Mit Wucht, ohne Ironie

«Tatort»

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«Borowski und das Fest des Nordens» spielt während der Kieler Woche, die jeweils im Juni stattfindet – also jetzt. Gedreht wurde dieser «Tatort» 2015, während besagtem Volksfest: Der Rummel ist folglich echt.

Für Sibel Kekilli ist es der letzte Auftritt als Kommissarin Sarah Brandt. Er wird haften bleiben: Der Fall um einen Mann im Ausnahmezustand (herausragend: Mišel Maticevic), der zwei Menschen aus purer Wut und Verzweiflung tötet, ist eine Liga für sich. Ganz grosses Fernsehkino, in dem auch Kekilli und Axel Milberg als Kommissar Borowski ernsthaft aneinandergeraten. Und das ob der Person des Täters: «Sie blöde Kuh», so schreit er, «Ich mach Sie fertig», so sie.

Schauspielerische Wucht gesellt sich zu einer Regie (Jan Bonny), die auf jede ironische Distanz verzichtet. Und das so inspiriert und tiefgründig, dass man diese Folge zweimal schauen und dem Täter auf die Spur kommen möchte, der impulsiv, aber wie betäubt agiert. Er halte es für Unsinn, Figuren immer eindeutig zu zeichnen, so der Regisseur dieses Milieustücks, dessen Drehbuch Markus Busch nach einer Vorlage von Henning Mankell schrieb.

Wer ist Roman Eggers? Seinen Namen erfährt man spät, seine Wut kennt man nach wenigen Minuten – eingefangen von der Handkamera. Er entspringe «dem Geistermilieu der gegenwärtigen neuen Armut», so Jan Bonny. Die grobe Gewalt im Film stelle diesem viel Physis gegenüber. Erschlägt der Täter ohne Hoffnung seine Geliebte, ist das brachial und grausam. Gegenpol zur Brutalität ist immer wieder wunderbar behutsame Musik. Die schon zärtliche Sympathie, die Borowski für diesen haltlos Frustrierten zu empfinden scheint, verstört nicht nur seine Kollegin Brandt. Ein starker Krimi – auch wegen seiner Vielschichtigkeit.

Susanne Holz

«Tatort» aus Kiel: «Borowski und das Fest des Nordens». Heute, 20.05 Uhr, SRF 1.