Moderne Musik braucht Neugier

Alice Baumgartner schreibt schon seit ihrer Jugend Musik. Die Komponistin hat keine Angst, gegensätzliche Stile zu verschmelzen. Dem Publikum wünscht sie offene Ohren für zeitgenössische Musik. Auch morgen in der Tonhalle.

Martin Preisser
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Die St. Galler Komponistin Alice Baumgartner geht morgen in der Tonhalle erstmals mit einem Kammermusikstück an die Öffentlichkeit. (Bild: Martin Preisser)

Die St. Galler Komponistin Alice Baumgartner geht morgen in der Tonhalle erstmals mit einem Kammermusikstück an die Öffentlichkeit. (Bild: Martin Preisser)

Fragt man Alice Baumgartner nach ihren musikalischen Vorbildern, gesellen sich da – sehr gegensätzlich – Stars wie Udo Jürgens oder Elton John zu Komponisten wie György Ligeti oder Sofia Gubaidulina. Polaritäten zwischen Popmusik oder zeitgenössischer Moderne sind für die 1987 geborene St. Galler Komponistin keine unvereinbaren Gegensätze. In «Fantasie» für Klavier und Geige probiert sie Material aus der Sprache der Popmusik in die Klangsprache der Neuen Musik zu integrieren. «Die zentrale Frage ist, inwiefern sich durch die Konfrontation dieser beiden Musikwelten eine neue Klangsprache entwickeln lässt», sagt Alice Baumgartner. Das Stück erklingt morgen im Rahmen der Konzertreihe Contrapunkt/New Art Music.

Traum vom Unterrichten

Die Komponistin hat bereits während ihrer St. Galler Kantizeit im Schwerpunktfach Musik vier Psalmen vertont. Durch ihren damaligen Lehrer Charles Uzor kam sie in Berührung mit der Tonsprache unserer Zeit. «Ich freue mich natürlich, dass morgen neben meinem Werk auch ein Stück von Charles Uzor ertönt», sagt Alice Baumgartner. Sie steht gerade mitten im Abschluss ihres zweiten Studiums an der Zürcher Hochschule der Künste, wo sie Ende Juni den Master in «Theorie in Analyse und Vermittlung» macht. Konkret heisst das: Sie bekommt dadurch die Lizenz zum Unterrichten. Vielleicht einmal an ihrer ehemaligen Kantonsschule am Burggraben zu unterrichten, ist ein Traum der Tonsetzerin.

Mut zur Reibung

«Es ist morgen für mich ein spannender Moment, mich mit meiner Musik in der Tonhalle zu zeigen, zumal auch viele Freunde kommen werden, für die ein Abend mit zeitgenössischer Musik eher ungewöhnlich ist.» Moderne Musik brauche eine offene Einstellung, brauche auch den Mut zur Reibung, findet Alice Baumgartner. «Unsere Ohren sind vielfach mit den bekannten Sachen wie besetzt. Aber das Sicheinlassen auf Musik unserer Zeit ist eine grosse Chance einer Begegnung mit Neuem. Es ist auch eine Art Abenteuer, die viel mit Freiheit zu tun hat.» Alice Baumgartner hat bereits als Teenager eigene Popsongs komponiert. Beim Komponieren geht es ihr nicht um gekonnte Stilkopie, sondern um die Suche nach einer ganz eigenen Tonsprache. Wenn sie in ihrem aktuellen Stück Popmusikelemente in zeitgenössische Tonstrukturen einfliessen lässt, dann kann sie auch auf ihren Rucksack zurückgreifen, den sie sich beim ersten Studium in Bern gefüllt hat, wo sie zeitgenössisches Komponieren gelernt hat.

Uraufführung entscheidet

«Musik ist universell, eine Sprache, die jeder versteht», sagt Alice Baumgartner. Ihre Inspiration kommt aus drei Quellen: Den Strukturen und Gesetzen der Musik selbst, aus der Ruhe der Natur und den eigenen Ideen, die ganz intuitiver, aber auch durchaus abstrakter Natur sein können. 2011 wurde Baumgartners Kurzoper «Zeitweise tot oder das Einatmen der Ewigkeit» im Rahmen der internationalen Sommerakademie Biel uraufgeführt. Morgen freut sich Alice Baumgartner auf das Ergebnis der intensiven, befruchtenden Zusammenarbeit mit den Interpreten Illya Buyalskyy (Violine) und Elena Zhunke (Klavier): «Wie gelungen ein Stück wirklich ist und ob es wirkt, das entscheidet immer erst die Uraufführung vor Publikum.»