Mörderische «Fasnet» am Theater Konstanz

Keine Versöhnung gibt es in Shakespeares «Romeo und Julia» am Theater Konstanz – dafür schöne Jünglinge und eine echt alemannische Fasnet.

Bettina Kugler
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Närrisch vor Liebe: Jessica Rust und Max Hemmersdorfer. (Bild: Ilja Mess)

Närrisch vor Liebe: Jessica Rust und Max Hemmersdorfer. (Bild: Ilja Mess)

In der Konstanzer Altstadt nieselt es ungemütlich; wie leergefegt wirkt die alemannische Fasnets-Hochburg – als hätten all die wüsten Seegeister, die Blätzlebuebe und Schellennarren, die sonst in diesen Tagen die Stadt aufmischen, sich bei den Capulets eingeschleust. Denn dort herrscht närrisches Treiben, und weil alle kostümiert sind, fällt nicht gleich auf, dass der Feind mittanzt.

Düsteres Stampfen, unheilvoll klirren die Glöckchen an den Kostümen. Dazwischen Romeo: ziemlich lächerlich in seinem improvisierten Rupfenanzug aus Stroh. Bald aber schon brennt er darunter lichterloh. Die schönste und traurigste Lovestory der Welt nimmt ihren Lauf.

In Konstanz endet sie nicht mit Versöhnung der heillos zerstrittenen Familien am Grab ihrer Kinder. Im Gegenteil: Sie beginnt gleich auf dem Friedhof, mit Provokationen und Rauferei unter Anzugträgern. Und genau so geht sie in eine weitere Runde, wenn nach knapp drei Stunden der Vorhang fällt. In der viel zu kurzen Zwischenzeit verkehren sich Hass in Liebe, Liebe in Hass.

Fasnacht der Leidenschaften

Es passt Regisseur Stefan Otteni ins Konzept, dass Shakespeare das Verhängnis in «Romeo und Julia» auf einem Maskenball einfädelt – das Konstanzer Publikum ist ohnehin gerade in «Ho-Narro»-Stimmung. Also trägt man im Hause Capulet Blätz und geschnitzte Masken; wie ein Stammesritual wirkt die stumme Tanzszene, die Joshua Monten mit den Schauspielern choreographiert hat. Anne Neusers Bühne dominiert ein dunkler Monolith, mal als Projektionswand, mal als grell ausgeleuchtete Grabkammer.

Magische Liebesmomente

Im blauen Federkleid springt Julia dem Romeo ins Auge; die Zeit bleibt stehen, die Welt wird eine gefühlte Ewigkeit lang blosse Geräuschkulisse. Jessica Rust und Max Hemmersdorfer dehnen den magischen Moment weidlich aus; überhaupt sind sie eine Besetzung, in die sich auch die Zuschauer auf den ersten Blick verlieben – nicht zuletzt, weil Shakespeares Worte aus ihrem Mund reine Wonne sind. Nicht mal das Bettgeflüster um Nachtigall und Lerche klingt bei ihnen abgedroschen und tausendmal gehört.

Anders als Thorleifur Örn Arnasson vor drei Jahren am Theater St. Gallen, gibt Otteni den Liebenden von Verona und ihren hasserfüllten Clans keinen archaischen Touch. Er muss nicht eine endlose Bühnenweite ausfüllen, sondern kann «Romeo und Julia» zum Kammerspiel verdichten: Eine aufglimmende Zigarette wird Romeo da zur Morgensonne. Das Ensemble strotzt vor wohlgestalteten Jünglingen; die einen aufreizend (allen voran Zeljko Marovic als Mercutio), die anderen cool (Johannes Merz als Tybalt) oder linkisch-blasiert (Alexander Peutz als Graf Paris); Thomas Fritz Jung als Pater Lorenzo steht ihnen in nichts nach. Auch weiblicherseits ist «Romeo und Julia» in Konstanz grosses Theater im kleinen Haus; Susi Wirth als Amme und Kristin Muthwill als Lady Capulet haben die Lacher auf ihrer Seite.

So sieht man die sattsam bekannte Tragödie mit Spannung und Vergnügen – in ausverkauftem Haus, trotz närrischer Konkurrenz.