Theater mit Valium gewürzt

Die Theatergruppe Scaena wagt sich an Pedro Almodóvars «Frauen am Rande des Nervenzusammenbruchs». Bruno Broders Inszenierung überzeugt mit witzigen Einfällen – der Wahnsinn wirkt jedoch etwas gesucht.

Mirjam Bächtold
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Thomas Locher chauffiert Pepa (Selina Althaus) durch Madrids Strassen. (Bild: Michel Canonica)

Thomas Locher chauffiert Pepa (Selina Althaus) durch Madrids Strassen. (Bild: Michel Canonica)

Was kommt nochmal in die Gazpacho? Tomaten, Gurken, Olivenöl, Knoblauch und Valium. Ganz viel Valium. Jedenfalls, wenn Pepa die Suppe für Iván mixt. Denn dieser hat Pepa auf den Anrufbeantworter gesprochen, dass er sie verlässt. Und das treibt die Schauspielerin an den Rand des Nervenzusammenbruchs. Dort befinden sich auch Lucia (Iváns Frau, von der er die Scheidung will), Candela, die mit einem Terroristen geschlafen hat und Paulina, Lucias Anwältin, die Iván ebenfalls auf den Leim gegangen ist. Pedro Almodóvars Kultfilm «Frauen am Rande des Nervenzusammenbruchs» wurde von Jeffrey Lane (Buch) und David Yazbek (Musik und Liedtexte) als Musical adaptiert. Die semiprofessionelle Theatergruppe Scaena in St. Gallen zeigt es in einer Schweizer Erstaufführung im Kirchgemeindehaus Lachen. Es wurde dafür in ein spanisches Bodega-Restaurant verwandelt, wo das Publikum Tapas und Paella essen kann.

Mit dem Autoscooter durch Madrid

Die rasante Inszenierung lebt von Bruno Broders witzigen Regieeinfällen. Etwa die Filmeinspielungen aus Madrids Strassen und die selbst gedrehten Werbespots und Newssendungen. Er bringt einen echten Autoscooter als Taxi auf die Bühne, in das sich der Taxifahrer und Pepa quetschen und durch Madrid rasen. Der Taxifahrer sieht in die Leben der Frauen und wird zum Erzähler des Stücks. Thomas Locher spielt ihn überzeugend als Macho mit Schlaghose, offenem Hemd und behaarter Brust, der einfach nur zuschaut und lächelt, während sich die Frauen immer mehr auf den Abgrund zu bewegen.

Das aufwendig gebaute Bühnenbild (Köbi Rohrer) zeigt die Appartements von Pepa und Lucia, kann aber schnell zum Filmstudio oder zum Gerichtssaal umfunktioniert werden. Die zweistöckigen Wohnungen lassen sich kreativ bespielen, besonders in der Szene, in der sich Candela durch einen Sprung von der Terrasse beinahe umbringt.

Dialoge wirken meistens aufgesetzt

Die Dialoge von Jeffrey Lane sind rasant und die Darstellerinnen werfen sie sich so schnell an die Köpfe, dass man kaum folgen kann. Candela versucht verzweifelt, Pepa zu erreichen, weil sich ihr Freund als Terrorist entpuppt hat. «Ich bin am Ende», sagt sie zu Pepa, worauf diese ignorierend und geistesabwesend erwidert: «Ich bin gleich wieder da.» Der Autor will wohl mit den wirren Dialogen den Wahnsinn darstellen. Bei Almodóvar gehört das Schrille und Überzeichnete zum Programm. Leider erhalten einzelne Figuren wenig Tiefe. Selina Althaus etwa könnte als Pepa mehr Wut und Verzweiflung zeigen. Die Emotionen sieht man erst, wenn sie singt. Dabei überzeugt sie vom ersten Ton an mit ihrer kräftigen, klaren Stimme.

Die Musik unterstreicht den Wahnsinn

Manuela Gerosa spielt das etwas dümmliche Model Candela auf eine liebenswürdig verzweifelte Art. Auch Brigitte Fischbacher ist als betrogene Ehefrau Lucia eine Wucht. Vor Gericht fordert die von sich sehr überzeugte Frau nicht etwa Geld, sondern die Jahre zurück, um die Iván sie betrogen hat. Eine Entdeckung ist der junge Tenor Stefan Diethelm, der Lucias Sohn Carlo verkörpert. Er hat die fadeste Rolle im Stück, spielt den unbeholfenen und etwas tollpatschigen Mann mit solcher Überzeugung, dass er die Aufmerksamkeit des Publikums auf sich lenkt. Mischa Dell’Agnese beweist seine Wandlungsfähigkeit als Arzt, schwuler Friseur, Richter und Kommissar. Marcel Sennhauser nimmt man als Iván den multiplen Herzensbrecher (zwölfeinhalb Frauen) nicht ab.

David Yazbeks Musik ist anspruchsvoll und unterstreicht mit den gewollt komponierten Disharmonien die Verrücktheit und Zerrissenheit, die die Figuren empfinden. Manche Stücke sind für das neu zusammengewürfelte Orchester eine hörbare Herausforderung.

Leider ist die Musik an manchen Stellen so laut, dass man die rasend schnell gesungenen Liedtexte kaum versteht. In der Inszenierung überzeugt vor allem der zweite Teil, in dem sich die Ereignisse zuspitzen. Es ist eine rasante Komödie, mit einem Hang zum Surrealen.

Hinweis

Weitere Vorstellungen bis 26.1., Infos unter scaena.ch