Kunst
Drei Generationen Grenzgänger: Im St.Galler Museum im Lagerhaus sprengt die Künstlerfamilie Müller die Grenzen des Kunstbetriebs

Robert Müller war ein international renommierter Eisenplastiker, als er in eine Krise geriet und sich künstlerisch ganz neu orientierte. Für seine Frau Miriam, die mit Depressionen kämpfte, waren ihre surrealen Aquarelle und der filigrane Goldschmuck, den sie anfertigte, wie eine Therapie. Sohn Manuel ist mit seinen Holzskulpturen in der Art-Brut-Szene bekannt, und Grosskind Gilda schafft Zeichnungen, die in ihrer Präzision jenen der Grossmutter ähneln.

Christina Genova
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Manuel Müller (links) ist Bildhauer, seine Tochter Gilda fertig zarte Zeichnungen an.

Manuel Müller (links) ist Bildhauer, seine Tochter Gilda fertig zarte Zeichnungen an.

Bild: Ralph Ribi

Manuel Müller schnitzte seine Mutter Miriam aus Holz, mit vors Gesicht geschlagenen Händen. Eine typische Haltung, denn Miriam Müller war ihr ganzes Leben lang depressiv: «Sie weinte jeden Morgen», sagt Manuel Müller. Er erzählt dies nicht wertend, sondern als eine Tatsache. Eine Linderung ihrer Krankheit erfuhr Miriam Müller in ihrer künstlerischen Arbeit.

Doch bis vor kurzem wusste niemand etwas von ihrem schmalen Oeuvre, das knapp 20 Gouachen umfasst. Nur den etruskisch inspirierten Schmuck, den die ausgebildete Goldschmiedin parallel dazu anfertigte, zeigte sie ab und zu engen Freunden. Manuel, der in Lausanne lebt, hat es sich zur Aufgabe gemacht, das Werk seiner Mutter, das ihm «kostbarer ist als alle Kunst der Welt», der Öffentlichkeit zugänglich zu machen.

Der Holzbildhauer Manuel Müller hat seine Mutter Miriam mit vors Gesicht geschlagenen Händen dargestellt (links), seinen Vater Robert Müller als Rufenden (rechts).

Der Holzbildhauer Manuel Müller hat seine Mutter Miriam mit vors Gesicht geschlagenen Händen dargestellt (links), seinen Vater Robert Müller als Rufenden (rechts).

Bild: Ralph Ribi

2017, zehn Jahre nach ihrem Tod, waren Miriam Müllers Arbeiten, die im Kern immer eine Auseinandersetzung mit sich selbst und ihrem Inneren sind, zum ersten Mal im Kunstmuseum Solothurn zu sehen. Ebenfalls Teil der Ausstellung waren Werke ihres Ehemanns, des bekannten Eisenplastikers Robert Müller (1920–2003), und ihres Sohnes Manuel, der sich als Art-Brut-Künstler einen Namen gemacht hat.

Drei Generationen Kunst

Eine Zeichnung aus Gilda Müller Serie «Herzbäume».

Eine Zeichnung aus Gilda Müller Serie «Herzbäume».

Bild:PD/Gilda Müller

Monika Jagfeld, die Leiterin des Museums im Lagerhaus, hat nun die Ausstellung für St.Gallen adap­tiert, indem sie die Werke der Familienmitglieder zueinander in Beziehung setzt und durch die dritte Generation ergänzt. Die 29-jährige Gilda Müller, die Tochter Manuels, arbeitet ebenso präzise und exakt wie ihre Grossmutter. Das zeigt sich in der Serie «Herzbäume» – mystischen, kleinformatigen Zeichnungen.

Das Surreale haben sie mit Miriam Müllers Arbeiten gemeinsam. So ist eines ihrer Schmuckstücke wie eine Palme geformt: Zwischen den Palmblättern entdeckt man die Köpfe Miriams, Roberts und des bekannten Kurators Harald Szeemann, der mit dem Paar eng befreundet war.

Alle drei Generationen verbindet die Liebe zur Antike und zur antiken Mythologie, in der Verwandlungen vom Menschen zur Pflanze oder zum Tier häufig zu finden sind. Von Manuel Müller, der vor allem mit Holz arbeitet, stammt eine Fähre, mit welcher Charon die Verstorbenen über den Fluss Styx ins Totenreich bringt.

Die filigrane Goldschmiedearbeit in Form eine Palme stammt von Miriam Müller. Zwischen den Palmblätter sind die Köpfe von Miriam, Robert und dem befreundeten Kurator Harald Szeemann zu sehen.

Die filigrane Goldschmiedearbeit in Form eine Palme stammt von Miriam Müller. Zwischen den Palmblätter sind die Köpfe von Miriam, Robert und dem befreundeten Kurator Harald Szeemann zu sehen.

Bild: PD/Manuel Müller

Ein anderer Aspekt, den Monika Jagfeld in der Ausstellung am Beispiel der Künstlerfamilie Müller thematisiert, sind Zuordnungen wie Insider und Outsider Art. Wie schwierig die Grenzziehungen sind, zeigt sich besonders deutlich am Beispiel Robert Müllers. Der als «Eisen-Müller» bekannte Plastiker feierte mit seinen Werken internationale Erfolge, war an den Biennalen von Venedig und der Documenta vertreten – ein Kunstinsider durch und durch.

Doch Ende der 1970er-Jahre begann er mit neuen Materialien wie Holz, Marmor und Polyester zu experimentieren. Die Sammlerinnen und Sammler konnten damit wenig anfangen, und seine Galerie beendete die langjährige Zusammenarbeit.

Collagen aus Zwieback und Zahnpastatuben

Robert Müllers wilde Collage entstand im Krisenjahr 1975, als er sich ganz aus dem Kunstbetrieb zurückzog.

Robert Müllers wilde Collage entstand im Krisenjahr 1975, als er sich ganz aus dem Kunstbetrieb zurückzog.

Bild: PD/Kunstmuseum Solothurn

Müller zog sich 1975 in der Folge ganz aus dem Kunstbetrieb zurück und wurde zum Aussenseiter. Er geriet in eine tiefe Krise; Aufenthalte in psychiatrischen Kliniken folgten, auch in Trapani auf Sizilien. Dort lernt Müller den Art-Brut-Künstler Giovanni Abrignani kennen. Dessen Zeichnungen, die sich um alle Konventionen der Kunst scherten, faszinierten Müller derart, dass er Abrignani alle seine Arbeiten abkaufte. Eine Auswahl ist im Kabinett des Museums zu sehen.

Auch Robert Müller wandte sich der Zeichnung und später der Druckgrafik zu. Wilde Collagen aus Zwieback, Streichholzbriefchen und leeren Zahnpastatuben entstanden – Arbeiten, die sich nahe an der Art Brut bewegen. Skulpturen machte Müller ab 1978 keine mehr. Zurück in die Mitte des Kunstbetriebs konnte oder wollte er nicht mehr.

Bis 13. Februar 2022, Museum im Lagerhaus, St.Gallen.

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