Stan Laurel trifft Thomas von Aquin: Mit Slapstick erträgt man auch das Jenseits

Markus Orths lässt in seinem neuen Roman Stan Laurel im Finstern über Thomas von Aquin stolpern – und bringt die Komik zum Denken.

Hansruedi Kugler
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Literarisches Treffen im Jenseits: Stan Laurel und Thomas von Aquin - ein herrliches, philosophisches Slapstick-Duo.

Literarisches Treffen im Jenseits: Stan Laurel und Thomas von Aquin - ein herrliches, philosophisches Slapstick-Duo.

Bilder: Imago Images, Alamy; Montage: chm

Die Seriösen und Ernsthaften unter uns haben das selbe Problem mit dem Lachen wie viele Philosophen: Es ist entweder als Schadenfreude moralisch verwerfliche Überheblichkeit oder ein deprimierendes Zeichen gedanklicher Unvollkommenheit oder ein peinlicher Reflex auf die eigene Verklemmtheit. Und wenn dann ein Kirchengelehrter aus dem 13. Jahrhundert wie Thomas von Aquin das Lachverbot auf die Bergpredigt (Lukas, 6.25) zurückführt, hat man eigentlich keine Argumente mehr für das Lachen. Es sei denn, man nimmt wie der Schriftsteller Markus Orths den Slapstick-Komödianten Stan Laurel als Kronzeugen: Mit ihm erhält das Komische jene Tiefe, die es zur fröhlichen Philosophie erhebt, und sogar Thomas von Aquin nach Jahrzehnten der Lachabstinenz zu einem gewaltigen Lachanfall überwältigt.

Will da jemand protestieren? Der Doofe von «Dick und Doof» – eine philosophische Figur? Ja doch. Zu häufig wird das Komische auf das geflügelte Wort reduziert: «Lustig ist, worüber die Menschen lachen.» Ein intellektuell magerer Satz und eine Fehleinschätzung. Denn im Lachen steckt Vitalität, Grenzüberschreitung, Selbsterkenntnis und philosophische Tiefe. Der deutsche Schriftsteller Markus Orths, selbst studierter Philosoph, Romanist und Anglist, hat dazu diesen bezaubernd originellen, klugen und amüsanten Roman geschrieben: «Picknick im Dunkeln.»

Thomas von Aquin, die unfreiwillige Witzfigur

In Orths Roman irrt Stan Laurel nach seinem Tod 1965 in einem komplett finsteren Tunnel umher und stolpert dort über den 1274 verstorbenen Thomas von Aquin. Der Komiker und der Philosoph suchen nun gemeinsam eine Antwort, wo sie eigentlich sind und warum gerade sie beide aufeinander treffen.

Thomas ist selbst eine unfreiwillige Witzfigur: Er, der als Theologe die Natur und den Sex als gottgegeben lobt («Böse kann nur der menschliche Umgang damit sein»), ist ein verfressener Schelm: Weil er Fisch hasst, isst er freitags «Fischähnliche», nämlich Wasservögel wie Enten und sogar Gänse. Thomas erkennt in der Schmerz- und Geruchlosigkeit des Tunnels die Phase nach dem Tod, in welcher Seele und Geist sich trennen und erst in der Wiederauferstehung vereinen. Davon glaubt Stan natürlich kein Wort. Aber weil die Finsternis besser zu ertragen ist, wenn man gemeinsam geht, werden sie zum philosophischen Slapstick-Duo, das über Unsterblichkeit und Frauen, Gott, die Weltgeschichte und vor allem über das Lachen spricht.

Das alberne Lachen ist Einübung ins Sterben

Stan beginnt über seine Komik nachzudenken und Thomas gewinnt allmählich Freude am Atheisten und albernen Komödianten Stan, der viele Filmgags erzählt, die zumeist aus seiner Feder stammten. Unvergesslich etwa Stan und Ollies tollpatschiger Klaviertransport mehrere Treppen hoch. Immer wieder rutscht das Klavier zurück – es ist eine Parodie auf die Felskugel des Sisyphus: ein Symbol der absurden Menschenexistenz und nimmt das Absurde zum Beispiel von Albert Camus voraus. Klar geht es auch einfach: Da fragt etwa Stan in «Fra Diavolo» seinen Kumpel Ollie: «Wenn du tot bist, möchtest du begraben werden oder soll ich dich ausstopfen? Ich dachte, es wäre schön, dich im Wohnzimmer zu haben.» Dann steckt im Makabren das Komische des kindlich Naiven. Stans Slapstick ist aber noch mehr: Wenn immer Ollie neben Stan im Wasserloch verschwindet, ist das nicht Schadenfreude, sondern die Komik des reinen Zufalls. Dies lachend zu ertragen ist eine Vorbereitung in das Unvorhersehbare, das uns nach dem Tod erwartet, erklärt Lachphilosoph Stan Laurel: «Das alberne Lachen als Einübung ins Sterben!»

Und wenn am Ende Thomas von Aquin lachend Stans «Kniechen, Näschen, Öhrchen» nachahmt, erinnert er sich an dessen Satz: «Die Sinnlosigkeit macht sich Luft im Unsinn.» Es ist ein solidarisches Lachen über unser aller Unzulänglichkeit. Die höchste, freieste Form ist das alberne Lachen: «Endlich muss es keinen Sinn im Leben haben», sagt Stan. Lachen also als pure Lebensfreude.

Jede Wette: Nach diesem wunderbaren Roman wird man «Fra Diavolo» oder «Way out West» oder «The Music Box» mit offeneren, weil philosophischen Augen mit Genuss wieder schauen.

Markus Orths Picknick im Dunkeln. Roman, Hanser, 237 S.