Mit Zahlen Geschichten erzählen

In den Räumen des Architekturforums wird Bernard Tagwerker zum siebzigsten Geburtstag mit der Ausstellung «To whom it may concern» geehrt. Ein tiefgründiges Spiel mit Zahlen, Farben und Formen.

Beda Hanimann
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Bernard Tagwerker in den Räumen des Architekturforums: Ein Meister des Zufalls. (Bild: Urs Bucher)

Bernard Tagwerker in den Räumen des Architekturforums: Ein Meister des Zufalls. (Bild: Urs Bucher)

Eine Retrospektive zum Siebzigsten? Nein, das sollte es für Bernard Tagwerker nicht sein. In einer Vitrine liegen er zwar einige Fotos von Kunst am Bau, die eigentliche Ausstellung aber zeigt aktuelle Arbeiten. Da ist eine Serie von grossformatigen Tafeln. Fast untypisch verspielte Formen, und Tagwerker sagt denn auch selbst: «Diese Bilder legen im Grunde eine falsche Fährte. Ohne das Vorgehen dahinter zu kennen, würde man sagen: expressiv, gestisch, Frankreich der 50er-Jahre.»

Doch die Bilder sind im Plotter entstanden, «ich mache nichts von Hand». Auch hinter den neuen Bildern steht ein Konzept, «das via Computer umgesetzt wurde, ohne ästhetischen Entscheid». Ausgegangen ist Tagwerker dabei von Überlegungen, was passieren würde, wenn man Lernprozesse im Hirn oder bei Robotern rückwärts laufen lassen könnte. Er verwendet den Begriff «absurd», spricht von «entlernen» und fragt rhetorisch: «Sind diese Arbeiten nun wissenschaftlich?» Sie müssten es nicht sein, weil sie in einem anderen Kontext entstünden.

Walser in Zahlen

Falsche Fährten, Rätselhaftigkeit und der Wechsel von Kontexten spielen auch bei der zweiten Serie von Bildern eine Rolle. Es sind Tafeln, in denen er Texte in dezimale, binäre und andere Zahlensysteme umgewandelt hat. Das Vorgehen hat er unlängst auch bei der künstlerischen Gestaltung des Psychiatrischen Zentrums Herisau angewendet.

Weil dort während über zwanzig Jahren der Schriftsteller Robert Walser gelebt hatte, transkribierte Tagwerker Ausschnitte aus dessen Romanen. Bei Einwänden, in dieser Form verstehe das ja keiner, verwies er auf Walsers Mikrogramme, jene Texte in Miniaturschrift, die ursprünglich ebenfalls für eine unlesbare Geheimschrift gehalten wurde. Gleichzeitig stellt er richtig: Diese Zahlencodes könne man sehr wohl lesen, es sei eine Frage des Wollens, der Anstrengung, sich auf den Code einzulassen. Das ist ihm wichtig.

Die unterschiedliche visuelle Ausgestaltung der Zahlenreihen basiert auf computergenerierten Zufällen, eines der Merkmale von Tagwerkers Schaffen. Er hat schon früh den Zufall in den kreativen Prozess einbezogen (und sich so als den allmächtigen Schöpfer zurückgenommen). Anfänglich geschah das mit Würfeln oder Loseziehen, ab den 80er-Jahren nutzte er den Computer – der ihn auch lehrte: Es gibt guten und schlechten Zufall. Letzterer äussert sich für Tagwerker darin, «dass nach kurzer Zeit wieder Gesetzmässigkeiten sichtbar werden».

Kunst und Wissenschaft

Wenn man Tagwerker begeistert referieren hört über Computerarbeit, über Aspekte der Hirnforschung und Experimente mit Robotern, dann kommt der leise Verdacht auf, hier habe man es eher mit einem Wissenschafter als mit einem Künstler zu tun. Er stellt ihn nicht in Abrede: Ja, er befasse sich heute mehr mit wissenschaftlicher Literatur als mit solcher über Kunst.

Seine Position skizziert er so: Während klassisch arbeitende Kunstschaffende ihn als Computerkünstler sähen, gelte er für diese nicht als Spezialist der Computerkunst. Viel mehr staunt er selbst immer wieder über die Spielmöglichkeiten, welche die Rationalität des Computers offen lässt. Wissenschaftliches Interesse, das sich nicht wissenschaftlich ausdrücken muss, so könnte man es umschreiben.

Architekturforum, Davidstr. 40. Bis 2. Dezember

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