Mode bleibt Accessoire

Akris-Designer Albert Kriemler lässt sich von vielem inspirieren – auch von Yves Saint Laurent. Nun kommt ein Film über den Franzosen ins Kino. Kriemler hat ihn gesehen.

Diana Bula
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Liebespaar und Arbeitsteam: Yves Saint Laurent (r., Pierre Niney) mit Pierre Bergé (Guillaume Gallienne). (Bild: Thibault Grabherr)

Liebespaar und Arbeitsteam: Yves Saint Laurent (r., Pierre Niney) mit Pierre Bergé (Guillaume Gallienne). (Bild: Thibault Grabherr)

Man hat Stil. Oder nicht. «Niemand weiss, woher er kommt», heisst es in «Yves Saint Laurent». Der Mann, von dem der Film handelt, hatte zweifellos genug davon. Er gab ihn Millionen von Frauen weiter, auch seiner Tante. Schon als Halbwüchsiger tadelt er sie an einem Familientreffen: «Ich mag dein Kleid nicht, zieh dich um.»

Von schüchtern bis exzessiv

Es ist einer jener Momente, in dem die Willensstärke dieses Menschen aufblitzt. Eines Menschen, der im nächsten Moment mit seiner blassen Haut, seiner noblen Haltung, der leisen Stimme umso schüchterner und verletzlicher wirkt. Der Film von Jalil Lespert zeigt einen Yves Saint Laurent (Pierre Niney), der nur ungern auf die Bühne tritt, um seinen Applaus abzuholen. Der Verständnis hat, wenn sich jemand im Restaurant nicht entscheiden kann. Lespert zeigt aber auch einen Yves Saint Laurent, der untreu ist, sein Talent mit Drogenexzessen malträtiert. Und der sein Lieblingsmodel beschimpft, etwa weil es sich die Haare geschnitten hat: «Du siehst aus wie eine Schlampe.»

Lespert legt ein ästhetisches Werk vor. Stilvoll gekleidete Menschen, fotogene Schauplätze, retromässig verblasste Bilder, die den Zuschauer in die 1950er- und bis in die 80er-Jahre mitnehmen. Die chronologische Handlung dreht sich weniger um das Schaffen Saint Laurents, sondern vielmehr um seine Persönlichkeit – und um seinen Partner Pierre Bergé, der beim Drehbuch mehr als nur ein Wort mitgeredet haben soll. Albert Kriemler, Designer des St. Galler Modelabels Akris, hat den Film vor einigen Wochen in Paris gesehen und bedauert: «Man hat verpasst, ein Metier zu porträtieren, das durch Saint Laurent geprägt worden ist. Der Film wertschätzt das Genie dieses Modeschöpfers zu wenig.»

«Ein Schlüsselerlebnis»

Mit 16 Jahren verfolgte der heute 54jährige Albert Kriemler erstmals eine Haute-Couture-Show Saint Laurents live. Gustav Zumsteg, Chefdesigner und Eigentümer der Zürcher Seidenfirma Abraham, hatte den modeinteressierten Jugendlichen zu den Défilés nach Paris mitgenommen. «Zu jener Zeit war es fast unmöglich, zu einer solchen Modeschau zugelassen zu werden. Es war ein Schlüsselerlebnis», sagt Kriemler. Er sei beeindruckt gewesen von der Art, wie der Franzose mit Farben und Stoffen gearbeitet habe. «Er brach viele der bis dahin geltenden Regeln. Darin liegt seine wahre Grösse. Damit beeinflusst er mein Schaffen noch heute.»

Kriemler umschreibt damit, was im Abspann steht, in den 104 Filmminuten aber nicht richtig zum Tragen kommt: Saint Laurent hat die Damenmode revolutioniert. Er hat trapezförmige Kleider designt, die Frauen von der Wespentaille erlöst, ihnen modische Freiheit und das damit verbundene Lebensgefühl gegeben. Er war ein Meister der auf den ersten Blick einfachen Schnittführung und der Farbexperimente. Er brachte Kunst auf Stoffe, etwa eine Interpretation der geometrischen Werke des niederländischen Malers Piet Mondrian. Diese Kollektion war es auch, die ihn zum internationalen Modestar machte. «Den Smoking für die Frau hat auch Saint Laurent etabliert. Das Kleidungsstück war Teil der Prêt-à-porter-Kollektion Rive Gauche, mit der er Mode für alle erschwinglich machte. Als erster Designer überhaupt löste er sich von der Haute Couture», sagt Kriemler. Chanel, Givenchy und Co. zogen erst später nach.

Die Nerven versagen im Militär

Für solche Erfolge brauche es das Talent eines Genies, aber eben auch einen Partner, der den Kreativen unterstütze. «In meinem Fall hält mir mein Bruder Peter den Rücken frei, damit ich im Atelier Zeit für unsere Kollektionen habe», sagt Kriemler und fügt hinzu: «Auch Saint Laurent hatte ein Umfeld, das ihn trug.»

Nach seiner ersten Modeschau als Chefdesigner bei Dior lernt der Franzose 1958 Pierre Bergé (Guillaume Gallienne) kennen. Es folgen ein Wochenende auf dem Land und Turteleien in der Stadt der Liebe. «Ich bin nicht so nett, wie du denkst», warnt der Designer seine Eroberung. Doch Pierre Bergé lässt sich nicht abschrecken. Auch nicht, als Saint Laurent für den Krieg aufgeboten wird und in der Kaserne einen Nervenzusammenbruch erleidet. «Mein einziger Kampf ist es, Frauen einzukleiden», klagt er und wird ins Militärspital eingeliefert. Das Modehaus Dior trennt sich daraufhin von seinem Chefdesigner. Und Pierre Bergé baut mit ihm ein eigenes Couturehaus auf. Vor der Präsentation der ersten Kollektion unter eigenem Namen zappelt der Newcomer hinter der Bühne herum, rückt die Brille x-mal nervös zurecht. Bergé streicht ihm in solchen Momenten über den Rücken und glaubt auch an das Talent seines Partners, wenn diesem Inspiration, Selbstvertrauen oder Motivation fehlen. Im Gegenzug verbietet er ihm aber den Mund, etwa wenn Saint Laurent vor Reportern die Leichtigkeit des Lebens vermisst: «Ich möchte Dummheiten machen.» Der Designer flüchtet vor den Erwartungen nach Marokko, lässt sich dort von Licht und Farben inspirieren. Mit dabei sind seine unterdessen engen Freundinnen Loulou de la Falaise und Betty Catroux. «Die modernen, unkonventionellen und gebildeten Frauen inspirierten ihn und waren die ersten Kritikerinnen seiner Entwürfe. Im Film bleiben diese Figuren erstaunlich fade», sagt Kriemler.

Doch die Auszeiten in Marokko sind Saint Laurent nicht genug. Immer häufiger betäubt er sich mit Alkohol und Drogen. Nach einer Nacht im Swingerclub liegt der Designer völlig gebrochen auf der Strasse. Bergé, gekränkt, baut ihn trotzdem wieder auf. «Der Druck auf Modeschöpfer war damals gross. Und er ist nicht geringer geworden. Uns fragt niemand, wie wir aufs Datum fertig werden», sagt Kriemler. Es würden permanent neue Ideen erwartet. «Jede Kollektion muss ganz anders sein als die vorangegangene, sonst ist es keine gute Kollektion.» Unter diesen Bedingungen daure die prägende Schaffensphase meist kaum länger als 20 Jahre.

Zweiter Film in der Pipeline

Kriemler hat den 2008 verstorbenen Designer einmal persönlich getroffen – nur kurz. «Ich sah Yves Saint Laurent, begleitet von Gustav Zumsteg, in den 1990er-Jahren im Restaurant Kronenhalle in Zürich, als ich mit Freunden essen war. Damals war er bereits sehr krank.» Einerseits sei da dieses Zerbrechliche gewesen, «aber er war immer noch ein Löwe». Eine Eigenschaft, die im Film ebenfalls zu kurz komme.

Dennoch hat sich der St. Galler Designer das Biopic gerne angesehen – nicht zuletzt weil die Models darin in den Originalkleidern aus dem Yves-Saint-Laurent-Archiv auftreten. Und weil ihn die Leistung von Pierre Niney in der Titelrolle beeindruckt. Der 25-Jährige bereitete sich akribisch vor, nahm Unterricht in Zeichnen und Modedesign. Nun erwartet Kriemler gespannt den nächsten Saint-Laurent-Film, der in die Kinos kommen soll. Vielleicht schafft Regisseur Bertrand Bonello, was Lespert versäumt hat: eine Hommage an den Mode-Revolutionär. Die Zeichen stehen gut. Bonello hat – anders als Lespert – Bergé nicht mit ins Boot geholt.

Ab morgen in den Kinos.

Albert Kriemler Designer und Creative Director des St. Galler Modelabels Akris (Bild: pd)

Albert Kriemler Designer und Creative Director des St. Galler Modelabels Akris (Bild: pd)

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