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MITSCHULD: Das Kreuz mit dem Mitleid

Im Zürcher Schiffbau ist die Schaubühne Berlin zu Gast. Gezeigt wird «Mitleid. Die Geschichte des Maschinengewehrs» des preisgekrönten Regisseurs Milo Rau.
Brigitte Schmid-Gugler
Die Schauspielerin Consolate Sipérius (links) lauscht den Schilderungen ihrer weissen Kollegin Ursina Lardi. (Bild: Daniel Seiffert (Berlin, 14.1.2016))

Die Schauspielerin Consolate Sipérius (links) lauscht den Schilderungen ihrer weissen Kollegin Ursina Lardi. (Bild: Daniel Seiffert (Berlin, 14.1.2016))

Brigitte Schmid-Gugler

brigitte.schmid

@tagblatt.ch

Es ist fast auf den Tag genau zwei Monate her, seit Milo Raus Stück «120 Tage von Sodom» am gleichen Ort Premiere feierte. Er tat es unter anderen mit dem Theater Hora, dessen Mitglieder Menschen mit einer Behinderung sind. In der Schlussszene wurde gekreuzigt: Die an einer Form des Down Syndroms leidende Julia Häusermann gab den weinenden Jesus. Auch jetzt ist vom Weinen und – man könnte die Karwoche als Vorlage nehmen – gegen Schluss des fast zweistündigen Abends vom gekreuzigten Jesus die Rede. Ein Jesuit, dessen Glaubensbrüder auf bestialische Weise ermordet worden waren, wird zitiert. «Gott ist mitten unter uns. Er schaut uns zu und leidet.»

Was hat Grausamkeit mit Religion zu tun? Welche realen Bedeutungen haben Entsetzen und Gleichgültigkeit? Sind Zynismus, Moral und die Lieblingstugend Empathie nur noch Worthülsen? Milo Rau lässt diese Fragen offen. Er sagt über seine Bühnenthemen immer wieder, dass er weder Zeigefinger-Regie oder schulmeisterliche Besserwisserei betreiben noch die Register der ­bemühten Betroffenheitskultur ­bedienen will. Er betrachtet sein Publikum als mündige Menschen, die sich selber an der Nase nehmen sollen, wenn ihnen erzählt wird, was uns hier die beiden Schauspielerinnen Ursina Lardi und Consolate Sipérius um die Ohren klatschen.

Humanitäre Hilfe oft auch als Selbstzweck

Diese «mündigen» Menschen vernehmen das Geräusch von Regen auf Blech. Sie schauen von vollen Zuschauerrängen hinab auf eine zugemüllte Bühne. Es könnte auch das zerstörte Mobiliar einer afrikanischen Hütte sein. Die aus Afrika stammende Consolate Sipérius nimmt an ihrem Pültchen Platz, büschelt Papiere und eine kleine Schachtel, aus der heraus sie wenig später ein paar Kinderkleidungsstücke zieht: die wenigen Habseligkeiten, die ihr blieben, nachdem sie als Vierjährige hatte zusehen müssen, wie Eltern und Geschwister ermordet wurden. Sie kam in ein Waisenhaus und von dort zu ihren Adoptiveltern nach Belgien. Ein «Glücksfall» neben Tausenden, Millionen Opfern von Genoziden. War es in Burundi gewesen? Ruanda? Im Kongo? In der Zentralafrikanischen Republik? Die Erinnerung fährt über Schlaglöcher. In den trüben Pfützen spiegeln sich unsere bereits wieder auf aktuellere News fokussierten Unschuldshäupter. Wir perlen tatkräftig Glücksketten auf oder schauen im besten Fall gleich selber vor Ort zum Rechten.

Die Schweizer Schauspielerin Ursina Lardi war als junge Frau selber tätig für ein NGO. Ihre persönlichen und die Zitate anderer «humanitären» Helferinnen und Helfer von Nichtregierungsorganisationen, deren Einsätze nicht selten auch dem Selbstzweck dienen, bilden das von Milo Rau als Haupttext herausdestillierte Kaleidoskop des Unerträglichen.

Der eigenen Mitschuld auf den Leim gegangen

Die blondhaarige Frau steht mit Stöckelschuhen im zerstörten Mobiliar und plaudert im Erzählton: von «hippen» Syrern in klimatisierten Reisebussen, die doch unmöglich Flüchtlinge sein können. Von Massakern in Ruanda. Von Vergeltungstaten im Kongo. Von der Überlegenheit der Weissen – schliesslich verdienen wir gut mit der Rüstungsindustrie. Sie zeigt oft ihr strahlend weisses Gebiss, weil sie während ihrer Schilderungen lächelt. Über ihre Unbedarftheit. Über die absolute Stille im Saal. Über ein Hüsteln dazwischen. Über die Tatsache, dass sie im entscheidenden Moment feige ist, selber demütigt und Verrat begeht.

Letzte Vorstellung: Heute ­Donnerstag, 20 Uhr, Schiffbau Box, Zürich

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