Mit sich ist er nie zufrieden

Würde er heute leben, der Universalgelehrte Gottfried Wilhelm Leibniz wäre gewiss Blogger, so unstillbar war sein Mitteilungsdrang. Vor 300 Jahren starb der Mann, der manches vorausgedacht hat.

Rolf App
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Was ist der Raum? Diese Frage entzweite Leibniz und Newton. (Bild: SkyLine/Fotolia)

Was ist der Raum? Diese Frage entzweite Leibniz und Newton. (Bild: SkyLine/Fotolia)

Schon bald wird berichtet, er sei wie ein wahrer Philosoph gestorben an diesem 14. November 1716 – fast genau vor 300 Jahren. Lächelnd sei er entschlafen, bis zuletzt schreibend. Die Wahrheit ist weit, sehr weit davon entfernt. Gottfried Wilhelm Leibniz ist ein Gehetzter. Immer stärker setzt ihm die Gicht zu, bestialische Schmerzen peinigen ihn. Rastlos schreibt er Briefe. Und seit sein Kurfürst von Hannover den englischen Thron bestiegen hat, versauert er in der Provinz, während niemand daran denkt, ihn nach London zu holen. Er soll zuerst seine Geschichte des Welfengeschlechts fertig schreiben. An der arbeitet Leibniz schon seit Jahrzehnten. Immerhin: In der Einleitung handelt er grandios die Frühgeschichte der Erde ab.

Zu alledem hielt er sich auch noch krumm

Besonders beliebt ist dieser Gottfried Wilhelm Leibniz nicht. Er bleibt ein Aussenseiter bei Hofe. Für die meisten Menschen sei er ein weltfremder Gelehrter gewesen, erzählt sein Biograph Eike Christian Hirsch. Man habe ihn an seiner dunklen Perücke erkannt «und an der bestickten Kleidung, die ihm nicht stand. In diesem Aufzug wirkte er mit seinem grossen Kopf geradezu wunderlich. Stark kurzsichtig, dazu etwas linkisch, mit den Händen ungeschickt, hielt er sich auch noch krumm.»

Meist habe er auch noch undeutlich gesprochen und wenig selbstsicher gewirkt – «es sei denn, er fand ein wohlwollendes Gegenüber. Denn sobald man ihm wirklich zuhörte, machte er Eindruck, grossen Eindruck sogar.» Und zwar auf fast allen Gebieten, von Philosophie über Theologie und Technik bis hin zu Physik und Mathematik. Kaum ein Thema, über das er nicht Bescheid wusste.

Ein Systematiker ist dieser Universalgelehrte nicht. Er tut sich schwer, mit anderen zusammenzuarbeiten, ist aber auch mit sich selber selten zufrieden. So bleibt vieles liegen. Sein handschriftlicher, schwer zu entziffernder Nachlass umfasst 200 000 Blatt Papier.

An die tausend Briefpartner sind überliefert

Sein ideales Medium scheint der Brief gewesen zu sein. An die tausend Briefpartner sind überliefert, in Briefen entwickelt Leibniz seine Ideen und ficht in aller Höflichkeit Kontroversen aus. Heute würde man sagen: Der Mann ist der Netzwerker par excellence. Und heute würde Leibniz vermutlich als Blogger für Furore sorgen. Doch er ist ein Mann des 17. Jahrhunderts, geboren 1646 in Leipzig als Sohn eines Professors mit stattlicher Bibliothek. Schon in der Schule fällt seine enorme Begabung auf. Mit sieben Jahren bringt er sich selber Latein bei, indem er die Bücher studiert, die sein Vater ihm hinterlassen hat. Er studiert Philosophie, Recht, Mathematik und Physik, schlägt eine Professorenstelle aus und tritt stattdessen in die Dienste des Mainzer Erzbischofs, reist in diplomatischer Mission nach Paris, wo er die Crème de la crème der modernen Wissenschaft kennen lernt. 1676 heuert er bei den Welfenfürsten von Hannover an, wird deren Bibliothekar und Berater. Auch andern Herrschern dient er seine Ratschläge an, manchmal mit, manchmal auch ohne Erfolg.

Im stillen Kämmerlein, auf dem Notiz- und Briefpapier ist Leibniz grenzenlos produktiv. Er erfindet die Inifinitesimalrechnung, die er den Calculus nennt, mit deren Hilfe beispielsweise Eigenschaften einer Kurve berechnet werden können. Mit dem Engländer Isaac Newton wird sich später ein Streit darüber entspinnen, wer zuerst auf die Idee gekommen ist. Er tritt jenen von René Descartes geprägten Auffassungen entgegen, die alles in der Welt für determiniert halten und den freien Willen negieren. Neben der physikalischen errichtet er eine geistig und religiös gedachte Gegenwelt, in der Gottes Wille und Vorherbestimmung ihre Macht bewahren. Deshalb opponiert er auch Newtons Fiktion eines absoluten Raumes und einer absoluten Zeit. Denn diese absoluten Grössen seien eine Konkurrenz zu Gottes Grösse.

Kein Staatsbegräbnis für Gottfried Wilhelm Leibniz

Seine – vor dem Hintergrund von Einsteins Relativitätstheorien durchaus moderne – Gegenauffassung lautet: Der Raum entsteht durch die erschaffene Materie, er ist etwas Relatives. Und auch in der Mathematik greift er weit vor, indem er jenen Binärcode verwendet, der im 20. Jahrhundert zur Grundlage der Computerwirtschaft wird.

So wird dieser Mann, der so sehr seiner Zeit und Welt verhaftet bleibt, zu einer Art Zukunftsforscher. Aber während sein englischer Kontrahent Isaac Newton zehn Jahre später mit höchstem Pomp zu Grabe getragen wird, verweigert man Leibniz ein Staatsbegräbnis. Er stirbt halb vergessen. Immerhin ordnet die Regierung an, man solle seine hinterlassenen Schriften «aufs Sorgfältigste verwahren». Was ausserordentlich klug war.

Eike Christian Hirsch: Der berühmte Herr Leibniz, C.H.Beck 2000

Gottfried Wilhelm Leibniz (Bild: Fotolia)

Gottfried Wilhelm Leibniz (Bild: Fotolia)

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