Mit sich ringen

Unter dem Titel «Selbst mit Maske» bespielt der Medienkünstler Ernst Thoma die Kirche St. Mangen. Mit drei Masken aus der Commedia dell'arte geht Thoma auf eine Art Selbsterforschung emotionaler Zustände.

Martin Preisser
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Szenisches Spiel mit sich selbst: Arbeiten von Ernst Thoma in der Kirche St. Mangen. (Bild: Michel Canonica)

Szenisches Spiel mit sich selbst: Arbeiten von Ernst Thoma in der Kirche St. Mangen. (Bild: Michel Canonica)

«Ich bin beinahe bestürzt, wie schmucklos diese reformierte Kirche ist», schrieb ein Tourist aus Tirol (vor der neuen Ausstellung) ins Gästebuch von St. Mangen. Erschrocken über die Kahlheit dieses Gotteshauses war auch Ernst Thoma, Medienkünstler aus Stein am Rhein. Diese Kirche braucht Kunst, das ist unbestritten. Zum dritten Mal wird sie, kuratiert von Hans Thomann, jetzt bespielt.

Tisch-Szenen

Die sieben Bilder Ernst Thomas passen in diese Kirche. Sie zeigen den Künstler selbst, nackt mit Masken. Bis zu drei Masken aus der Commedia dell'arte (Turchetto bianco, Volto bianco und Dottore della Peste) tauchen auf. Zu jeder Maske gibt es einen (denselben) Körper. Ernst Thoma hat ein szenisches Spiel mit sich selbst betrieben, auf dem engen Raum eines Tisches. Pro Figur und Maske hat er ein Video angefertigt. Auf den Bildern sieht man Szenen aus übereinander gelegten Videosequenzen, deren Pixel, die bei der Vergrösserung auftreten, der Künstler am Computer mit einem Schwämmchen verwischt hat. Gedruckt auf Leinwand bekommen diese Arbeiten dadurch einen sehr malerischen Charakter.

Auf variantenreiche Art ringt auf diesen Bildern der Künstler mit sich selbst. Vor schwarzem Hintergrund erinnern die Bilder in ihrer (dezenten) Fleischlichkeit fast ein wenig an die düsteren Gemälde Caravaggios, die einige römische Kirchen seltsam zieren. Das Ringen des Künstlers scheint wie symbolisch als emotionale Verschlingung auf. Die Körper, leicht verwischt, erscheinen in einer Art Schwebezustand zwischen dem dunklen Raum und den klaren Masken. Die Commedia-Masken geben dem Gesicht Schutz und Rückzug, wirken aber auch abwehrend. «Du sollst Dir kein Bildnis machen», dieser religiöse Satz kommt dem Betrachter vielleicht in den Sinn. Zu verborgen sind oft die inneren Gefühle und Konflikte eines Menschen hinter seinen «Masken».

Geborgen und verloren

Die verschiedenen emotionalen Zustände zeigt Ernst Thoma virtuos in immer neuen Körperverschlingungen. Da gibt es Bilder, auf denen ein kleiner Körper bei einem grossen Trost findet, da gibt es Bilder von durchaus erotischer Kraft oder gar aggressiven Körperbegegnungen. Nähe und Distanz, Geborgenheit und Verlorenheit, gekauert, geschützt, bedrängt und aufgehoben. Ernst Thomas Videosequenzen sind stark und wirken intensiv in ihrer Chiffrenhaftigkeit.

Kraft und Unmittelbarkeit

Der menschliche Körper, raffiniert mit den Masken drapiert, scheint als Mensch auf, aber könnte auch zum Dämon oder Kobold kippen. Innerseelische Auseinandersetzung, der Kampf mit sich selbst und den eigenen Ideen, Wünschen, Vorstellungen, der ein Ringen bleiben kann, sich aber auch in Aufgehobensein wandeln kann, ist im weitesten Sinne auch ein religiöses Thema, wo das Bild des Ringens in vielfältiger Weise immer wieder auftaucht. Ernst Thomas Arbeiten sind nicht religiös intendiert, in ihrer Kraft und Unmittelbarkeit laden sie aber dazu ein, ein Stück weit einen eigenen Meditationsweg in der Kirche «abzuschreiten».

Bis 24. November. Kirche St. Mangen, Kirchgasse 17, St. Gallen (Seiteneingang rechts), täglich 9–18 Uhr. Kunstgottesdienst mit Rudolf Lutz, Orgel, Sa, 5.11., 17.30 Uhr.

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