin» einbuchtet. Verdanken wir diese absurde Geschichte der Fantasterei eines Hollywoodautors? Nun, bevor man die Frage beantwortet, soll an dieser Stelle Mark Twain zitiert werden, der einst sagte: «Die Wahrheit ist seltsamer als die Fiktion.»

So verrückt diese Geschichte auch klingt, sie ist real. Die oben erwähnte Dame heisst Molly Bloom. Nach einem schweren Unfall musste sie ihre Sportkarriere aufgeben. Über einen Aushilfsjob kam sie in Kontakt mit der Underground- Pokerszene in Hollywood und begann bald selber, Pokerrunden zu veranstalten. Dank ihrer Intelligenz stieg sie schnell zur Chefin eines exklusiven Pokerzirkels auf und lebte in Saus und Braus. In diesem Zirkel kamen VIPs aus Sport, Business und Hollywood – Leonardo DiCaprio und Tobey Maguire, munkelt man – am Pokertisch zusammen. Die schwindelerregenden Einsätze lockten aber auch russische Gangster an den Tisch und Bloom geriet dadurch ins Visier des FBI. Diese unglaubliche Geschichte hielt sie schliesslich in ihrer Autobiografie «Molly’s Game» fest.

Der Mann für smarte Wortgefechte

Als Drehbuchautor Aaron Sorkin das Buch las, war er von der Story sofort angefressen. «Der Anwalt von Molly Bloom gab mir ihr Buch und ich konnte es nicht mehr weglegen», erzählt Sorkin an einer Pressekonferenz zum Film. Der gebürtige New Yorker gehört zu den Besten seines Fachs. Er ist berüchtigt für seine smarten Dialoge, in denen die Figuren mit einem horrenden Tempo regelrechte Wortgefechte austragen. Seine Liebe für diese verbalen Duelle erklärt Sorkin folgendermassen: «Ich liebe die Kultur des Diskutierens und Argumentierens. Meine Figuren sind wie Cowboys, statt mit Kugeln feuern sie mit Worten.»

Den ersten Erfolg feierte Sorkin 1992 mit «A Few Good Men – Eine Frage der Ehre»; das Gerichtsdrama bleibt vor allem durch die Wortduelle zwischen Tom Cruise und Jack Nicholson in Erinnerung («Ich will die Wahrheit!» – «Sie können die Wahrheit doch gar nicht ertragen!»). Sorkin war aber nicht nur im Kino erfolgreich. Als Schöpfer und Autor zeichnete er für die Fernsehserie «The West Wing» (1999–2006) verantwortlich. Das Polit-Drama um einen fiktiven US-Präsidenten gewann vier Emmys für die «Beste Dramaserie». Charakteristisch für die Serie war der sogenannte «walk and talk»; hierbei folgte die Kamera den Figuren während ihrer schnellen Konversationen auf Schritt und Tritt durch die Gänge des Weissen Hauses. Die endgültige Krönung erfolgte schliesslich 2010 mit «The Social Network». Das bitterböse Porträt über Facebook-Gründer Mark Zuckerberg brachte Sorkin den Oscar für das «Beste adaptierte Drehbuch» ein.

«Molly’s Game» ist Sorkins achter Spielfilm und trotzdem eine Premiere für ihn, denn er hat nicht nur das Drehbuch verfasst, sondern sass zum ersten Mal im Regiestuhl. «Wir hatten die Namen etlicher Regisseure auf einer Liste, doch die Produzenten meinten irgendwann: Aaron, warum machst du’s nicht einfach selber?», erzählt Sorkin und lacht.

Jessica Chastain brilliert

Sorkins Film setzt mit Blooms (Jessica Chastain) Unfall bei der Olympiaqualifikation ein. Während sie sich der Skischanze und ihrem Unheil nähert, hört man einen Monolog – in bester Sorkin-Manier – von Bloom aus dem Off, der das Geschehen kommentiert; in Kombination mit schnellen Schnitten entsteht so in den ersten fünf Minuten des Films eine Spannung, die den Zuschauer unmittelbar in die Geschichte hineinzieht. Sorkin gelingt es im Verlaufe des Films, Bloom als unabhängige und blitzgescheite Frau darzustellen, was auch der Verdienst von Hauptdarstellerin Jessica Chastain ist.

Leider hält der Film die Spannung nicht über die gesamte Dauer in gleichem Masse aufrecht. Die Dialoge sind stellenweise zu selbstverliebt in ihrer Wortfülle, was in der Mitte des Filmes für vermeidbare Längen sorgt. Zudem bedient er in der Beziehung zwischen Vater und Tochter Bloom einige Klischees, was der starken Chastain nicht gerecht wird. Insgesamt formt Sorkin aber aus einer verrückten Vorlage ein unterhaltsames Stück Kino, bei dem sowohl Liebhaber des Dialogkönigs als auch ein breites Publikum auf ihre Kosten kommen.

Molly’s Game (USA / CAN / CHN 2017) 140 Min. Regie: Aaron Sorkin. Ab 8. März im Kino.