Mitten im Karsamstag

Marcel Schmid hat eine Johannespassion nach Texten von Josef Osterwalder komponiert, die am Samstag uraufgeführt wird. Das Werk mit musikalisch starken Bildern steht unter dem Motto «Wenn das Weizenkorn nicht stirbt».

Martin Preisser
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Komponist Marcel Schmid möchte das Geschehen der Passion durch emotionale Musik unterstreichen. (Bild: Martin Preisser)

Komponist Marcel Schmid möchte das Geschehen der Passion durch emotionale Musik unterstreichen. (Bild: Martin Preisser)

«Reserviere mir mal eine Karte für die Erstaufführung», hatte Josef Osterwalder, schon von schwerer Krankheit gezeichnet, Marcel Schmid gebeten. Kurz darauf ist er gestorben. «Josef war ein tapferer Mensch und hat sich gefasst auf den letzten Weg gemacht», erinnert sich Marcel Schmid. «Seine Texte sind sehr ehrlich und voll emotionaler Tiefe», sagt der Komponist, dem die Kraft dieser Reflexionen auch einen starken roten Faden bei der Vertonung an die Hand gegeben habe. Seit zwei Jahren arbeitet der Komponist an der Johannespassion, die Choräle hat Josef Osterwalder noch während seiner Krankheit verfasst.

Abschied und Aufbruch

Am Klavier und mit dem Sänger Peter Walser hat Marcel Schmid bereits einen Einführungsvortrag zu seinem grossen geistlichen Werk gehalten und hierbei eine Passion vorgestellt, die in allen dreissig Nummern wirklich zu packen vermag. Mit klarer, präziser Tonsprache setzt Schmid die Bilder der Passion um, die Josef Osterwalder nach der Kreuzigung einsetzen lässt.

Der Text «Wenn das Weizenkorn nicht stirbt» ist eine Karsamstagmeditation zwischen Tod und Auferstehung, zwischen Abschied und Aufbruch. Und dieser Übergang von Trauer zu Hoffnung brauche oft Zeit, schrieb Josef Osterwalder selbst zu seiner Johannespassion: «Erst allmählich vermag ein Trauernder am Horizont einen Silberstreifen zu entdecken, wird ihm so etwas wie die österliche Erfahrung zuteil.» «Der österliche Aufbruch scheint sich auch in der Welt an sich zu verzögern. Immer wieder fällt die Welt in den Karfreitag zurück.»

Prägnante Ideen

«Bedeutendes Ereignis», «Alles ist offen», «Jeder ist betroffen», «Schmerz», «Besinnung und Hoffnung», «Geheimnis»: Für diese Begriffe und Gefühle hat Marcel Schmid prägnante musikalische Ideen, die sich im Laufe des Stücks entfalten. Über weite Strecken bleibt das Werk tonal und ganz in der Tradition, vor allem auch in der von Bach. «Es ist schwierig, von Bach wegzukommen, er ist ein extrem starkes, prägendes Vorbild», sagt Schmid, der sich in seiner Johannespassion mit einer Fuge vor dem Barockmeister verneigt. Aber dort, wo der Text in die Moderne hineingeht, löst sich Schmid von der Tradition und wagt bewusste Dissonanzgestaltung und Anklänge an atonale Klangmuster.

Das ganze Werk ist sehr bildlich gedacht, die Emotionen sind genau auf den Punkt gebracht, eine fassliche Figuralmusik, die dem Zuhörer den Weg unmittelbar zu bahnen vermag. Das Werk endet geradezu ein wenig leichtfüssig mit einem Tanz im Sechsachteltakt. Fast lüpfig untermalt Marcel Schmid Sätze wie «Wird es uns nochmals aufgehen, das Tor zum Paradies? Und lässt der Engel blühen, was er verdorren liess?». Der doch fröhlichere Schluss habe Josef Osterwalder gefallen, erinnert sich Marcel Schmid an seinen Textdichter, und auch an dessen Tränen, als er ihm das Werk erstmals am Klavier vorspielte.

Uraufführung: Sa, 30.3., evang. Kirche Heiligkreuz, 19 Uhr; Marcel Schmid dirigiert das Bach Collegium St. Gallen und das Concerto Tübingen; es singen Susanne Frei, Jakob Pilgram und Peter Walser (Eintritt frei, Kollekte).

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