Mit Sack und Pack auf die Alp

Darstellungen von Alpfahrten sind keine Spezialität der Region um den Säntis, sondern finden sich auch in der Westschweiz. Das zeigt eine Ausstellung im Museum Appenzell, die erstmals Exponate aus der West- und Ostschweiz vereint. Im Zentrum steht das 19. Jahrhundert.

Christina Genova
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Poyas von Albert Reuteler von 1925 (oben) und Nicolas Grandjean von 1846, zwei Leihgaben des Musée gruérien in Bulle. (Bild: Michaela Rohrer)

Poyas von Albert Reuteler von 1925 (oben) und Nicolas Grandjean von 1846, zwei Leihgaben des Musée gruérien in Bulle. (Bild: Michaela Rohrer)

APPENZELL. Es geht um die Kuh. Eine prächtige Herde bedeutet Wohlstand und ist der Stolz jedes Bauern. Und er will sie im Bild verewigt haben. Rund um den Säntis, aber auch im Greyerzerland und im benachbarten Pays-d'Enhaut entwickeln sich Anfang des 19. Jahrhunderts die ersten Darstellungen der sennischen Welt – ohne dass die Künstler voneinander wissen. Gemeinsam ist diesen Gebieten, dass Alpwirtschaft und Viehzucht von grosser wirtschaftlicher Bedeutung sind.

Im Museum Appenzell sind nun zum erstenmal überhaupt Werke aus der West- und Ostschweiz in der Ausstellung «Alpine Volkskunst in der Schweiz» vereint. Dies erlaubt interessante Vergleiche. Die Schau geht auf eine Idee von Guy Filippa zurück, der seit Jahrzehnten Schweizer Volkskunst sammelt und erforscht. Seine dreissig Werke umfassende Sammlung wird vollständig gezeigt, ergänzt durch Werke aus dem Museum Appenzell und grosszügige Leihgaben aus Museen in Bulle, Château-d'Œx, Sion und Isérables.

Vier Meter Alpaufzug

Der Moment, der auf den Bildern am häufigsten festgehalten wird, ist die Alpauffahrt. Es ist ein Festtag, wenn sich die Sennen mit Sack und Pack und ihren Tieren auf den Weg zur Alp machen. In der Westschweiz nennt man solche Darstellungen Poyas. Im Greyerzer Dialekt bedeutet «poyi» auf die Alp steigen. Die Poyas werden über dem Scheunentor angebracht und sind von grossem Format, weil sie von Weitem erkannt werden müssen. Die Scheune ist ein wichtiger Ort, denn dort wird das Viehfutter für den Winter aufbewahrt. In der Sammlung des Musée gruérien in Bulle befindet sich eine über vier Meter lange Poya von Sylvestre Pidoux. Sie ist in der Ausstellung als Reproduktion präsent. Pidoux war Köhler und gilt als Begründer der Poya-Malerei. In der Ausstellung sind insgesamt fünf Poyas zu sehen. Den Poyas gemeinsam ist, dass immer der ganze Alpaufzug dargestellt wird. Eine lange Reihe von Kühe zieht in grossen Schlaufen Richtung Alp. Es ist immer die Alpauffahrt, die gemalt wird; sie symbolisiert den Beginn der produktiven Jahreszeit. Im Gegensatz dazu werden auf den Sennenstreifen der Ostschweiz auch Alpabfahrten und Ausschnitte des Zuges abgebildet. Sie sind kleineren Formats, da sie für den Innenraum bestimmt waren.

Klosterarbeiten als Vorbild

Im Waadtländer Pays-d'Enhaut wird das Thema des Alpaufzugs hauptsächlich in Form von Scherenschnitten dargestellt. Erfunden hat diese Kunst Johann Jakob Hauswirth (1809–1971). Klosterarbeiten könnten ihn dazu inspiriert haben: Nonnen in der Region Freiburg verzierten seit Ende des 17. Jahrhunderts Heiligenbilder mit Scherenschnitten. Hauswirth war Holzfäller und Köhler und lebte abseits von Etivaz in einer Schlucht. Um mit seinen kräftigen Händen die Schere besser halten zu können, befestigte er Drahtschlaufen daran. Weil er farbiges Papier liebte, aber kein Geld dafür hatte, sammelte und verarbeitete Hauswirth Tapetenreste und Bonbonpapiere. Er wandte sowohl den Symmetrieschnitt als auch die Collagetechnik an. Im Museum Appenzell sind elf Scherenschnitte Hauswirths ausgestellt und sechs von Louis David Saugy, der seinem Vorbild Hauswirth nachfolgte. Saugy wandte vorwiegend die Collagetechnik an. Die einzelnen Elemente fügte er mit Hilfe einer Hutnadel und Gummiarabikum zusammen. Es ist eine Freude, sich in den Detailreichtum der filigranen Scherenschnitte zu vertiefen, wobei Saugys Arbeiten lebendiger wirken als jene Hauswirths.

Aussenseiter malen für Bauern

Die meisten Künstler der Ost- und Westschweiz, die Auftragsarbeiten für Bauern ausführten, waren selbst keine Bauern und häufig gesellschaftliche Aussenseiter. Sie bekamen kaum Anerkennung für ihre Kunst und lebten in ärmlichen Verhältnissen. Bartholomäus Lämmler, der als eigentlicher Begründer der ostschweizerischen Senntumsmalerei gilt, war Knecht, in seinen letzten Lebensjahren ohne festen Wohnsitz und starb 1865 an den Folgen seiner Schnapssucht. Der einzige, der recht gut von seiner Kunst leben konnte, war Johannes Müller (1806–1897) – der gelernte Uhrmacher war der erfolgreichste Bauernmaler überhaupt.

Bis 18.9. Nächste Führung 2.4., 15.30 Uhr; zur Ausstellung ist ein Begleitheft erschienen.